Kolumne

Eine digitale Metamorphose für unseren Service public?

Für die Digitalisierung der Schweiz, also für den digitalen Service public, müssen heute regulatorische Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit alle Bürger dieses Landes davon profitieren können. Mit einer digitalisierten Netzwerkindustrie können endlich wieder alle Schweizer gleichbehandelt werden.

Edy Portmann
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Edy Portmann.

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Stiebende Hufe, flatternde Mähnen, knallende Peitschen und ein Kalb, das auf der schmalen Gotthardpassstrasse vor einem Zweispänner hergetrieben wird. Das Bild, das wohl jedes Schweizer Kind kennt, ist schon längst zur Ikone der Malerei geworden. Rudolf Koller malte die «Gotthardpost» 1873 als Geschenk für den scheidenden Verwaltungsratspräsidenten der Nordostbahn-Gesellschaft, Alfred Escher.

Es steht seit dieser Zeit symbolisch für die Entwicklung unseres Verkehrs, nicht nur über, sondern auch durch den Gotthard. Zudem charakterisiert das Bild wie kein zweites die sich ab dann rasant entwickelnde öffentliche Infrastruktur der Schweiz, den sogenannten «Service public».

Wie dem auch sei, der gute alte Escher, dessen 200-Jahr-Jubiläum wir dieses Jahr feierten, hat mit seinen Ämtern bei der ETH, der Gotthard- sowie eben der Nordostbahn, aber auch bei der Schweizerischen Kredit-, Lebensversicherungs- und Rentenanstalt die Schweiz des 19. Jahrhunderts geprägt.

Dank ihm steht die Gotthardpost heute nicht nur für das optimal ausgebaute Verkehrsnetz der Schweiz, sondern eben auch für unsere Netzwerkindustrie und den Service public. Dank der europaoffenen Wertschöpfungsketten der Bahngesellschaften erschloss Escher neue Gewinne für unsere Marktwirtschaft, von denen mitunter die Netzwerkindustrie bis heute profitiert. Er verstand, dass die Industrialisierung Spielregeln ändert – dasselbe tut die Digitalisierung.

Unsere Zeit ist geprägt von einer rasanten Digitalisierung. Alle Bereiche des Lebens werden schneller, vernetzter, digitaler. Neue Technologien, Produkte und Dienstleistungen stellen in einem noch nie dagewesenen Tempo unsere Gesellschaft auf den Kopf. Nach Auffassung des Politökonomen Matthias Finger, der an der ETH Lausanne Netzwerkindustrien erforscht, sind solche Industrien komplex und haben Auswirkungen auf Wettbewerb und Markt. In seinem jüngsten Buch hebt er die Treiber der Liberalisierung unserer Netzwerkindustrien sowie den in diesen systeminhärenten Regulierungsbedarf hervor. Seine Herangehensweise gibt Einsicht in die verschiedenen, historisch-gewachsenen Regulationsansätze in Europa und Nordamerika. Als Thema des 21. Jahrhunderts eruiert auch er die zunehmende Digitalisierung der Netzwerkindustrie.

Für die anstehende Digitalisierung unserer Netzwerkindustrie könnte das Gedanken­gebäude einer digitalen Metamorphose bemüht werden, um dieser Industrie, die in der Öffentlichkeit grosses Vertrauen geniesst, eine neue Form zu ermöglichen. Digitale Methoden bieten sich besonders gut da an, wo sie Überwindung der Beschränkungen des analogen Netzwerks versprechen. Angesichts einer zunehmenden Durchdringung aller Bereiche des Transports und der Logistik sowie des Finanzsektors mittels digitaler Prozesse sind die einzelnen Netzwerkindustrien gefordert, sich der digitalen Transformation zu stellen und die Fragen nach der methodischen und strukturellen Integration in ihrem Netz zu beantworten.

Für die Digitalisierung der Schweiz, also für den digitalen Service public, müssen heute regulatorische Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit alle Bürger dieses Landes davon profitieren können. So müssen der junge Luzerner Banker sowie die alte Oma in Flühli gleichbehandelt werden und Zugang zu Dienstleistungen haben. Mit einer digitalisierten Netzwerkindustrie können endlich wieder alle Schweizer gleichbehandelt werden. Ein erweiterter Leistungsauftrag unserer Post könnte etwa die digitale Kluft zwischen Stadt und Land, Jung und Alt, Arm und Reich sowie deutscher, französischer und italienischer Schweiz überwinden. Wie wäre es, so als neuer Service-public-Gedanke, wenn Airbnb-, Amazon- oder Uber-ähnliche Plattformen im Besitz unserer Schweizer Netzwerkindustrie wie der Post wären und diese zum Wohle von uns Schweizern verwaltet würde?

Der gebürtige Luzerner Edy Portmann ist Informatikprofessor und Förderprofessor der Schweizerischen Post am Human-IST- Institut der Universität Freiburg.