Einnahmen gesucht
Die Postfiliale wird zur Werbesäule: Sogar Politiker dürfen auf riesigen Bildschirmen Werbung schalten

In Postfilialen stehen seit Anfang Jahr grosse Bildschirme, auf denen Werbung gezeigt wird. Auf der Suche nach neuen Einnahmen lässt der gelbe Riese jetzt auch politische Werbung zu.

Lucien Fluri
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Direkt hinter dem Schalter verkauft die Post neuerdings auch Werbeflächen.

Direkt hinter dem Schalter verkauft die Post neuerdings auch Werbeflächen.

Bild: Tom Ulrich (Solothurn, 21. April 2021)

Entkommen kann man den Männern und Frauen von der CVP nicht: Mit strahlendem Lächeln flimmern sie in der Stadtsolothurner Postfiliale über riesige Flachbildschirme, die direkt hinter den Schaltern aufgehängt sind. Wer Schlange steht, um seine Postgeschäfte zu erledigen, muss wohl oder übel die CVP-Gemeinderatskandidaten betrachten.

Willkommen in der Post 2021. Nach Gummibärchen und Co. hat jetzt die Wahlwerbung Einzug gehalten. Auf riesigen Flachbildschirmen darf seit Anfang Jahr an den Schaltern (auch politische) Werbung gezeigt werden. Unterbrochen wird sie von eingeblendeten Kurznachrichten.

Zwar finden sich in der Post schon seit Jahren Reklamen. Neu wird sie aber von einem professionellen Werbevermarkter betrieben. Schweizweit sind inzwischen in rund 300 der 875 Filialen Werbebildschirme vorhanden, «vornehmlich in Filialen nach neuem Konzept und grösseren Filialen der Post», wie der gelbe Riese mitteilt. Mit dem neuen Konzept darf nun auch Werbung gezeigt werden, «die bis anhin abgelehnt» worden ist. Neben politischen Anzeigen sind auch Konkurrenten der Post, etwa im Bereich Logistik, in den Filialen ihres Mitbewerbers mit Reklamen anzutreffen.

Die Post braucht neue Einnahmen

Betrieben werden die Bildschirme von der Firma Livesystem. Sie steht auch hinter dem Nachrichtenportal «nau.ch» und ist seit Jahren mit Werbung – und Nachrichten – auf Bildschirmen in Bussen und Postautos präsent. Auf Anfang 2021 hin hat sie den Zuschlag von der Post erhalten, künftig in deren Schalterhallen Werbung zu vermarkten.

Letztlich geht es dabei auch um Geld: «Werden unsere Werbe- und Kommunikationsflächen professionell und attraktiv vermarktet, kann die Post dadurch Mehrerträge erwirtschaften», begründet Postsprecher Erich Goetschi den Verkauf der Filialfläche. Was dies dem Konzern jährlich einbringt, ist nicht bekannt. Zu den Konditionen sei von den beiden Parteien Stillschweigen vereinbart worden, teilt die Post auf Anfrage mit. «Deshalb können wir dazu keine weitere Auskunft geben.»

Der Bundesbetrieb sieht kein Problem in der Politwerbung

Darf in den Filialen des bundesnahen Betriebes politische Werbung gezeigt werden? Immerhin erledigt der Monopolbetrieb einen Grundauftrag des Bundes. Die Post ist ein Ort, wo jedermann hin muss, wenn er etwa einen eingeschriebenen Brief oder ein Päckli verschicken will. Bevor die Flächen ausgeschrieben worden waren, habe man intern diskutiert, «welche Werbeinhalte abgelehnt werden dürfen», sagt Post-Sprecher Goetschi. Die Filialen würden jedoch quasi als öffentlicher Raum gelten.

«Wir sind deshalb verpflichtet, bei der Nutzung von Werbeflächen die Gleichbehandlungspflicht sowie das Willkürverbot einzuhalten.»

In sensiblen Fällen müsse die Post kontaktiert werden, bevor eine Werbung geschaltet wird. «Das hat die Post vertraglich vereinbart. Am Ende entscheiden wir im Einzelfall.»

Die finanziellen Perspektiven der Post sehen nicht allzu rosig aus: Zahl der verschickten Briefe sinkt jährlich, die Einnahmen im Grundversorgungsbereich gehen zurück. Die Post hat deshalb nicht nur das Filialnetz zusammengestrichen. Sie ist auch seit Jahren auf der Suche nach neuen Einnahmequellen, um das Filialgeschäft und die Postzustellung rentabel zu betreiben. Zuerst wurden die Filialen zu halben Kiosks ausgebaut. Gummibärli und Co waren nur der Anfang. Inzwischen sammelt die Post etwa auch Pet-Recycling-Säcke an den Haustüren ein oder verkauft Handyabos in den Filialen.