Andermattt
Ein Tag in Sawiris Fünf-Sterne-Luxustempel

104 Zimmer - ein Zimmer gibts ab 550 Franken pro Nacht. Welchen Prunk Samih Sawiris’ Hotel "The Chedi" in Andermatt bietet – und was die Dorfbewohner davon halten. Ein Augenschein vor Ort.

Thomas Schlittler, Andermatt
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Der ägyptische Unternehmer Samih Sawiris konnte es gestern während der Vorstellung seines Resorts kaum fassen: «Es gibt im ganzen Restaurant-Bereich keine Toilette?!»

Die junge Kellnerin, die die Frage beantworten muss, verneint, lächelt etwas verlegen und zeigt dem Chef den Weg zum stillen Örtchen. Sawiris schüttelt ungläubig den Kopf und folgt ihr. Er muss neben der Bar auf die Toilette.

Samih Sawiris präsentiert sein erste Musterzimmer im Hotel «The Chedi» in Andermatt.
14 Bilder
Sawiris stellt sein 300-Millionen-Luxushotel «The Chedi» in Andermatt vor
Blick in die luxuriöse Lobby des Nobel-Hotels.
Der Speisesaal.
Überall komplett durchgestyltes Ambiente.

Samih Sawiris präsentiert sein erste Musterzimmer im Hotel «The Chedi» in Andermatt.

Keystone

Das 5-Sterne-Hotel The Chedi ist aber kein normales Hotel. Hier werden ab dem 20. Dezember Gäste erwartet, denen das Beste gerade gut genug ist.

Ein Standardzimmer gibt es in der Nebensaison ab 550 Franken pro Nacht, eine Deluxe-Suite ab 950 Franken.

Deluxe-Suiten können auch gekauft werden. Der Preis liegt bei rund 1,7 Millionen Franken. Die teuerste Flasche Wein kostet gegen 17 000 Franken.

Noch nicht alle Versprechen eingelöst

Bänz Simmen kann sich solchen Luxus kaum leisten. Und auch wenn er es könnte - es würde ihm wohl nicht viel sagen.

Das Dorforiginal führt mitten in Andermatt eine kleine Internet-Kiosk-Café-Bar. Im Winter leitet er zudem Schneeschuhtouren.

«Wenn das Dorf heute über das Grossprojekt von Samih Sawiris abstimmen würde, wäre das Ergebnis immer noch positiv», sagt Simmen mit urchigem Urschner Dialekt. Doch er fügt an: «Die Goldgräberstimmung ist verschwunden.»
Samih Sawiris hat Wort gehalten - und doch nicht. Vieles von dem, was er angekündigt hat, lässt auf sich warten. Die Skigebiete Gemsstock und Nätschen sind noch nicht mit Sedrun verbunden und es gibt bis jetzt weder eine Schwimmhalle noch den 18-Loch-Golfplatz.

Wie sich diese Projekte entwickeln werden, wird entscheidend sein, meint Simmen: «Heute gibt es in Andermatt nur ein Schlecht-Wetter-Programm: die Beiz.»

Auch kulinarisch habe das Dorf einiges aufzuholen: «Lange Zeit hatten wir nur das Militär zu Gast. Die mussten hier essen, da brauchte sich niemand besonders ins Zeug zu legen.»
Simmen hofft, dass sein Dorf nun den Schalter umlegen kann und sich im Kampf um Touristen von seiner besten Seite zeigt.

Denn letztlich sei es doch so: «Entweder die Touristen kommen nach Andermatt, oder hier ist bald gar nichts mehr los.»

Ohne Tourismus und Militär würden die Leute nämlich je länger, je mehr wegziehen müssen. «Von daher kann man als Einheimischer eigentlich nur für das Sawiris-Projekt sein - es gibt keine echte Alternative», so der Ur-Urschner.
Dass wohl die Mehrheit so denkt, zeigt sich in Gesprächen mit anderen Dorfbewohnern. Walter Danioth führt das 2-Sterne-Hotel Badus direkt gegenüber dem neuen Luxustempel.

Er hofft auf zusätzliche Gäste - nicht zuletzt für sein Restaurant. «Die werden ja kaum die ganze Zeit im Hotel bleiben», so der Gastwirt.
Auch Marie Louise Gähwiler, Besitzerin eines lokalen Kleidergeschäfts, ist «gespannt wie ein Pfeilbogen», wie sich die Dinge entwickeln werden, sobald die ersten gut betuchten Gäste kommen.

Für ihr Geschäft erwartet sie allerdings keinen Schub: «Meine Kleider sind wohl zu günstig.»

Sie hofft jedoch für ihre Kollegen aus der Gastronomie auf mehr Umsatz. Zudem freut sie sich, wenn die Bauarbeiten vorbei sind: «Im Moment sind noch viele Ferienwohnungen von Arbeitern besetzt. Dadurch fehlt der Platz für Touristen - und das merke ich wiederum beim Umsatz im Laden.»

Ein Etappensieg, aber noch nicht mehr

Bis die letzten Bauarbeiten abgeschlossen sind, dürfte es noch ein Weilchen dauern.

Um das «Chedi» mit seinen 104 Zimmern, Residenzen und Suiten, verschiedenen Restaurants und einem 2400 Quadratmeter grossen Spa-Bereich zu errichten, dauerte es mehr als vier Jahre.

In den nächsten Jahren sollen in Andermatt sechs Hotels, 490 Appartements in 42 Gebäuden und rund 25 Villen dazukommen. Nicht zu vergessen Kongresseinrichtungen, eine Schwimmhalle, ein Golfplatz und ein vergrössertes Skigebiet. Insgesamt werden die Bauarbeiten rund 300 Millionen Franken kosten.
2015 will Sawiris mit dem Hotel schwarze Zahlen schreiben. Man müsse nicht sofort, das heisst nicht im ersten Jahr, Geld verdienen. Im Gegenteil: Es sei nicht von Vorteil, wenn ein Hotel von Beginn an voll belegt sei. Das Team müsse sich zuerst finden - ohne Stress. «Wenn ein Betrieb am Anfang nicht funktioniert, kann schlechte Mundpropaganda vieles kaputtmachen.»