Eine Seilbahn, die verbindet

Die Seilbahn von Amsteg zum Arnisee verbindet nicht nur Menschen miteinander. Ohne sie wären Leben und Wirtschaft am Arnisee nicht möglich.

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Klein, aber überlebenswichtig: Ohne die Seilbahn wäre die Bevölkerung am Arnisee vom Tal abgeschnitten. (Bild: Bernard Marks / Neue LZ)

Klein, aber überlebenswichtig: Ohne die Seilbahn wäre die Bevölkerung am Arnisee vom Tal abgeschnitten. (Bild: Bernard Marks / Neue LZ)

Das Ehepaar Walter und Marianne Hübscher kommt bereits seit 43 Jahren mit der Seilbahn zum Arnisee im Kanton Uri. Denn während unten im Tal die Touristen auf der Autobahn Richtung Gotthardtunnel hetzen, herrscht auf 1300 Metern eine himmlische Ruhe. Die 80-Jährigen aus der Region Winterthur wissen dies zu schätzen. Gerne verbringen sie ihre Ferien hier oben. «Wäre die Seilbahn nicht, so wäre hier alles ausgestorben», sagt Walter Hübscher.

Gleichgesinnte helfen einander

Trudy Biollaz ist bereits seit 20 Jahren Seilwartin am Arnisee. In dieser Zeit hat sie kaum einmal mehr als drei Tage Urlaub gehabt. «Hier oben bin ich doch in den Ferien», sagt sie lächelnd. Im gemütlichen Haus direkt neben der Bergstation hat sie zusammen mit ihrem Ehemann Bernard vier Töchter grossgezogen. «Sieben Tage Präsenzzeit, das ist mehr als nur ein Job», erklärt der Präsident der Seilbahngenossenschaft Amsteg-Arnisee, Ewald Berchtold. Der 50-Jährige ist hauptberuflich Lokomotivführer. In seiner Freizeit kümmert er sich liebevoll um eine der kleinsten Seilbahnen der Schweiz. Zusammen mit 43 gleichgesinnten Genossenschaftern, die alle viel Herzblut in den Erhalt und die Pflege der Seilbahn investieren.
«Letztes Jahr hatten wir das beste Jahr unserer Geschichte», erzählt Berchtold. Rund 130 000 Franken hat die Seilbahn erwirtschaftet. Rund 40 000 Franken Gewinn hat die Genossenschaft erzielt. «Das ist ein guter Cashflow», sagt Berchtold zufrieden. Aber das Geld werde natürlich sofort wieder in die Seilbahn investiert. «Das ist eben der Sinn einer Genossenschaft», erklärt er. Rund 10 000 Mal sind die zwei gelben Viererkabinen hin- und hergefahren und haben dabei sage und schreibe 24 000 Personen transportiert.
Die Seilbahn verbindet das Tal mit der Ebene am Arnisee. Dort leben heute ganzjährig 12 Personen, die ohne die Seilbahn aufgeschmissen wären, denn der Weg ins Tal ist lang und beschwerlich. Eine Stunde dauert der Abstieg, hinauf dauert es noch länger. «1946 waren es 23 Familien mit knapp 100 Personen», weiss Berchtold.

Die Seilbahn hat eine lange Geschichte. Bereits im Jahr 1946 wurde die Genossenschaft gegründet. Im Jahr 1953 wurde die erste Seilbahn eröffnet. Damals bestand sie nur aus einem Seil mit einem Kasten dran. Heute läuft der Betrieb zwar immer noch bescheiden, aber immerhin auf dem modernsten Stand der Technik. Die zwei Kabinen wurden vor kurzem erneuert. Die Spezialanfertigungen der Firma Inauen-Schätti wurden im Retrostil gebaut. «Das passt besser zu unserem Bähnli», sagt Berchtold.

Die Seilbahngenossenschaft Amsteg-Arnisee wirtschaftet gänzlich ohne Zuschüsse. «Es geht dabei nicht um Gewinn, sondern um die Nachhaltigkeit», erläutert Berchtold. Die Idee der Genossenschaft sei ohnehin für die Bergregion das beste Modell. Denn ohne die Bahn würde das Leben am Arnisee zum Erliegen kommen. Zwei Gasthäuser mit Restaurants, mehrere Berghütten sowie SAC-Hütten und viele Bauernfamilien wären vom Leben abgeschnitten. «Dieser Mikrokosmos lebt durch unsere Bahn», sagt Berchtold. Die Bergstation ist wirtschaftliches und gesellschaftliches Bindeglied und Kristallisationspunkt zugleich. «Hier kommen alle zusammen, hier wird diskutiert, und wir streiten auch schon mal miteinander», erzählt Berchtold. Sogar die Post wird mit der Seilbahn geliefert und an der Bergstation in entsprechende Postfächer abgelegt. Übrigens: Die Bewohner am Arnisee können bequem per Telefon einkaufen. Der Dorfladen stellt den Einkauf unten im Tal einfach in die Kabine, und am Ende des Monats wird bezahlt.

Selbsthilfe als oberstes Prinzip

Die Genossenschaft ist laut Berchtold in ihrer Form basisdemokratisch, jeder kann mitreden. «Ich kann als Präsident jederzeit abgewählt werden, wenn die Mitglieder nicht zufrieden mit mir sind», sagt Berchtold. Neben dem Ziel keine Gewinne zu machen, steht vor allem der Gedanke im Vordergrund, dass es miteinander besser geht. «Die Genossenschaft ist eine Form der Selbsthilfe», meint Berchtold. Dies alles passe in die Alpenlandschaft. «Wir finden in den Alpen sehr viele Beispiele, die uns zeigen, wie man die Berge nicht übernutzt», erläutert Berchtold. Dies seien Kooperationen und Genossenschaften, die sich das Thema Nachhaltigkeit auf die Fahne geschrieben haben. Dieser Grundsatz galt sowohl früher als heute. Berchtold glaubt, dass Genossenschaften krisenresistenter sind.

Die Seilbahn von Amsteg zum Arnisee wird es sicher noch viele Jahre geben. Aber nur dann, wenn sich die Genossenschafter auch weiterhin für die Idee begeistern können und natürlich die Gäste den Arnisee besuchen. Denn davon lebt die Bahn letztlich. «Wenn die Bahn einmal nicht mehr fährt, wird man vielleicht überlegen, eine Strasse zu bauen», endet Berchtold. Dies würde aber seiner Meinung nach die Idylle und Ruhe des Arnisees zerstören.

Bernard Marks / Neue LZ