Kolumne

Eine Antwort auf die datenhungrigen Technologiekonzerne

Es braucht eine europäische Regulation, die Daten-Dezentralisierung begünstigt. Als Vision können wir uns etwa am Konzept des «Fede­rated Learning» orientieren.

Edy Portmann
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Kurz vor Weihnachten wurde ich zusammen mit weiteren Forschern und Innovatoren zum «Austausch über unsere Zukunft mit künstlicher Intelligenz» nach Brüssel eingeladen. Die neugewählte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen versprach nämlich noch vor ihrer Wahl, dass sie in den ersten hundert Tagen ihres Mandats einen Plan für den sicheren Umgang mit KI vorlegen würde. Und so reiste ich ins Herz der Europäischen Union, um über die Regulierung von Daten, dem Rohöl des heutigen maschinellen Lernens, zu fachsimpeln.

Unreguliert können multinationale Technologiekonzerne in diesem Bereich eine marktbeherrschende Stellung einnehmen, weil ihre Innovationen zum Streben nach Renten, einem «Rent-Seeking», verkommen. Angesichts ihrer angestrebten Datenmonopole fragte sich der Kolumnist Philip Stephens, wie man den Kapitalismus vor den Kapitalisten schützen könnte. Seine Erkenntnis: Kapitalismus erfordert Legitimität, er kann sich langfristig nur entfalten, wenn er das Wohlergehen der Bürger im Auge hat. Seines Erachtens ist denn auch die Kommissarin für Wettbewerb, Margrethe Vestager, die mich nach Brüssel einlud, genau die Frau, die den digitalen Kapitalismus vor den digitalen Kapitalisten schützen kann.

Mit ihrem Amtsantritt kristallisierte sich eine neue, euro­päische Sicht auf die Datenherrschaft heraus. Sie ist der Ansicht, dass die mit Daten einhergehende Macht der Konzerne bei der Gestaltung unserer Gesellschaft, Wirtschaft und Politik einen Gegenpol erfordert. Unsere persönlichen Daten, die die Konzerne in ihren Quasimonopolen sammeln, sollten für unser Wohlergehen eingesetzt werden – was mit Missbräuchen rund um «Cambridge Analytica» vor Augen aber fraglich ist. Dieses Analyseunternehmen sammelte während des letzten US-Wahlkampfes Daten über Wähler, um mit persönlich zugeschnittenen Informationen, einem «Microtargeting», das Wählerverhalten zu beeinflussen.

Um dieses Winner-takes-it-all-Problem des freien Marktkapitalismus anzupacken, schlug ich deshalb vor, eine europäische Regulation zu gestalten, die Dezentralisierung begünstigt. Als Vision können wir uns etwa am Konzept des «Fede­rated Learning» orientieren. Dieses kennzeichnet ein maschinelles Lernen, das ohne zentralisierte Trainingsdaten auskommt. Es keimte aus der Schnittmenge von Blockchain, dem Internet der Dinge sowie auf smarten Geräten installierter, künstlicher Intelligenz.

Es ermöglicht unseren Handys, Tablets und mit dem Internet verbundenen Sensoren zu lernen, wobei die Trainingsdaten auf den jeweiligen Geräten bleiben. Diese laden erst ein Datenmodell aus dem Internet, verbessern dieses dank maschinellem Lernen aus persönlichen Daten und laden die Änderungen zum Modell wieder hoch. Nur dieses Up­date wird den Konzernen im regulierten Marktplatz, dem Basar digitaler Daten, noch zur Verfügung gestellt, die dieses dann mit anderen Updates mitteln können, um ihr kollektives Modell zu verbessern. Die Trainingsdaten bleiben auf dem smarten Gerät, damit persönliche Daten ihren Weg nicht unbeabsichtigt zu den Konzernen finden.

Erinnern Sie sich noch an die Aufregung rund um «Malware», die damals unsere Geräte bedrohten? Vor dieser kümmerte sich Otto Normalbürger nicht wirklich um die Sicherheit seiner Geräte. Doch dann begann die Panik, und «Security» wurde zum Wettbewerbsvorteil – und jetzt sind wir alle besser dran. Vor Cambridge Analytica kümmerten sich nur vereinzelt Bürger um Datenschutz, nun steht aber dank «Privacy by Design» auch unsere Privatsphäre kurz davor, zu einem Wettbewerbsvorteil zu werden. Federated Learning ermöglicht die Umsetzung eines Datenschutzes direkt auf unseren Geräten. Kombiniert mit entsprechender Regulation zum Wohle Europas, könnte dies eine Antwort auf die datenhungrigen Konzerne Amerikas und Asiens sowie deren kapitalistischen Verwaltungen sein.

Der gebürtige Luzerner Edy Portmann ist Informatikprofessor und Förderprofessor der Schweizerischen Post am Human-IST-Institut der Universität Freiburg.