ENERGIE: «Eine Volksabstimmung ist zwingend»

Ohne die Legitimation an der Urne bleibt der Atomausstieg sehr riskant, sagt CKW-Chef Andrew Walo. Er drängt darauf, dass Privatkunden schon ab 2013 ihren Stromversorger wechseln können.

Interview Hans-Peter Hoeren
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CKW-CEO Andrew Walo. (Bild: Remo Naegeli  / Neue LZ)

CKW-CEO Andrew Walo. (Bild: Remo Naegeli / Neue LZ)

Andrew Walo, die Stromversorger müssen die Energiewende umsetzen. Welchen Beitrag müssen denn die Konsumenten leisten, damit das Jahrhundertprojekt gelingen kann?

Andrew Walo: Die neue Energiepolitik kann nur funktionieren, wenn auch die Politik, die Konsumenten und die Verbände bereit sind, umzudenken und ihr Verhalten zu ändern.

Was heisst das für den Konsumenten?

Walo: Der Konsument muss sein Verhalten energieeffizienter gestalten. Das grösste Potenzial liegt im Gebäudebereich. Strom ist bei der Energiewende ein Teil der Lösung und nicht Ursache des Problems. Sehr energieeffizient ist der Wechsel von fossilen zu elektrischen Energieträgern, beispielsweise indem man eine Ölheizung durch eine Wärmepumpe ersetzt. Wenn nur wenige dazu bereit sind, wird es schwierig, die neue Energiepolitik umzusetzen. Weil die Konsequenzen der Energiewende sehr weitreichend sind, ist es zwingend erforderlich, dass die Stimmbürger über die Energiepolitik des Bundes an der Urne abstimmen.

Was bedeutet eine solche Volksabstimmung für Sie als Stromversorger?

Walo: Eine Volksabstimmung ist für uns absolut zwingend, um Planungs- und Rechtssicherheit zu erhalten. Das gilt sowohl für den jetzt vorliegenden Entwurf der ersten Etappe, in der mit verschiedenen Massnahmen der Energie- und Stromverbrauch pro Person gesenkt und Strom aus Kernkraftwerken teilweise durch erneuerbare Energien ersetzt werden soll. Und auch für die ab 2020 vorgesehene zweite Etappe in Form einer ökologischen Steuerreform. Ohne Legitimation an der Urne befinden wir uns auf einem sehr riskanten Weg.

Bis wann braucht es diese Abstimmung?

Walo: Je früher die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger abstimmen können, umso besser.

Ohne die Bereitschaft der Kunden, Strom aus erneuerbaren Energien zu beziehen und dafür mehr zu bezahlen, wird die Wende aber auch mit einem Ja an der Urne nicht gelingen.

Walo: Auch hier scheint mir der richtige Weg, auf marktwirtschaftliche Lösungen zu vertrauen. Die Kunden sollen zwischen verschiedenen Stromqualitäten wählen können. Das können sie bei uns. Wenn ich sehe, wie unsere Kunden auf das neue, ökologische Standardprodukt aus purer Schweizer Wasserkraft reagiert haben, stimmt mich das zuversichtlich.

Warum?

Walo: Weil 98 Prozent unserer 130 000 Privatkunden die höhere Stromqualität und den ökologischen Weg mittragen. Nur 1,6 Prozent haben auf Strom aus Grosskraftwerken gewechselt. Die Differenz macht 2 Franken pro Monat aus, weniger als einen Kaffee. Gut 0,5 Prozent unserer Kunden haben auf Strom aus der Zentralschweiz oder auf lokalen Solarstrom gewechselt.

In der Schweiz herrscht im Privatkundenbereich kein freier Markt, der Kunde kann seinen Anbieter nicht wechseln. Kann eine Energiewende ohne freien Markt funktionieren?

Walo: Wenn der Wettbewerb im Privatkundenbereich nicht bald kommt, entsteht eine problematische, volkswirtschaftlich höchst ineffiziente Situation in der Schweiz.

Wieso?

Walo: Aktuell können sich alle Unternehmen ab einem Jahresverbrauch von 100 000 Kilowattstunden ihren Anbieter frei wählen. Weil gegenwärtig die Grosshandelspreise für Strom tief sind, haben wir einige Grosskunden verloren, aber auch einige gewonnen. Dieser freie Markt funktioniert also bereits gut. Der Grossteil des Schweizer Marktes ist aber nach wie vor planwirtschaftlich reglementiert. Diese Mischform ist hochgefährlich.

Was macht es so hochgefährlich?

Walo: Die Stromversorger haben keine Planungs- und Rechtssicherheit – weder produktions- noch netzseitig. Weil künftig viele Kunden ihren Strom dezentral in unsere Netze einspeisen, müssen wir unsere Netze umbauen. Doch dieser Umbau ist ohne Planungssicherheit nicht zu gewährleisten. Es müssen zudem die marktwirtschaftlichen Regeln gelten. Nur wenn sich der Preis aus dem Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage bildet, werden Kundenbedürfnisse optimal erfüllt, herrscht Wettbewerb unter den Anbietern und werden Investitionen in die richtigen Projekte gelenkt. Nur ein unverzerrter Wettbewerb ist Garant dafür, dass Ressourcen effizient eingesetzt werden.

Wie schnell müsste denn ein liberalisierter Strommarkt für Privatkunden in der Schweiz geschaffen werden?

Walo: Gemäss geltendem Gesetz war die volle Marktöffnung für 2013 vorgesehen. Die Liberalisierung muss also schon nächstes oder übernächstes Jahr kommen. Das entspräche den Bedürfnissen der Kunden und der Stromversorger.

Die CKW liegen im hinteren Drittel bei den Privatkundenpreisen in der Schweiz, würden Sie nicht eher Kunden verlieren als gewinnen in einem freien Markt?

