EMMI: «Milchpreis wird vor 2017 kaum steigen»

CEO Urs Riedener blickt auf ein Jahr zurück, das turbulent begann und erfolgreich zu Ende ging. Der Emmi-Chef rechnet mit weiterem Druck auf die hiesigen Preise.

Interview Ernst Meier
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Emmi-Chef Urs Riedener (50) konnte an der Bilanzmedienkonferenz einen Rekordgewinn präsentieren. (Bild Eveline Beerkircher)

Emmi-Chef Urs Riedener (50) konnte an der Bilanzmedienkonferenz einen Rekordgewinn präsentieren. (Bild Eveline Beerkircher)

Interview Ernst Meier

Der tiefe Euro hat Emmi 2015 stark unter Druck gesetzt. Entsprechend ging der Umsatz um über 5 Prozent zurück. Trotzdem können Sie heute neue Rekordmarken beim Gewinn verkünden. Wie war dies möglich?

Urs Riedener: Wir haben sehr rasch viele Hebel in Bewegung gesetzt. Bei unseren Exportprodukten mussten wir die Preise im Ausland erhöhen, damit der Ertrag trotz niedrigem Euro noch stimmt. Das hat zwar Umsatz gekostet, hätte aber schlimmer ausfallen können. Unsere Firmen im Ausland, die für den lokalen Markt produzieren, waren nur indirekt – wenn wir den Gewinn am Ende des Jahres in Schweizer Franken umrechnen – von der Währungskrise betroffen und haben sich insgesamt hervorragend entwickelt. Hier zahlte sich unsere vor Jahren eingeleitete Auslandstrategie einmal mehr aus. Zusätzlich haben alle Betriebe 2015 massiv Kosten gesenkt und so einen wichtigen Beitrag zum Gewinn geleistet.

Wie verändert das Aus des Euro-Mindestkurses Ihr Geschäft?

Riedener: Das Ende des Euro-Mindestkurses hat grundsätzlich zu einer Veränderung des Konsumverhaltens geführt. Die Konsumenten kaufen wegen der Preisunterschiede verstärkt im Ausland ein. Ich würde nicht darauf wetten, dass der Einkaufstourismus wieder abnimmt. Der Druck, der durch das Mindestkurs-Ende ausgelöst wurde, wird anhalten. Nicht nur beim Konsum, auch bei den Importen und dem Tourismus. Der Arbeitsmarkt Schweiz wird den Druck weiter zu spüren bekommen. Wenn die hiesige Wirtschaft leidet, trifft das auch Emmi.

Sie reagierten auf das neue Umfeld auch mit Preiserhöhungen. Dabei ist Emmi bereits teurer als viele Konkurrenten und wurde nun noch stärker zum Premiumanbieter.

Riedener: Die Preise haben wir nur im Ausland erhöht. Aus Wechselkursgründen sahen wir uns dazu gezwungen. Natürlich ist dadurch unser Sortiment im Ausland stärker in die Spitze getrieben worden. Wir verkauften mehr Caffè Latte und Kaltbach-Käse und weniger austauschbare Produkte wie Joghurt und gewöhnliche Käsesorten. In der Schweiz mussten wir Preisabschläge vornehmen. Der Milchpreis wurde gesenkt und weitergegeben, hinzu kamen zusätzliche Preissenkungen. Wir mussten dies machen, um gegenüber der Konkurrenz, auch gegenüber Importen, kompetitiv zu bleiben.

Sie verzeichneten 2015 in allen Verkaufsregionen einen Umsatzrückgang. Gesamthaft sanken die Verkaufserlöse um 5,6 Prozent. Schwindet die Lust nach Emmi-Produkten?

