Bilanz
Einbussen für die SBB: Wegen Corona-Virus shoppen Pendler weniger

Die Bahn verzeichnete 2019 einen Passagierrekord und forciert ihre Immobiliensparte. Verdirbt ihr das Corona-Virus nun das Geschäft?

Stefan Ehrbar
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SBB-Chef Andreas Meyer präsentierte am Dienstag zum letzten Mal die Jahresbilanz. Ende März tritt er zurück.

SBB-Chef Andreas Meyer präsentierte am Dienstag zum letzten Mal die Jahresbilanz. Ende März tritt er zurück.

Anthony Anex/Keystone

Der letzte Auftritt von Andreas Meyer hätte ein schöner werden sollen. Was der abtretende SBB-Chef zur aktuellen Situation zu sagen hatte, klang aber alles andere als optimistisch. Die Sorge vor dem Corona-Virus hat die SBB fest im Griff. Auf Zügen nach Italien sind 90 Prozent weniger Passagiere unterwegs, nach Frankreich beträgt das Minus 60 Prozent.

Im Schweizer Fernverkehr fehlt zurzeit etwa jeder zehnte Passagier, nachdem der Bund geraten hatte, Stosszeiten und engen Kontakt mit Mitmenschen zu meiden. Etwa eine halbe Million Franken pro Tag koste das Virus die SBB, sagte Meyer an seiner letzten Jahres-Medienkonferenz am Dienstag. Das könne die Bahn noch stemmen. «Ob das so bleibt, wissen wir aber nicht. Eine Prognose ist unmöglich.»

Immer weniger Gewinn pro Passagier im Fernverkehr

Meyer tritt Ende Monat nach 13 Jahren an der Spitze der SBB ab. Die Auswirkungen der Krise spürt erst sein Nachfolger. Und so konnte sich Meyer mit einer Jahresbilanz verabschieden, die dieselbe Kernbotschaft enthielt wie jene der letzten Jahre: In immer mehr Zügen sind immer mehr Passagiere unterwegs. In der Ära Meyer ist die Zahl der SBB-Kunden um 50 Prozent gewachsen, im letzten Jahr resultierte ein Plus von sechs Prozent. 1,3 Millionen Menschen sind an einem durchschnittlichen Tag in den Zügen der SBB unterwegs.

Der Erfolg hat jedoch auch seine Schattenseiten. So waren die Züge letztes Jahr unpünktlicher. Selbst die SBB spricht von einem «nicht zufriedenstellenden Resultat». Ein Sorgenkind bleibt auch die Cargo-Sparte, die noch einen Mini-Gewinn von drei Millionen Franken schrieb - 77 Prozent weniger als 2018. Dieses Jahr dürften die Einnahmen sinken: Seit Dezember spürt SBB Cargo laut Meyer einen Auftragseinbruch bei Kunden aus dem Stahl- und Chemie-Bereich, das Corona-Virus beschleunigt die Abwärtstendenz nun. Im Regionalverkehr wiederum darf die SBB keine Gewinne schreiben.

Nicht nur Grund zur Freude macht auch der Fernverkehr. Zwar nahmen die Erträge deutlich auf 2,5 Milliarden Franken zu. Pro Passagier schreibt die SBB aber immer weniger Gewinn. Das Ergebnis der Sparte betrug letztes Jahr noch 133 Millionen Franken und war damit so tief wie seit Jahren nicht mehr. Einerseits dürften günstige Sparbillette aufs Ergebnis gedrückt haben. Andererseits hat die Bahn zum vierten Mal in Folge die Preise nicht erhöht. Andreas Meyer verbucht das als Erfolg: «Einige hatten mich als Träumer bezeichnet, als ich vor Jahren von meiner Vision stagnierender Preise sprach.»

Immobilien florieren – doch wie lange noch?

Umso wichtiger wird damit jene Sparte, die floriert wie keine zweite: Die Immobilien. Letztes Jahr nahm die Bahn mit Mietverträgen so viel ein wie noch nie, nämlich 559 Millionen Franken. Innert nur fünf Jahre stiegen die Erträge um 32 Prozent.

Die SBB vergrösserte an vielen Bahnhöfen ihr kommerzielles Angebot. Letztes Jahr wurden etwa an den Bahnhöfen von Lausanne und St. Gallen nach langen Umbauten neue Ladenflächen eröffnet. Wie SBB-Finanzchef Christoph Hammer sagt, wurden aber auch im umsatzstärksten Zürcher Hauptbahnhof und in Bern die Erträge nochmals gesteigert. Einerseits verpflegen sich immer mehr Leute direkt im Bahnhof. Andererseits trotzten die Bahnhöfe als Shoppingtempel auch im Non-Food-Bereich mit einem Umsatzplus von 4 Prozent dem Branchentrend. In den Bahnhöfen wurden letztes Jahr für 1,76 Milliarden Franken Waren verkauft, wie Hammer sagt.

Die SBB profitiere von den langen Ladenöffnungszeiten, der Öffnung am Sonntag und den hohen Frequenzen. Damit die Immobiliensparte noch lange Gewinne in die Kasse spült, die auch für die Infrastruktur und die Pensionskasse benötigt werden, will die SBB nun die Verkäufe von Liegenschaften reduzieren. Statt für etwa 110 Millionen Franken wie in den letzten Jahren sollen durchschnittlich nur noch für 60 Millionen Franken jährlich Objekte verkauft werden.

Dieses Jahr könnte es aber auch für die Immobiliensparte eng werden. Ihr Erfolg ist eng an den Geschäftsgang der Läden gebunden. Dort fehlen zurzeit die Pendler. In den letzten Tagen registrierte die SBB ein Minus von 10 bis 20 Prozent an Passanten in den Bahnhöfen wegen des Corona-Virus. «Ein Wachstum wie im letzten Jahr wird schwierig», sagt Hammer. Langfristig aber sei klar: «Die Mieterträge steigen weiter.»

CH Media