EMMENBRÜCKE: Machtkampf bei Stahlkonzern eskaliert

Schmolz + Bickenbach droht eine Kampfabstimmung über die weitere Zukunft. Der Verwaltungsrat erwägt rechtliche Schritte gegen den Hauptaktionär.

Hans-Peter Hoeren
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Das Stahlwerk und die Zentrale von Schmolz + Bickenbach beschäftigen in Emmenbrücke rund 700 Personen. (Bild: Freshfocus/Zvonimir Pisonic)

Das Stahlwerk und die Zentrale von Schmolz + Bickenbach beschäftigen in Emmenbrücke rund 700 Personen. (Bild: Freshfocus/Zvonimir Pisonic)

Im Streit um den Einstieg neuer Investoren beim Stahlkonzern Schmolz + Bickenbach hat der Hauptaktionär eine neue Eskalationsstufe eingeläutet. In einer am Donnerstag verschickten Medienmitteilung (wir berichteten) wird die Einberufung einer ausserordentlichen Generalversammlung gefordert. «Uns hat die Mitteilung überrascht. Mit diesem Vorgehen geben sie eine neue Gangart vor», kommentierte gestern Verwaltungsratspräsident Hans-Peter Zehnder gegenüber unserer Zeitung.

Auf der ausserordentlichen Hauptversammlung sollen drei Verwaltungsräte abgewählt werden, deren Amtszeit ausläuft. Geht es nach dem Hauptaktionär, soll auch der Verwaltungsratspräsident seinen Sitz freimachen. Anstelle der drei Verwaltungsräte sollen vier Kandidaten des Hauptaktionärs, der Schmolz + Bickenbach GmbH & Co. KG in das Gremium einziehen – darunter Geschäftsführer, Oliver Thum. Die KG hält rund 41 Prozent der Anteile.

Präsident bleibt gelassen

«Wir prüfen das Begehren der KG», erklärte Zehnder. Er nehme die Forderung nach seiner Abwahl nicht persönlich. «Wenn es nach einer Kapitalerhöhung einen neuen Grossaktionär geben sollte, muss ohnehin über die Zusammensetzung des Verwaltungsrates neu entschieden werden», sagte Zehnder. Der Stahlkonzern braucht frisches Kapital, um Schulden abzubauen und befindet sich in Gesprächen mit verschiedenen Investoren. Aussen vor ist aber der bevorzugte Kandidat des Hauptaktionärs, die Renova-Gruppe um den Oligarchen Viktor Vekselberg.

Mit dieser hatte der Hauptaktionär des Stahlkonzerns eine Exklusivvereinbarung abgeschlossen. Einsicht in die Bücher haben die Renova und die KG aber bisher nicht erhalten, weil sie sich weigern, die geforderte Vertraulichkeitserklärung zu unterzeichnen. Der Hauptaktionär wirft dem Verwaltungsrat deshalb vor, ihn systematisch aus dem Sondierungsprozess auszuschliessen (siehe Interview unten). Um welche strittigen Fragen es bei der Vertraulichkeitsklausel geht, ist unklar. Die Klausel verbietet den Unterzeichnern unter anderem auch den Handel mit Aktien des Unternehmens. Genau das könnte ein Knackpunkt sein. Gemäss Finanzexperten hat Renova bisher aber keine Anteile von Schmolz + Bickenbach an der Börse aufgekauft.

«Das gleicht einer Rufschädigung»

Hans-Peter Zehnder wirft dem Geschäftsführer des Hauptaktionärs, Oliver Thum (siehe unten), vor, die finanzielle Lage des Unternehmens systematisch zu überdramatisieren. Thum hatte unter anderem behauptet, die Finanzlage des Unternehmens sei angespannt. «Das ist falsch und kommt fast einer Rufschädigung gleich», wehrt sich Zehnder. Das Unternehmen verfüge über hohe Liquiditätsreserven, das laufende operative Geschäft sei nicht beeinträchtigt. «Wir erwägen deshalb rechtliche Schritte», sagt Zehnder.

Sollte die Renova über 33 Prozent der Anteile erwerben, muss sie den übrigen Aktionären ein Kaufangebot für deren Titel machen. Gilt das Unternehmen aber als Sanierungsfall, könnte das umgangen werden. Auffällig ist auch der hohe Betrag, den der Hauptaktionär für eine Kapitalerhöhung in den Raum gestellt hat. Insider vermuten, dass Renova dadurch auf einen Schlag möglichst viel Einfluss gewinnen soll. Aktuell liegt der Börsenwert von Schmolz + Bickenbach unter 300 Millionen Franken, die von der KG angedachte Kapitalerhöhung beträgt rund 420 Millionen Franken.

Vieles deutet nun darauf hin, dass es an der ordentlichen Generalversammlung am 28. Juni zu einer Kampfabstimmung über die Kapitalmassnahmen kommen wird. Der Ausgang ist unklar. Der aktuelle Hauptaktionär verfügt zwar über rund 41 Prozent der Anteile, aufgrund eines Aktionärsbindungsvertrages aber nur über rund 20 Prozent der Stimmrechte. Den Publikumsaktionären käme eine Schlüsselrolle zu. Sie halten rund 51 Prozent der Anteile, ihre Präsenz könnte entscheidend sein.

Der Verwaltungsrat favorisiert den Einstieg industriell denkender Investoren. Die interessierten Investoren sollen aus der Schweiz, anderen europäischen Ländern und den USA stammen. Angestrebt wird auch eine Ausweitung der Absatzmärkte. 80 Prozent des Umsatzes werden aktuell im Euroraum erzielt.