Walo: Das ist falsch. Die Tarife für unsere Privatkunden liegen im schweizerischen Durchschnitt. Damit sind wir gut aufgestellt.

Warum ist dieser freie Markt so wichtig? In Deutschland beispielsweise ist der Strommarkt seit Jahren liberalisiert, und nur sehr wenige Kunden wechseln den Stromversorger trotz grosser Preisunterschiede.

Walo: Deutschland ist ein schlechtes Beispiel, weil gerade dort die Marktmechanismen durch Subventionen wieder ausser Kraft gesetzt wurden. Deutschland wird im Jahr 2013 die Produktion von unregelmässig erzeugter erneuerbarer Energie mit rund 20 Milliarden Euro subventionieren. Bereits die bisherigen Subventionen haben weitreichende Auswirkungen auf die Grosshandelspreise, und zwar insofern, dass ein Überangebot an prioritär eingespeistem, stark gefördertem Strom die Preise an den Grosshandelsmärkten nach unten drückt.

Um die Zielsetzungen der Energiewende zu erreichen, investieren die CKW rund 125 Millionen Franken in der Region. Wo genau und wie weit sind diese Projekte konkret?

Walo: Vor kurzem haben wir die Baubewilligung für unser erstes Windkraftwerk im Entlebuch erhalten – auch dank der Unterstützung der Bevölkerung und der Region. Zusätzlich planen wir die Beteiligung an einem Windpark auf dem Lindenberg sowie drei Kleinwasserkraftwerke im Entlebuch. Hinzu kommt die geplante Solarforschungsanlage in Inwil (Schweissmatt). Wir stehen in den Startlöchern und warten mit einer Ausnahme bei all diesen Projekten darauf, dass die Politik und die Verbände die Ampeln auf Grün stellen.

In Inwil stösst das geplante Solarkraftwerk auf Widerstand, wie verfahren ist die aktuelle Situation?

Walo: Der Widerstand ist für uns keine Überraschung. Das Beispiel Schweissmatt zeigt, dass die Politik und die Verbände umdenken müssen, wenn die Energiewende gelingen soll. Auch hier gilt die Devise: Wer A sagt, muss auch B sagen. Unser Auftrag ist, den Kanton Luzern zuverlässig mit Strom zu versorgen, unsere Eigenproduktion im Kanton aber ist sehr gering. Mit dem Solarkraftwerk wollen wir die regionale Eigenproduktion erhöhen und wichtige Netzforschung betreiben. Wir können unsere Versorgungsprobleme nicht nur in anderen Kantonen oder im Ausland lösen, sondern müssen auch regionale Kraftwerke bauen und reale Erfahrungen mit künftig intelligenteren Stromnetzen machen können.

Die Schweissmatt in Inwil ist also der Testfall für die Klärung von Grundsatzfragen in Sachen Energiewende?

Walo: Letztlich geht es um die Abwägung von Nutzungsinteressen für die Stromproduktion und von gesellschaftlichen Schutzinteressen wie beispielsweise dem Landschaftsschutz. Diese Diskussion muss klar und ergebnisoffen geführt werden, und sie muss zu einem verlässlichen Ergebnis und zu verbindlichen Rahmenbedingungen führen, auf die wir im wahrsten Sinne des Wortes bauen können.

Das heisst im Umkehrschluss: Wenn dauerhaft die Schutzinteressen über die Nutzungsinteressen gestellt werden, gelingt die Energiewende nicht.

Walo: Wenn der Atomausstieg gelingen soll, müssen bei der Abwägung sicherlich öfter auch mal die Nutzungsinteressen höher gewichtet werden. Wenn man es mit den erneuerbaren Energien und dem intelligenten Stromnetz ernst meint, wird es nicht anders gehen. Für Netz- und Produktionsausbau gilt gleichermassen: Wir brauchen viel schnellere und einfachere Bewilligungsverfahren, um auf Kurs zu bleiben.

Wie stehen aktuell die Chancen für das Projekt in Inwil?

Walo: Wir haben bewilligungsfähige Unterlagen bei der Gemeinde Inwil eingereicht, und der Kanton prüft diese aktuell. Der Widerstand hängt vor allem mit der Diskussion um Fruchtfolgeflächen zusammen. Der Kanton hat die Zone aber als potenzielles Gebiet für neue Unternehmen ausgewiesen. Würde sich dort ein Industriebetrieb ansiedeln, müsste man jedoch die ganze Fläche versiegeln. Die geplante Solaranlage dagegen könnte in kürzester Zeit wieder abgebaut werden, nur 1 Promille der Fläche würde versiegelt. Auch das muss der Kanton bei seiner Entscheidung berücksichtigen.

Hinweis

Andrew Walo (49) ist seit 2004 CEO der Centralschweizerischen Kraftwerke AG.

 

Erneuerbare Energie steht im Zentrum

Investitionen red. Die CKW will ihren Produktionsmix zu weiten Teilen neu gestalten. Dazu plant sie, bis 2050 3 Milliarden Franken in eigene Produktionsanlagen zu investieren. 2,4 Milliarden Franken oder 80 Prozent der Investitionen sollen in die erneuerbaren Energien (Grosswasser, Kleinwasser, Sonne, Wind, Geothermie, Biomasse) fliessen. Rund 45 Prozent der Gesamtinvestitionen sind dabei im Ausland geplant. Bis 2017 will die CKW mit Schwerpunkt auf die Windenergie bereits rund 1 Milliarde Franken investieren. Flexible Erzeugungskapazitäten wie Pumpspeicher- und Gaskombikraftwerke sollen dabei die unregelmässig anfallende Energie aus Wind und Sonne absichern.