EINKAUFEN: Self-Scanning setzt sich durch

Immer mehr Kunden lesen bei Migros und Coop die Preise selber ein und zahlen dann am Automaten. Das geht schneller als an der Kasse – und nimmt den Grossdetaillisten Arbeit ab.

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Eine Self-Scanning-Kassenstelle (Self-Check-out) in der Migros im Einkaufszentrum Zugerland in Steinhausen. (Bild: Pius Amrein  /  Neue LZ)

Eine Self-Scanning-Kassenstelle (Self-Check-out) in der Migros im Einkaufszentrum Zugerland in Steinhausen. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Rainer Rickenbach

Self-Scanning kommt gut an. Bei der Genossenschaft Migros Luzern zum Beispiel liest bereits jeder fünfte bis vierte Kunde die Preise seiner Ware selber ein in den Filialen, wo Self-Scanning-Anlagen stehen. Die Rechnung begleichen die Konsumenten anschliessend nicht mehr bei den Verkäuferinnen, sondern an einem Automaten. «Die Tendenz ist steigend. Die Kundinnen und Kunden kommen damit gut zurecht, sowohl junge als auch ältere nutzen es», sagt Rahel Kissel, Mediensprecherin der Migros Luzern. Das Verkaufsgebiet dieser Genossenschaft umfasst die ganze Zentralschweiz.

Ein Drittel des Filialumsatzes

Immerhin rund ein Drittel des Filialumsatzes entfällt in den neu ausgerüsteten Filialen der Migros-Genossenschaft Luzern auf Self Scanning- Bezahlautomaten. 13 der 48 Zentralschweizer Migros-Supermärkte sind heute mit elektronischen Preiserfassern und Bezahlautomaten ausgerüstet. Die Genossenschaft treibt den Ausbau vor­an: Anfang November kam nach dem Umbau mit der Krienser Hofmatt eine weitere Filiale hinzu, im kommenden Jahr ist an drei Standorten der Einbau von Self-Scanning-Anlagen geplant.

Die Migros unterscheidet bei ihrem System namens Subito zwischen Self-Scanning und -Checkout: Bei ersterem holen sich die Kunden mit ihrer Kundenkarte zuerst einen tragbaren elektronischen Preisableser, mit dem sie Ware vorzu scannen, bevor diese in den Einkaufswagen verschwindet. Bezahlt wird am Schluss an der Zahlstation. Beim für kleinere Einkäufe gedachten Self-Checkout erfassen die Einkäufer die Ware erst am Schluss an der Bezahlstation. Dieses System kennt auch Coop, der vor zehn Jahren die ersten Testversuche mit Self-Scanning in der Schweiz durchführte. Die Nummer zwei im Detailhandel hatte im vergangenen Sommer schweizweit 130 ihrer knapp 800 Supermärkte mit der Self-Scanning-Infrastruktur ausgerüstet. Bei Aldi und Lidl ist das zurzeit kein Thema.

Bild: Grafik Janina Noser / Neue LZ

Bild: Grafik Janina Noser / Neue LZ

«Die Kunden können schneller einkaufen. Mit Self-Scanning weichen sie den Warteschlangen an der herkömmlichen Kasse aus, und sie brauchen die Ware nicht mehr mehrmals in die Hand zu nehmen», nennt Kissel die Vorteile des Self-Scanning. Die Gewerkschaft Unia bezeichnet es in ihrem Positionspapier als weitere Etappe der Rationalisierung im Detailhandel, nachdem lange zuvor bereits die Selbstbedienung eingeführt und später die Warenverteilung sowie das Bestellungswesen gestrafft wurden.

Neue Aufgaben für Kassierinnen

Für die Gewerkschaft ist klar: Es handelt sich hier um eine Massnahme mit dem Ziel, im hart umkämpften Detailhandel die Betriebskosten zu senken. Sonst würden Migros und Coop nicht Millionen von Franken in die teure Self-Scanning-Technologie investieren. Beim Konsumentenschutz teilt man diese Einschätzung. «Anders als mit Einsparungen lässt sich das Self-Scanning nicht erklären», sagt Josianne Walpen von der Stiftung Konsumentenschutz.

Coop und Migros betonen immer wieder, wegen dem Kunden-Scanning gehe keine Stelle verloren. «Mit dem Self-Scanning entsteht ein weiteres neues Aufgabengebiet, denn dieser Bezahlprozess ist ohne Mitarbeitende nicht denkbar. Es wird in Zukunft weniger Kassierende im heutigen Sinne benötigen, aber nicht weniger Mitarbeitende», sagt Kissel.

Weder Migros noch Coop planen den total durchrationalisierten Einkauf. Die Bezahlstellen mit einer Kassiererin hinter dem Förderband verschwinden nicht aus dem Bild ihrer Supermärkte. «Wir lassen den Kunden auch weiterhin die Wahl, ob sie an einer konventionellen Kasse oder mit Self-Scanning zahlen wollen», sagt Rahel Kissel.

Nur – die Supermarkt-Mitarbeitenden sind angewiesen, die Kunden zu ermuntern, die Preise selbst einzulesen und an den Automaten zu zahlen. «Ganz freiwillig vollzieht sich der Wandel nicht. In den Supermärkten wird man den Eindruck nicht los, die Kunden würden zum Self-Scanning umerzogen. Etwa indem nur eine von vier herkömmlichen Kassen besetzt ist. Die Konsumenten müssen sich bewusst sein, dass sie damit Migros und Coop Arbeit abnehmen», sagt Walpen. André Briw, Leiter Competence Center Marketing an der Hochschule Wirtschaft in Luzern ergänzt: «Die Kunden übernehmen eine Aufgabe des Handels, ohne einen direkten, spürbaren Preisvorteil zu haben.»

«Eine Nation von Ladendieben»

In England verschafft sich ein Teil der Kunden den Preisvorteil beim Self-Scanning offenbar durch Diebstahl auf Rechnung des Ladens. Im vergangenen Jahr stellte sich heraus, dass jeder sechste Kunde am Kassenautomat vorbei Waren mitlaufen liess. Die Zeitung «The Guardian» titelte: «Die Maschinen haben aus Grossbritannien eine Nation von Ladendieben gemacht.»

Für die Schweiz gibt es bisher leider noch keine solche Untersuchungen, und die hiesigen Grossverteiler geben dazu auch keine Zahlen bekannt. Kontrolliert wird in der Regel nach dem Zufallsprinzip, und die Verkäuferinnen im Bereich der Zahlautomaten sind überwiegend damit beschäftigt, Self-Scanning-Neulingen dabei zu helfen und Alterskontrollen bei Alkohol- und Tabakwarenkäufen durchführen. Die Migros lässt bei kleinen Abweichungen zwischen Gekauftem und Bezahlten den Fehlbetrag nachzahlen. Wer offensichtlich und viel gestohlen hat, muss mit einer Strafanzeige rechnen und droht aus dem Self-Scanning-Programm rauszufliegen.

«Die Grossverteiler sagen zwar, sie würden eventuelle Fehler beim Self-Scanning kulant behandeln. Mit so viel Nachsicht kann jemand, der Ware an einer herkömmlichen Kasse vorbeizuschmuggeln versucht, nicht rechnen. Auch da ist der sanfte Druck zu erkennen», sagt Walpen vom Konsumentenschutz.