Riedener: In der Schweiz ging der Umsatz um 5 Prozent zurück – 3,3 Prozent davon sind tatsächlich rückläufige Mengen, 1,7 Prozent Preiseffekte. In den meisten anderen Märkten haben wir mengenmässig aber mehr verkauft und sind in den Lokalwährungen gerechnet auch gewachsen. Der Umrechnungseffekt in den Schweizer Franken führte jedoch zu einem Umsatzrückgang von minus 6,3 Prozent bei unserem Auslandgeschäft.

Stehen weitere Anpassungen wegen der Währungssituation bevor?

Riedener: Unser Job ist es, innovativ zu bleiben und zu schauen, wie wir uns verbessern können. Das machen alle 5000 Mitarbeitenden bei uns täglich. Es ist sicher so, dass wir hoffen, nicht noch einmal so ein Schockerlebnis wie vor einem Jahr absorbieren zu müssen. So etwas kann aber immer wieder vorkommen im Geschäftsleben. Dann müssen wir pragmatische Lösungen finden. Unsere Mitarbeitenden können das.

Das heisst, Sie haben sich mit einem Euro-Franken-Kurs von 1.10 abgefunden?

Riedener: Mit dem Wechselkurs 1.10 Franken haben wir uns arrangiert. Für die Schweiz bedeutet dies aber, dass der Druck auf die Preise anhält.

Andere Industrieunternehmen haben im letzten Jahr die Arbeitszeiten temporär erhöht, wieso Emmi nicht?

Riedener: Wir sind der Meinung, dass es besser ist, die Mitarbeiter zu motivieren, damit sie zu einer guten Entwicklung und einem guten Geschäftsergebnis beitragen. Das haben wir im letzten Jahr gemacht. Die Angestellten wurden ermuntert, Prozesse zu verbessern und Kosteneinsparungen vorzunehmen. Dadurch mussten wir keine Massnahmen wie längere Arbeitszeiten, Einschränkungen bei den Ferien oder Stellenverlagerungen vornehmen. Unsere Mitarbeitenden haben sich toll eingesetzt.

Ist eine Stellenverlagerung ins Ausland ein Thema?

Riedener: Nein, unsere Geschäfte in der Schweiz laufen trotz der Herausforderungen gut. Die Herstellung von Milchprodukten ist ein lokales Geschäft, und wir haben eine hohe Kompetenz in der Schweiz. Die Schweizer Konsumenten wollen hiesige Produkte. Unser Wurzeln sind hier und wenn uns die Kunden weiterhin die Treue halten, wollen wir hier produzieren.

Sie haben 2015 erst den Milchpreis für Ihre Lieferanten gesenkt, danach wieder leicht erhöht. Bei Milchpreisanpassungen besteht ein Zielkonflikt zwischen Ihren Hauptaktionären, den Milchbauern, und Ihren Renditevorstellungen.

Riedener: Der Milchpreis steht international und in der Schweiz unter Druck. Es ist nicht erfreulich, was international betreffend Milchpreis abläuft. Wir müssen aber sehen, dass wir das gute Resultat 2015 den Verbesserungen im Ausland zu verdanken haben. Die Produkte aus der Schweiz haben dazu leider wenig beigetragen. Auch Emmi wünscht sich einen höheren Preis für die Produzenten, wir müssen das Geschäft aber so aufstellen, dass wir sowohl bei einem hohen als auch bei einem tiefen Milchpreis erfolgreich sein können. Wir sind für die Milchproduzenten ein verlässlicher Abnehmer und bezahlen Preise über dem Durchschnitt. Das kann auf Dauer nur ein starkes und erfolgreiches Unternehmen. Nicht zu vergessen: Die Zentralschweizer Milchproduzenten profitieren von einer markant höheren Dividende. Ich bin überzeugt, dass für die Schweizer Milchproduzenten eine Welt mit Emmi deutlich besser ist als eine ohne Emmi.

Wie entwickelt sich der Milchpreis in diesem Jahr?

