Einzelhandel
Einkaufen, ohne zu bezahlen: Amazon testet in den USA den kassenlosen Supermarkt

In Amazons neuem Supermarkt Go in Seattle zeigt sich wie unter einem Brennglas, wie der Einzelhandel der Zukunft, vielleicht auch die Gesellschaft als Ganzes, funktionieren könnte

Adrian Lobe
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Stehlen unmöglich: Die Kundschaft bei Amazon Go in Seattle ist lückenlos überwacht. Lindsey Wasson/Reuters

Stehlen unmöglich: Die Kundschaft bei Amazon Go in Seattle ist lückenlos überwacht. Lindsey Wasson/Reuters

REUTERS

Der Kunde identifiziert sich beim Betreten des Ladens mit einer App, indem er sein Handy wie an einem U-Bahn-Drehkreuz auf einen Scanner hält, steckt seine gewünschten Artikel in die Tasche und checkt am Ende des Einkaufs kontaktlos aus. Eine Kasse gibt es nicht mehr, die Bezahlung erfolgt automatisch über den Amazon-Account.

«Grab and Go» nennt Amazon diese Technologie. Das ist ein so ungewöhnliches Verfahren, dass manche Testkäufer das Gefühl hatten, sie würden Waren stehlen, weil sie so sehr an die Supermarktkasse gewöhnt waren. Damit das System funktioniert, muss der Kunde jedoch lückenlos überwacht werden. In dem kassenlosen Supermarkt sind Hunderte Kameras und Infrarot-Sensoren installiert, die registrieren, wenn der Kunde durch die Regale läuft und einen Artikel aus dem Regal nimmt. Das System weiss zu jeder Zeit, welcher Kunde sich im Laden befindet und welche Artikel gerade in den Körben der Kunden sind. Die Kameras messen darüber hinaus die Verweildauer vor bestimmten Artikeln. Starrt der Kunde die Schokolade an oder läuft er am Sonderangebot für Kaffee vorbei? Daraus lassen sich wertvolle Rückschlüsse auf Kundenpräferenzen ziehen, die wiederum in Amazons algorithmische Weiterempfehlungsmaschinerie eingespeist werden.

Das Prinzip von Amazon Go besteht darin, das Suchverhalten im virtuellen Raum mit dem im physischen Raum zu verknüpfen und darüber eine Verhaltenssteuerung zu programmieren. Was der Kunde auf Amazon.com in den Warenkorb legt, könnte ihn auch im stationären Handel interessieren. Amazon hat kürzlich eine Technologie patentieren lassen, die anhand des WLAN-Netzwerks erkennt, wenn ein Kunde in der Ladenfläche gerade die Preise auf der Seite eines anderen Wettbewerbers vergleicht.

Das Gesicht als QR-Code

Die Erhebung von Kundendaten erlaubt eine neue, subtile Form der Mitarbeiterkontrolle. Die Idee: Wenn das System erkennt, dass ein kauffreudiger oder neuer Kunde den Laden betritt, kann es einen entsprechend geschulten Mitarbeiter schicken und den Kunden beraten. Möchte der Kunde Spirituosen kaufen, schickt man einen Angestellten aus der Fachabteilung für Getränke. Das Konsumverhalten ist bereits im System verbucht: Aus der Kaufhistorie lassen sich entsprechende Präferenzen ableiten. Gesichtserkennungssysteme können zudem Informationen wie Geschlecht, Alter und Stimmung aus den Gesichtern der Kunden herauslesen. Der Kunde trägt sein Gesicht wie einen QR-Code mit sich herum – und wird damit selbst zur Ware.

Die Sammlung von Informationen einer Gruppe (der Käufer) erleichtert die Kontrolle einer anderen Gruppe (der Mitarbeiter). Die Rechtswissenschafterin und Techniksoziologin Karen Levy von der Cornwell University und ihr Kollege Solon Barocas nennen das Phänomen in einem Aufsatz für die Fachzeitschrift «International Journal of Communication» «refractive surveillance». Frei übersetzt bedeutet dies so viel wie: lichtbrechende Überwachung.

Mitarbeiter ebenfalls überwacht

In der klassischen Überwachungskonstellation überwacht ein Aufseher die Belegschaft. Bei «refractive surveillance» wird aus der Zweierbeziehung von Überwacher und Überwachtem eine Dreiecksbeziehung: Der Kunde liefert Informationen an den Überwacher, das Kontrollsubjekt sind aber die Mitarbeiter. Indem Amazon Kunden ausforscht, erfährt das Unternehmen auch einiges über seine Mitarbeiter. Diese Dreieckskonstellation ist insofern problematisch, als sie Überwachungspraktiken erlaubt, die arbeitsrechtlich nicht zulässig wären. Die legal erhobenen Kundendaten (der Amazon-Kunde erklärt sich mit dem Unterschreiben der AGB und spätestens mit dem Betreten des kassenlosen Supermarktes mit der Datensammelpraxis einverstanden) können auch in anderem Kontext verwendet werden. Es ist ja das generelle Problem von Daten, dass sie nicht nur Informationen über einen Informationsträger, sondern gleich über mehrere (etwa bei Gruppenchats oder Foto-Alben auf Facebook) offenbaren. Der einzige Hebel, die Überwachung zu verhindern, wäre, dagegen datenschutzrechtlich vorzugehen.

Der Clou ist, dass die Angestellten durch diese Auslagerung des Wissens an Softwareagenten überflüssig werden. Je genauer die Erkennungssysteme funktionieren, desto weniger Personal braucht man. Im Amazon-Go-Supermarkt wurden die Kassierer durch die Automatisierung wegrationalisiert – es gibt nur noch ein paar Mitarbeiter, die Regale auffüllen. Und auch die könnten irgendwann durch Roboter ersetzt werden. Wo nur noch Roboter arbeiten, gibt es auch keine Datenschutzprobleme. Roboter haben (noch) keine Rechte.