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EMMENBRÜCKE: Bei den Stahlkochern

175 Jahre nach der Gründung der von Moos’schen Eisenwerke wird in der Luzerner Agglomeration noch immer Stahl produziert. Mit der nötigen Würze.
Maurizio Minetti
Einblick in die Produktion der Swiss Steel. (Bild: Pius Amrein (Emmenbrücke, 6. Februar 2015))

Einblick in die Produktion der Swiss Steel. (Bild: Pius Amrein (Emmenbrücke, 6. Februar 2015))

Maurizio Minetti

maurizio.minetti@luzernerzeitung.ch

Es braucht eine gehörige Portion Übermut, am heissesten Tag des Jahres in ein Stahlwerk zu gehen. «Ich kann Sie beruhigen, es wird im Werk so heiss, dass Ihnen die Aussentemperatur richtig angenehm vorkommt», sagt Ulrich Steiner mit ironischem Unterton. Steiner ist Kommunikations­verantwortlicher des schweizerisch-deutschen Stahlkonzerns Schmolz + Bickenbach. Dieser hat gestern Analysten und Medienschaffende anlässlich eines Investorentags zur Führung durch das Stahlwerk von Swiss Steel in Emmenbrücke geladen.

Kleine Rückblende: Begonnen hat die Geschichte des Werks im Jahr 1842. Die Brüder Ludwig und Franz von Moos errichteten damals eine kleine Stiftenfabrik auf der Reussinsel. Später wurde aus den von Moos’schen Eisenwerken die von Moos Stahl AG und vor zehn Jahren die Swiss Steel AG unter der Kontrolle von Schmolz + Bickenbach. Swiss Steel ist heute neben Stahl Gerlafingen das letzte noch verbliebene Stahlwerk in der Schweiz. Hier werden pro Tag rund 2200 Tonnen Stahl produziert – und dafür braucht das Werk ungefähr so viel Strom wie die Stadt Luzern.

Elektroden lassen Metall schmelzen

Geleitet wird Swiss Steel seit sechs Jahren von CEO Carlo Mischler. Lockeren Schrittes führt der Tessiner durch das Werk, in dem wegen des bis zu 1600 Grad heissen Stahls die Temperaturen tatsächlich weit über 35 Grad steigen. «Hier wird der Schrott angeliefert», sagt Mischler und zeigt auf drei Berge. In einer staubigen Halle wird der Schrott sortiert und mit einem ferngesteuerten Fahrzeug zum Schmelzofen geführt.

Der sogenannte Elektrolichtbogenofen ist das Herz des Stahlwerks. Hinter einer doppelten Scheibe können Zuschauer beobachten, wie der Schrott unter lautem Getöse zum Schmelzen gebracht wird. Aus einem riesigen Korb werden 40 Tonnen Schrott in den Schmelzkessel gekippt, später folgt eine zweite Ladung. Über dem Ofen ragen Säulen her­aus: Elektroden, die einen metallschmelzenden Lichtbogen erzeugen. Es funkt und rumpelt, das Feuer schwappt über, der Ofen kippt auf eine Seite und dann auf die andere. CEO Mischler erklärt: «Mit Sauerstoffeinspritzungen werden Verunreinigungen an die Oberfläche gebracht.» So entsteht eine Schicht Schlacke, die später abgeführt und zum Beispiel für den Strassenbau verwendet wird. Der ganze Vorgang dauert rund eine Stunde, alles passiert automatisch. Der Stahl ist nun sauber. Mit einem Kran werden die über 80 Tonnen Flüssigstahl in einen Pfannenofen geführt. In der Pfannenmetallurgie geht es nun ans Würzen, wie man unter Stahlkochern sagt. «Es ist wie Suppe machen», erklärt Carlo Mischler. Je nachdem, welche Sorte Stahl produziert werden soll, würzt man die Brühe mit Nickel, Chrom oder anderen Legierungen.

Ein Arbeiter entnimmt mit einer Lanze eine Probe und schickt sie per Luftpost zum Labor in die chemische Analyse. Schon nach wenigen Minuten ist klar, ob die chemische Zusammensetzung der gewünschten Mischung entspricht. Eine weitere Stunde lang kocht der noch immer fast 1600 Grad heisse Stahl in der Pfanne. Während in der Küche die Suppe ständig gerührt werden muss, wird hier von unten das Edelgas Argon eingespritzt, um den gleichen Effekt zu erzeugen. Alles funktioniert computergestützt; Arbeiter überwachen die Anlagen und führen Kontrollen durch.

Danach geht es mit der Pfanne zur sogenannten Stranggussanlage. Auf einem Drehturm wird die Pfanne von unten geöffnet; der Stahl fliesst in einen Verteiler, woraus unendlich lange vierkantige Stränge herausrollen. Später werden diese Knüppel auf eine Länge von 11 Metern geschnitten. Die fast 2 Tonnen schweren Knüppel kühlen jetzt langsam ab. Das Rohprodukt von Swiss Steel ist fertig. Danach wird die Charge angeschrieben. Ein wichtiger Vorgang, wie Carlo Mischler erklärt: «Der schlimmste Fehler in einem Stahlwerk ist eine Materialverwechslung.» 160 verschiedene Stahlsorten produziert Swiss Steel. Merkt ein Kunde erst nach der Verarbeitung des Stahls, dass die Mischung nicht stimmt, kann das fatal sein.

Zur Weiterverarbeitung gehen die Knüppel ins Walzwerk, wo es noch wärmer ist als im Stahlwerk. Hier werden sie erneut erhitzt und zu abgerundeten Stäben geformt. Nebenan findet bei der Schwestergesellschaft Steeltec die Veredelung statt. In Form von Stäben, dünnen oder dicken Drähten verlässt der Stahl das Werk, dann geht es zur Bindemaschine, wo die Ware etikettiert und schliesslich verschickt wird.

Der grösste Teil des Stahls aus Emmenbrücke gelangt in die Autoindustrie. Doch auch auf dem Bau und in Werkzeugen findet man Stahl aus jenem Werk, das einst von den Brüdern von Moos gegründet worden ist.

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