ENERGIE: Economiesuisse siehts düster

Der Wirtschaftsverband warnt vor einem massiven Wohlstandsverlust durch die Energiewende. Allerdings ohne den technologischen Fortschritt zu berücksichtigen.

Jan Flückiger
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Für die Energiewende spielt Windkraft eine wichtige Rolle. Keystone/Jean-Christophe Bott

Für die Energiewende spielt Windkraft eine wichtige Rolle. Keystone/Jean-Christophe Bott

Die Meldung schlug ein wie eine Bombe. Durch die bundesrätliche Energiestrategie (siehe Kasten) drohten der Schweiz «Wachstumseinbussen von bis zu 25 Prozent des realen Bruttoinlandprodukts (BIP)». Dies sagte Economiesuisse gestern vor den Medien und sprach von «zwei verlorenen Dekaden». Als Referenz dient ihr eine Studie, die sie bei der Konjunkturforschungsstelle (KOF) der ETH in Auftrag gegeben hat.

Das klingt überraschend und schockierend. Zumal andere Studien – teilweise ebenfalls von der ETH – bisher zu weit weniger gravierenden Ergebnissen gekommen waren. So rechnet etwa die Studie von Ecoplan, welche vom Bund in Auftrag gegeben wurde, mit einer Wachstumseinbusse von 2,7 Prozent bis ins Jahr 2050. Bei einem vergleichbaren Szenario – allerdings ohne internationale Harmonisierung der Politik – kommt die KOF-Studie auf eine Einbusse von 21,7 Prozent.

«Es ist ein statisches Modell»

Doch was hat die Studie der KOF überhaupt gemessen? «Das Modell ist ein statisches», sagt Studienautor und ETH-Professor Peter Egger. Die Studie berechnet die Auswirkungen, wenn sozusagen über Nacht eine CO2-Abgabe von 1140 Franken pro Tonne CO2 eingeführt würde (dies wäre gemäss Ecoplan-Studie erst ab 2050 der Fall) und sämtlicher Strom aus Kernkraftwerken durch Strom aus Gaskraftwerken und erneuerbaren Energien gedeckt werden müsste. Als Vergleichsjahr dient der Studie das Jahr 2000.

Komplett ausgeblendet werden dabei technologische Fortschritte sowie Anpassungsprozesse bei einer schrittweisen Umsetzung der Energiestrategie. «Die Studie nimmt Preise und Technik von vor 13 Jahren und geht davon aus, dass sich beides während 50 Jahren nicht verändert», schreibt etwa der Umweltverband WWF in einer ersten Reaktion auf die Studie. Das mache diese Studie für eine Prognose unbrauchbar. «Die Studie ist eine nette akademische Spielerei», sagt Patrick Hofstetter, Leiter Klima und Energie beim WWF Schweiz. «Doch sie als Entscheidungshilfe in der Energiewende zu verkaufen, ist entweder frech oder naiv.» Zumal im Bereich der erneuerbaren Energien ausgerechnet in den letzten 13 Jahren ein grosser Fortschritt erzielt worden sei.

Fortschritt nicht «blind vertrauen»

Bei Economiesuisse sieht man das anders. «Trotz unseres grossen Vertrauens in die Innovationskraft der Schweizer Wirtschaft können wir nicht einfach blind darauf vertrauen, dass der technologische Fortschritt die ökonomischen Kosten wettmachen wird», sagte Economiesuisse-Direktor Pascal Gentinetta. Er kritisierte, dass die Annahmen des Bundes diesbezüglich viel zu optimistisch seien. Gentinetta warnte in der Folge von einer möglichen Verdoppelung der Arbeitslosigkeit.

Economiesuisse behandelt die KOF-Studie also wie eine Wirtschaftsprognose. Genau als solche will aber Studienautor Peter Egger seine Arbeit nicht sehen: «Die Studie zeigt lediglich auf, was passieren würde, wenn es keinen technologischen Fortschritt gäbe.»

Produktivität müsste stark wachsen

Die Kernaussagen der Studie sind denn auch anderswo zu suchen. So bezeichnet Egger die zusätzlich nötige Produktivitätssteigerung, um die Kosten der Energiewende wettzumachen, mit 0,5 Prozent pro Jahr. Das ist beachtlich, entspricht dies doch mehr als einem Drittel der durchschnittlichen jährlichen Produktivitätssteigerung der Schweiz.

Economiesuisse geisselte gestern auch den Atomausstieg. Dabei geht der weit grösste Anteil der Zusatzkosten, welche die Studie berechnet, gar nicht auf Kosten des Atomausstiegs, sondern auf Kosten der Klimapolitik. So sind von den 21,7 Prozent der Wachstumseinbusse bei einem klimapolitischen Alleingang der Schweiz 14,3 Prozent auf die CO2-Abgabe zurückzuführen und «nur» 7,4 Prozent auf den Atomausstieg.

Ausland nicht entscheidend

Eine weitere interessante Erkenntnis der Studie von Egger: Ob das Ausland bei der CO2-Politik mitzieht oder nicht, ist nicht entscheidend. So sind die Unterschiede zwischen den Szenarien «Alleingang» und «international harmonisierte Politik» marginal. Denn eine weltweit höhere CO2-Abgabe würde auch zu einer global geringeren Nachfrage führen. Entscheidender ist die absolute Höhe der CO2-Abgabe.