EMMENBRÜCKE: «Es war eine Schönwetter-Finanzierung»

Hans-Peter Zehnder hat beim Stahlkonzern Schmolz + Bickenbach kräftig aufgeräumt. Sehr zum Missfallen des Hauptaktionärs. Der will den Präsidenten schnellstmöglich loswerden.

Interview Hans-Peter Hoeren
Merken
Drucken
Teilen
Verwaltungsratspräsident Hans-Peter Zehnder hat in seiner kurzen Amtszeit bereits viele Turbulenzen überstanden. (Bild Roger Grütter)

Verwaltungsratspräsident Hans-Peter Zehnder hat in seiner kurzen Amtszeit bereits viele Turbulenzen überstanden. (Bild Roger Grütter)

Hans-Peter Zehnder, Ihre Amtszeit als Verwaltungsratspräsident von Schmolz + Bickenbach läuft Ende Juni aus. Der Hauptaktionär ist gegen Ihre Wiederwahl. Stünden Sie denn für eine zweite Amtszeit zur Verfügung?

Hans-Peter Zehnder: Ich lasse es offen. Das hängt davon ab, wer nach der geplanten Kapitalerhöhung der Hauptaktionär ist. Ich habe in meiner eigenen Firma, der Zehnder Group, genug zu tun. Wenn es für Schmolz + Bickenbach nützlich wäre, würde ich mir eine zweite Amtszeit überlegen.

Würde das auch für den Fall gelten, dass der neue Hauptaktionär Renova heisst?

Zehnder: Jeder Hauptaktionär wird bei der Wahl des VR-Präsidenten berechtigterweise ein gewichtiges Wort haben.

Bei Schmolz + Bickenbach ist in den letzten 18 Monaten kein Stein auf dem anderen geblieben. CEO und Finanzchef sind erst seit drei Monaten im Amt. Braucht das Unternehmen jetzt nicht personelle Kontinuität an der Spitze des Verwaltungsrates?

Zehnder: Dass kein Stein auf dem anderen geblieben ist, stimmt so nicht. In vielen operativen Gesellschaften und vielen Bereichen wie Marktbearbeitung herrscht nach wie vor Kontinuität. Der Wandel betraf und betrifft vor allem die Konzernebene. Wenn eine Kontinuität im Verwaltungsrat diesen Wandel unterstützt, ist das sinnvoll. Entscheidend wird der neue Hauptaktionär sein. Wenn dieser punkto Corporate Governance und Geschäftsführung auf Kontinuität setzt, dann kann ich mir vorstellen, nochmals Verantwortung als Verwaltungsratspräsident zu übernehmen.

Für einen Publikumsaktionär ist der Zerfall des Aktienkurses enttäuschend. Der Verwaltungsrat ist an der Generalversammlung aber auf die Unterstützung der Publikumsaktionäre angewiesen, diese haben die Aktienmehrheit. Wie soll das gelingen?

Zehnder: Wir hatten in der Vergangenheit eine spezielle Situation mit den Nachfahren der Gründerfamilien von Schmolz + Bickenbach. Diese hatten lange Zeit die Aktienmehrheit. Der Auftragseinbruch 2008/09 infolge der Finanzkrise hat das Unternehmen bei der Entschuldung zurückgeworfen. Nun geht es darum, die Kapitalbasis zu stärken. Wir werden unsere Vorschläge präsentieren, und dann müssen die Aktionäre entscheiden, was sie davon halten und ob sie uns das zutrauen.

Die dringend benötigte Kapitalspritze ist auch eine Folge der aggressiv fremdfinanzierten Expansion vor der Finanzkrise. Damals sassen Sie schon im Verwaltungsrat, waren Ihnen die Risiken nicht bewusst?

Zehnder: Die Expansion ist vor allem mit Fremdkapital finanziert worden. Die Finanzierung basierte darauf, dass die wirtschaftliche Entwicklung normal verläuft und wir die Kredite über stetige Gewinne zurückführen. Das war sicherlich eine Schönwetterfinanzierung, die aber von den Gründerfamilien als Hauptaktionäre massiv unterstützt worden ist. Diese Finanzierung ist uns jetzt zur Last geworden.

Der Hauptaktionär macht aber gerade Sie für diese Situation und den Wertverlust der Aktie verantwortlich.

Zehnder: Das, wofür ich und der Verwaltungsrat jetzt kritisiert werden, hat der Hauptaktionär über Jahre mitgetragen, ja sogar gewollt.

