Frankenstärke
Einheimische sollen Schweizer Tourismus aus der Krise führen

Der starke Franken wird für den Schweizer Tourismus zur Bewährungsprobe. Schweizer sollen darum stärker zu Ferien im eigenen Land animiert werden. Das ist jedoch nicht die einzige Herausforderung.

Thomas Schlittler
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Es kam in den letzten Wochen selten vor, dass die Schweizer Hotellerie für positive Schlagzeilen sorgte. Die Frankenstärke und die ausbleibenden Gäste in den Skigebieten haben alles überschattet. Umso wichtiger ist es, dass die Touristiker 2014 ein gutes Jahr hatten: Die Zahl der Übernachtungen ist um 0,9 Prozent auf 35,9 Millionen gestiegen, wie Georges-Simon Ulrich, Direktor des Bundesamts für Statistik (BfS), am Montag in Zürich verkündete.

Besonders erfreulich ist, dass auch bei den inländischen Touristen, der mit Abstand wichtigsten Gästegruppe, 0,9 Prozent mehr Übernachtungen registriert wurden. Damit wurde bei den Schweizer Gästen zum ersten Mal seit Anfang der 1990er-Jahre die Schwelle von 16 Millionen Übernachtungen erreicht.

Sind die Schweizer patriotischer geworden, wenn es um die Wahl der Feriendestination geht? Die absoluten Zahlen täuschen: Zwar hat die Anzahl Übernachtungen von inländischen Touristen seit 2005 um rund 10 Prozent zugenommen (von 14,6 auf 16,0 Millionen). Im gleichen Zeitraum ist aber auch die Bevölkerung um rund 10 Prozent gewachsen. Pro Einwohner hat die Anzahl Übernachtungen also nicht zugelegt.

Die Lust am eigenen Land

Historisch gesehen haben die inländischen Gäste über die Jahre gar an Bedeutung verloren. 1934, als die Beherbergungsstatistik das erste Mal erhoben wurde, waren die Schweizer für 57 Prozent aller Übernachtungen verantwortlich. 80 Jahre später, also 2014, betrug der Inländer-Anteil nur noch 45 Prozent. Im letzten Jahrzehnt gab es keine grossen Veränderungen.

Dennoch waren die inländischen Gäste in den letzten Jahren eine wichtige Stütze für den Schweizer Touristen. Denn während die europäischen Nachbarn die Hochpreisinsel Schweiz mieden, blieben die Schweizer Zahlen stabil – obwohl das nahe Ausland mit günstigeren Preisen lockte.

Damit die Schweizer Hotellerie auch den jüngsten Franken-Schock einigermassen glimpflich übersteht, ist der Ferien-Patriotismus der Schweizer erneut gefordert. Die Touristiker wollen ihre Bemühungen verstärken, um die Inländer in der Schweiz zu halten. Die Marketingorganisation Schweiz Tourismus (ST) plant eine Kampagne, mit welcher der inländischen Bevölkerung Ferien in der Schweiz schmackhaft gemacht werden soll. ST-Direktor Jürg Schmid: «Bei Schweizerinnen und Schweizern soll die Entdeckerlust für das eigene Land geweckt werden.» Im Rahmen der Kampagne soll auch Bundesrat Johann Schneider-Ammann einen Auftritt haben. Seine Aufgabe wird es sein, über sein Schweiz-Erlebnis zu schwärmen.

Die volle Ausnützung des inländischen Potenzials ist aber nicht die einzige Herausforderung, welche die Tourismus-Verantwortlichen anpacken müssen. Ein Blick auf die Übernachtungsstatistiken der letzten Jahre zeigt – unabhängig von der jüngsten Frankenaufwertung – folgende Baustellen:

1. Rückgang europäischer Gäste: Seit dem Rekordjahr 2008 ging die Anzahl Übernachtungen von europäischen Gästen von 16,6 auf 13 Millionen zurück. Vor allem der Rückgang in den wichtigen Märkten Deutschland und Holland bereitet Sorgen. Die Gäste aus diesen Ländern sind oft sehr preissensitiv. Schweiz Tourismus hat keine grosse Hoffnung, diese Verluste mit Marketingbemühungen wieder wettzumachen. Stattdessen setzen die Schweizer Touristiker in Europa auf die weniger preissensiblen Märkte. Das sind vor allem die nordischen Länder. Die Zunahme der Gäste aus neuen Märkten (Asien, Naher Osten) ist zwar beeindruckend und erfreulich, kann die Verluste in Europa aber nicht kompensieren.

2. Zu kurze Aufenthaltsdauer: 2014 wurden in der Schweiz 17,2 Millionen Ankünfte registriert. Das sind so viele wie nie zuvor. Das Unschöne daran: Die Aufenthaltsdauer ist rückläufig. Im Rekordjahr 2008 zum Beispiel wurden mit nur 16 Millionen Ankünften mehr Übernachtungen generiert als 2014. Um diesen Trend umzukehren, müssen nicht zuletzt die Gäste aus Asien dazu animiert werden, länger in der Schweiz zu bleiben.

3. Bergregionen darben vor sich hin: Während die Übernachtungszahlen in den Städten in den letzten Jahren deutlich und stetig zugelegt haben, kommen die Bergregionen nicht vom Fleck. Diese Entwicklung ist vor allem deshalb gefährlich, weil der Tourismus in den peripheren Gebieten oft der einzige Wirtschaftszweig ist, der Arbeitsplätze schafft. Das Ziel muss es sein, die neuen Gästegruppen nicht nur in die Städte, sondern auch in die Berge zu locken.

Umfassender Forderungskatalog

Der Schweizer Tourismus-Verband (STV) nutzt die Aufhebung des Euro-Mindestkurses zur Präsentation eines ganzen Forderungskatalogs. Insbesondere verlangt der STV neben einer Verstärkung der Werbebemühungen mehr Geld und bessere Rahmenbedingungen für den Tourismus.
So wünscht sich der STV, dass der Sondersatz der Mehrwertsteuer für den Tourismus von 3,8 Prozent im Gesetz verankert wird, wie er gestern an einer Medienkonferenz in Zürich mitteilte. Ebenfalls sollten Pistenfahrzeuge von der Mineralölsteuer befreit werden und keine Partikelfilter montieren müssen.
Bei der Umsetzung der Zuwanderungsinitiative wünscht er sich keine Kontingentierung der Kurzaufenthaltsbewilligungen. Der STV bezeichnet dies als «weiche Umsetzung». Ebenfalls sollten gemäss STV endlich Massnahmen gegen die Hochpreisinsel Schweiz getroffen und der Parallelimport von Produkten zugelassen werden.
Mehr Mittel des Bundes fordert der Verband für Weiterbildungskurse, für Hotelkredite und für die Regionalentwicklung. Ebenso soll der Branche Kurzarbeit zugestanden werden.
Zusätzlich wollen die Touristiker mehr Geld für Marketingausgaben. Das soll helfen, die Folgen der Frankenstärke abzufedern. Die Marketingorganisation Schweiz Tourismus soll von 2016 bis 2019 anstatt 220,5 Millionen Franken, wie vom Bundesrat vorgeschlagen, 270 Millionen Franken erhalten. Mit diesem Geld sollen 1 250 000 zusätzliche Logiernächte generiert werden gegenüber dem Bundesrats-Budget.
Die Tourismus-Verantwortlichen nehmen aber auch die Branche selbst in die Pflicht. Diese müsse jetzt alles dafür tun, die Kosten zu senken. Eine Möglichkeit hier sei zum Beispiel, dass sich Hotels zu Einkaufs- und Vermarktungskooperationen zusammenschliessen. (SDA/TSC)