Produktive Mitarbeiter
Einst verpönt, setzt sich Homeoffice in KMU nun durch – Firmenchef: «Wir sind heute agiler und vernetzter denn je»

Auch kleine und mittelgrosse Firmen machen positive Erfahrungen. So etwa der Storenbauer Griesser: Statt der befürchteten Flaute sind Mitarbeitende von zu Hause aus produktiver. Die Firma steht stellvertretend für viele Unternehmen, die wegen der Coronakrise schlagartig auf Homeoffice umstellen mussten.

Sarah Kunz
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Entgegen den Erwartungen leidet der Betrieb nicht unter der Homeoffice-Regelung. Im Gegenteil: Angestellte sind sogar produktiver.

Entgegen den Erwartungen leidet der Betrieb nicht unter der Homeoffice-Regelung. Im Gegenteil: Angestellte sind sogar produktiver.

Keystone

Wer kann, soll von zu Hause aus arbeiten: Grösseren Unternehmen bereitete das kaum Schwierigkeiten, vielen kleinen und mittleren aber schon. Die Homeoffice-Empfehlung des Bundes brachte manches KMU in Zugzwang. Reihenweise mussten Firmen ihre IT-Infrastruktur anpassen, um das Arbeiten von zu Hause aus überhaupt zu ermöglichen. Aber auch, um sicherzustellen, dass der Datenschutz nicht unter dem ungewohnten Modell leidet.

Im einen oder anderen Unternehmen herrschte zudem eine gewisse Skepsis gegenüber den neuen Freiheiten für das Personal. Würden es diese ausnutzen? Könnte die Produktivität leiden? Das Coronavirus zwang manchen Betrieben die Entwicklung hin zu flexibleren Modellen auf.

Das Thurgauer Unternehmen Griesser ermöglichte Homeoffice zwar schon vor der Pandemie. «Aber eben nur punktuell», sagt Geschäftsführer Urs Neuhauser. «Wir waren mitten in der Einführung von digitalen Lösungen, als uns der Hammer traf.» Innert kürzester Zeit musste die IT-Infrastruktur Gas geben, musste das Unternehmen die Art und Weise der Zusammenarbeit umstellen. Mittlerweile arbeiten alle Mitarbeitenden des Backoffice von zu Hause aus.

Einziger Nachteil: Die sozialen Kontakte leiden

Vorher sei vor allem im Kader zu viel Unsicherheit da gewesen, um Heimarbeit in diesem Ausmass zu ermöglichen. «Das Vertrauen hat gefehlt», räumt Neuhauser ein. «Heute sehe ich, dass unsere Mitarbeitenden im Homeoffice produktiver arbeiten als im Büro. Das habe ich nicht erwartet.» Allgemein sei er überrascht, wie gut alles funktioniere. «Wir sind heute schneller, agiler und vernetzter als je zuvor.»

Früher hätte etwa für Treffen mit internationalen Vertretern viel Zeit eingeplant werden müssen. Das sei heute– dank der digitalen Möglichkeiten – viel einfacher. Auch Kadermeetings würden nun mehrmals wöchentlich statt nur einmal monatlich abgehalten. Dafür seien sie kürzer und konkreter. Ein weiterer Vorteil sei, dass der Arbeitsweg nun keine so grosse Hürde mehr darstelle und dadurch auch Angestellte von weiter weg engagiert werden könnten. «So kommen wir an mehr Fachpersonen, was vorher nicht möglich gewesen wäre, weil sie zu weit weg wohnten.»

Neuhauser kann der Umstellung fast nur Positives abgewinnen. «Einzig der soziale Kontakt fehlt natürlich.» Das versuche er als Geschäftsleiter durch digitale Treffen auszugleichen. «In einer Führungsposition muss man im Homeoffice gezielter und bewusster kommunizieren», sagt der Geschäftsleiter. Schliesslich laufe man nicht mehr einfach mal durch die Produktion oder sei bei einem Kaffee anzutreffen. «Es ist wichtig, dass mich die Angestellten trotzdem spüren können.»

Homeoffice soll in Zukunft beibehalten werden

So herausfordernd die Umstellung auch war, so positiv kommt sie nun also in Unternehmen an. «Corona ist ein grosses Unglück. Aber in diesem Unglück hat sich die Arbeitswelt sehr zum Positiven verändert», ist Neuhauser überzeugt. Die Firma Griesser will die Möglichkeit, von zu Hause aus arbeiten zu können, auch künftig «unbedingt» beibehalten. Und die Thurgauer dürften nicht das einzige Unternehmen sein, dem es so ergeht.

In grösseren Firmen wurde flexibles Arbeiten von zu Hause aus schon vor Corona gefördert, wie eine Umfrage bei Schweizer Arbeitgebern zeigt. So ermöglichten etwa die Grossbanken und der Pharmakonzern Novartis bereits seit längerem Homeoffice. Das Arbeitsmodell des Basler Unternehmens soll in Zukunft noch flexibler gestaltet werden: «Unsere Mitarbeitenden haben den starken Wunsch nach mehr Flexibilität bei der Art, wie, wo und wann sie arbeiten, geäussert», sagt eine Sprecherin.

«Gleichzeitig haben viele vorher skeptische Vorgesetzte erfahren, dass gezielt eingesetzte, flexible Arbeitsmodelle funktionieren.» Auch Swisscom, UBS, Nestlé, die AXA oder die Post fördern flexiblere Arbeitsmodelle gemäss eigenen Angaben seit Jahren. Und bei den SBB bezeichnet man die Praxis Homeoffice inzwischen als «selbstverständlich».