Was sind die wichtigsten Errungenschaften Ihrer Amtszeit als Präsident?

Zehnder: Wir haben eine klare Trennung zwischen Geschäftsleitung und Verwaltungsrat hergestellt. Ex-Konzernchef Benedikt Niemeyer sass beispielsweise auch im Verwaltungsrat und leitete einzelne Divisionen. Diese Ämterkumulation gibt es nicht mehr. Allgemein haben wir die Verantwortlichkeiten zwischen Aufsicht, Kontrolle und Geschäftsleitung klar getrennt. Zudem wurde die Stellung des Verwaltungsrates aufgewertet. Im deutschen Aktienrecht ist ein Verwaltungsrat respektive Aufsichtsrat ein Kontrollorgan, in der Schweiz aber das oberste Führungsorgan. Diesen Kulturwandel haben wir vollzogen, das ermöglicht auch tiefere Diskussionen im Verwaltungsrat.

Die überzogenen CEO-Gehälter bei Schmolz + Bickenbach haben oft für Negativschlagzeilen gesorgt. Hat es hier Anpassungen gegeben?

Zehnder: Die Verträge der früheren Geschäftsleitung liefen sieben Jahre und mussten zwei Jahre vor Ablauf gekündigt werden, sonst hätten sie sich verlängert. Sie stammten noch aus der Zeit als Familienunternehmen. Die Vergütungen des CEO lagen zudem deutlich über den Vergütungen, die für ein Schweizer Industrieunternehmen dieser Grösse üblich ist. Wir haben diese Verträge für die neue Konzernleitung den marktüblichen Gegebenheiten angepasst. Aufgrund unserer schwierigen Situation mussten wir allerdings dem neuen Führungsduo gewisse Konzessionen machen.

Welcher Art sind die Konzessionen?

Zehnder: Die Arbeitsverträge des neuen CEO und des neuen Finanzchefs sind erstmals auf 31. 12. 2016 kündbar.

Sie wollen ein bis zwei Investoren für einen Einstieg bei Schmolz + Bickenbach gewinnen. Welche Art von Investoren braucht das Unternehmen?

Zehnder: Wir brauchen vor allem finanzstarke Investoren, die bereit sind, Geldmittel einzuschiessen. Ideal wären natürlich Investoren, mit denen wir Synergien realisieren könnten; beispielsweise durch Erschliessung neuer Absatzmärkte, neuer Kunden, neuer Vertriebswege oder neuer Technologien.

Man hört oft, dass sich unter den interessierten Investoren einige befinden, die besser zu Schmolz + Bickenbach passen würden als Renova.

Zehnder: Wir sind mitten im Prozess der Investorensuche, weshalb ich Ihre Frage nicht kommentieren will.

Es wird immer wieder über Verkäufe von Unternehmensteilen spekuliert. Wo will man hier ansetzen, und wie sicher sind die rund 700 Arbeitsplätze in Emmenbrücke?

Zehnder: Der Standort Emmenbrücke ist sehr gut aufgestellt, hier wurden die Hausaufgaben laufend gemacht. Teilverkäufe stehen für uns generell nicht im Vordergrund, auch nicht bei den weltweiten Vertriebsgesellschaften. Priorität haben für uns operative Verbesserungen zwecks Steigerung der Ertragskraft.

Vieles deutet auf eine Kampfabstimmung über die künftigen Investoren hin. Wie stehen die Chancen, dass der Hauptaktionär und der Verwaltungsrat das noch abwenden?

Zehnder: Wir sind im Gespräch. Die Türen für eine Teilnahme am Investoren-Suchprozess stehen für Renova und unseren Hauptaktionär immer noch offen.

Sie sind seit Monaten als Krisenmanager bei Schmolz + Bickenbach gefordert. Wie viel Zeit bleibt Ihnen für Ihr eigenes Unternehmen?

Zehnder: Bei der Zehnder Group fülle ich mein normales Mandat als Vorsitzender der Gruppenleitung aus. Die Aufgabe als Verwaltungsratspräsident von Schmolz + Bickenbach ist aber sehr zeitintensiv. Das geht vor allem zu Lasten der Freizeit, meine Arbeitstage sind sehr lang.

Hätten Sie sich auf das Mandat eingelassen, wenn Sie gewusst hätten, wie aufreibend diese Aufgabe wird?

Zehnder: Hätte ich genügend Zeit gehabt, hätte ich es mir vielleicht drei Mal überlegt. Fakt ist, wir mussten damals im Dezember 2011 rasch handeln.