Riedener: Der Schweizer Milchpreis ist stark von den internationalen Märkten abhängig. Vielerorts besteht eine Überproduktion. Wir hatten 2014 einen hohen Milchpreis, jetzt ist er tief. Ich gehe nicht davon aus, dass er noch weiter sinken wird. Das wäre sehr aussergewöhnlich. Irgendwann kommt auch mal wieder die Wende. Realität ist leider, dass kaum vor 2017 damit zu rechnen ist.

Immer mehr Schweizer kaufen im Ausland ein. Wie stark spürt Emmi den Einkaufstourismus?

Riedener: Es gibt zum Glück sehr viele Konsumenten, die der Schweiz die Treue halten. Das muss man auch mal sagen und dafür danken. Für jene, die im Ausland einkaufen gehen, habe ich ein gewisses Verständnis. Man muss sich einfach bewusst sein, dass durch den Einkaufstourismus der Werkplatz Schweiz insgesamt unter Druck gerät und dass so ein höheres Lohn- und Wohlstandsniveau nicht zu erhalten ist.

Sie steigen in ein neues Geschäftsfeld ein. In drei Wochen eröffnet Emmi in Luzern ein erstes Verkaufslokal für Joghurt-Produkte. Was sind Ihre langfristigen Pläne?

Riedener: Wir wollen herausfinden, wie man die Milch anders interpretieren, das heisst moderner verkaufen kann. Das Ladenlokal in Luzern wird als Take-away geführt. Die Pilotfiliale ist für uns ein Feldversuch, wo wir etwas Neues ausprobieren und vor allem viel lernen wollen. Wir werden keine klassischen Emmi-Produkte verkaufen. Das überlassen wir den Detailhändlern. Wir werden Produkte mit neuen Rezepturen auf Joghurtbasis anbieten, die man bisher noch nicht kennt und die man auch nicht beim Detaillisten kaufen kann.

Zum Beispiel?

Riedener: Das können beispielsweise süsse Kombinationen mit Früchten und Cerealien sein oder auch salzige Varianten wie ein mit Randen unterlegter Kräuterquark. Wir bieten fertige Kreationen an, lassen die Konsumenten aber an der Joghurtbar auch ihre eigene Lieblingsmischung zusammenstellen. Das Ganze wird dann in einem Becher zum Mitnehmen verkauft.

Weniger Umsatz, Rekordgewinn

Luzern red. Die weltweiten Umsätze von Emmi sind im letzten Geschäftsjahr um 5,6 Prozent auf 3,2 Milliarden Franken gesunken, wie der grösste Schweizer Milchverarbeiter am Donnerstag in Luzern bekannt gab. Bereinigt um Währungs- und Akquisitionseffekte, ging der Umsatz um 3 Prozent zurück. Besser als erwartet haben sich die Gewinne entwickelt.

Der Betriebsgewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) war mit 188,9 Millionen Franken 10,7 Prozent höher als im Vorjahr und erreichte einen historischen Höchstwert. Der Reingewinn kletterte um 9,9 Prozent auf 120,2 Millionen Franken. Neben dem starken Auslandgeschäft und den internen Kosteneinsparungen (siehe Interview) wirkte sich positiv auf den Verdienst aus, dass Emmi 2014 in den USA (Penn Yan) und in Italien (Trentinalatte) zwei ertragsschwache Firmen verkauft hatte.

Höhere Dividende
Wegen des guten Abschlusses will Emmi die Dividende pro Namenaktie von 3,80 Franken auf 4,90 Franken erhöhen. Für das laufende Jahr erwartet der Milchverarbeiter stabile Umsätze und leicht höhere Erträge. Vor allem in der Schweiz werde mit einem harten Umfeld gerechnet. Konzernweit beschäftigt Emmi 5400 Personen, 3000 davon in der Schweiz.

Der Umsatz und Betriebsgewinn von Emmi vom Jahr 2011 bis 2015. (Bild: Grafik)

Der Umsatz und Betriebsgewinn von Emmi vom Jahr 2011 bis 2015. (Bild: Grafik)