ENERGIE: Der Ölhahn bleibt weit offen

Trotz des jüngsten Absturzes der Ölpreise senkt die Opec ihre Fördermengen nicht. Damit sichert sie der sich verschlechternden Weltwirtschaft ihre Unterstützung zu – nicht ganz freiwillig.

Drucken
Teilen
Der Opec-Staat Irak will die Fördermenge seines Öls genauso wenig wie Saudi- Arabien drosseln. (Bild: AP/Nabil al-Jurani)

Der Opec-Staat Irak will die Fördermenge seines Öls genauso wenig wie Saudi- Arabien drosseln. (Bild: AP/Nabil al-Jurani)

Autofahrer, Vielflieger, aber auch alle, die zu Hause mit Heizöl ihre vier Wände wärmen, können sich freuen: Ihr Rohstoff bleibt in nächster Zeit im langjährigen Vergleich günstig. Die zwölf Mitgliedstaaten des Erdölkartells Opec haben gestern in Wien beschlossen, dass sie die aktuelle Fördermenge beibe­halten. Mehrere Ölförderländer plädierten im Vorfeld der Opec-Sitzung dafür, die Pumpgeschwindigkeit zu drosseln, um das Angebot knapp zu halten, um den Preis wieder nach oben zu bringen. Dagegen stemmten sich jedoch die Opec-Länder aus den Golfstaaten. Es gebe «keine Veränderung» zum bisherigen Förderziel von 30 Millionen Fass pro Tag, sagte der kuwaitische Ölminister Ali al-Omair unbeirrt. Das bestätigte auch der saudi-arabische Ölminister Ali al-Naimi im Anschluss an die gestrige fünfstündige Sitzung in Wien. Die Fördermenge bleibt unverändert bis zur nächsten Sitzung der Opec-Staaten vom Juni des nächsten Jahres.

Obwohl Rohstoffexperten damit rechneten, dass sich die Golfländer durchsetzen, reagierte der Ölpreis nach Bekanntwerden des Beschlusses mit einer weiteren Verbilligung. Der Preis für ein Fass (159 Liter) der Sorte Brent sank gestern im Laufe des späteren Nachmittags zeitweise um über 8 Prozent auf ein neues Vierjahrestief von unter 72 Dollar. Brent-Öl verbilligte sich seit dem Sommer bereits um mehr als 30 Prozent. Letztmals war der Rohstoff im Juli 2010 zu diesem Preis zu kaufen, danach verteuerte er sich auf einen Höchstpreis von 127 Dollar im April 2011.

Überreaktion der Märkte

Die klare Reaktion auf den Opec-Entscheid überrascht Michael Romer, Rohstoffspezialist der Bank J. Safra Sarasin. «Ich prognostizierte im Vorfeld eine Verbilligung des Brent-Öls von gegen 10 Prozent innert der nächsten Wochen, falls die Opec die Fördermenge nicht verringert», sagt Michael Romer. Dass jedoch bereits wenige Stunden nach dem Entscheid der Markt so stark korrigiert, sei eher ungewöhnlich. «Es schaut nach einer ersten Überreaktion der Händler aus, kann aber auch die Antwort auf das Signal sein, das die Opec ausgesendet hat – nämlich: Wir sind bereit, die Fördermengen auch bei sinkenden Preisen beizubehalten», erklärt der Leiter Equity Research Private Banking bei J. Safra Sarasin.

Hintergrund der Rohöl-Schwemme sind ein wachsendes Angebot und zugleich eine schwächelnde Nachfrage. Eine der Quellen dafür liegt in den USA, die den Rohstoff mit Hilfe der umstrittenen Fracking-Technologie aus Schiefergestein herauslösen und damit neue Vorkommen erschliessen.

Kampf gegen die Überkapazität

Die Opec-Länder, die 40 Prozent des weltweiten Ölangebots stellen, pumpen derzeit gegen 30,7 Millionen Fass des Energieträgers aus dem Boden. Die effektive Nachfrage nach Opec-Öl liegt laut der Internationalen Energie-Agentur (IEA) jedoch unter 30 Millionen Fass. Die IEA rechnet wegen der gesenkten Wachstumsprognosen rund um den Globus nur mit einer leicht höheren Nachfrage für 2015 und prognostiziert ein tägliches Überangebot von 1,4 Millionen Fass.

Russland ist der Verlierer

Einer der Hauptleidtragenden des Ölpreisverfalls ist Russland, das rund 40 Prozent seiner staatlichen Einnahmen aus dem Ölexport bezieht. Dem Land gehen durch den Ölpreisverfall nach eigenen Angaben bis zu 100 Milliarden Dollar jährlich verloren. Im Budget für 2014 rechnet die Regierung in Moskau mit einem durchschnittlichen Preis von 104 Dollar je Fass. Der Rubel reagierte denn auch mit Kursverlusten auf die Opec-Entscheidung. Doch auch für die USA könnte der sinkende Ölpreis über kurz oder lang zum Problem werden, denn die Schieferölproduktion ist kostspielig.

Der Kursrutsch beim Öl gab dagegen den Aktien von Fluggesellschaften Auftrieb. Der Aktienkurs der Swiss-Mutter Lufthansa legte um 2,9 Prozent zu. Die Easyjet-Titel in London gewannen mehr als 5 Prozent. Der europäische Branchenindex stieg um 1,8 Prozent.

Opec gespalten

Der Umgang mit dem Preisverfall hatte die Opec gespalten. Einige Mitglieder, darunter Venezuela, plädierten für eine Reduzierung der Fördermenge, um die Preise nach oben zu treiben. Das südamerikanische Land fördert das Öl zu deutlich höheren Preisen als die arabischen Scheichs. Laut dem saudischen Analysten Abdelwahab Abu-Dahesch ist Saudi-Arabien stark genug, um den niedrigen Ölpreis «zwei bis drei Jahre» durchzustehen.

Öl-Macht Opec

Die Opec (Organisation erdölexportierender Länder) besteht aus 12 Mitgliedstaaten und hat ihren Sitz in Wien. Zur Opec gehören Saudi-Arabien, Irak, Iran, Kuwait und Venezuela, Katar, Libyen, die Vereinigten Arabischen Emirate, Algerien, Ecuador, Nigeria und Angola. Sie sollen über 73 Prozent der bekannten Reserven an Erdgas und -öl verfügen.

René Meier