ENERGIE: Ölpreis fällt, aber nicht der Benzinpreis

Der Preis für Rohöl fällt und fällt. Dadurch ist das Heizöl derzeit billig. An den Zapfsäulen der Tankstellen merken die Konsumenten davon aktuell nicht viel.

Maurizio Minetti
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Ein Liter Bleifrei 95 ist aktuell deutlich teurer als Anfang Jahr, Dieselkraftstoff hingegen ist so günstig wie lange nicht mehr. (Bild Nadia Schärli)

Ein Liter Bleifrei 95 ist aktuell deutlich teurer als Anfang Jahr, Dieselkraftstoff hingegen ist so günstig wie lange nicht mehr. (Bild Nadia Schärli)

Maurizio Minetti

Der Rohölpreis kennt zurzeit nur eine Richtung: nach unten. Am Mittwoch kostete ein Fass (159 Liter) der Nordseesorte Brent etwas mehr als 50 US-Dollar – im Vergleich zum Sommer 2014 hat sich der Preis damit mehr als halbiert. Während der Heizölpreis in dieser Periode in der Schweiz von rund 100 Franken auf aktuell knapp 70 Franken geschrumpft ist, sind die Preise für Benzin und Diesel innert Jahresfrist nicht annähernd so stark gesunken.

Tiefstand im Januar

Laut dem Touring Club Schweiz (TCS) kostete der Liter Bleifrei 95 im Juli zwischen 1.54 und 1.57 Franken. Zum Vergleich: Ende Januar bezahlten Autofahrer in der Schweiz für den Liter Bleifrei 95 nur 1.40 Franken.

Es gibt mehrere Gründe für den kurzfristigen Anstieg des Benzinpreises. Einerseits ist da die höhere Nachfrage im Sommer, wenn viele Autofahrer auf den Strassen unterwegs sind. Gemäss Markus Fasser, Verkaufsleiter bei der Migrol, gibt es derzeit nicht nur eine starke Nachfrage nach Benzin, sondern auch eine Verknappung des Angebots. Angesichts grosser Rohölmengen, die aktuell gefördert werden, eine absurde Situation: Das Produkt Benzin ist eher knapp.

Roland Bilang, Geschäftsführer der Erdöl-Vereinigung, bestätigt dies: «Global ist die Nachfrage nach Benzin anscheinend sehr hoch, was die Preise stützt. Zudem notiert der Dollar eher fest.»

Gemäss Bilang wird der Einstandspreis für Bleifrei 95 an der Grenze in Basel durch drei Faktoren bestimmt. Der wichtigste Faktor ist der sogenannte ARA-Spotmarktpreis, der für Schweizer Importeure und Tankstellen massgebend ist. Die Höhe dieses ständig ändernden Einkaufspreises für Benzin wird primär durch den Erdölpreis bestimmt, aber auch durch das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage für das Fertigprodukt selbst.

Der zweite Faktor ist der Wechselkurs zwischen Schweizer Franken und US-Dollar. Benzin und Erdölprodukte werden generell in US-Dollar gehandelt. Somit können sich Veränderungen des Wechselkurses direkt auf den Benzinpreis an der Zapfsäule auswirken.

Transportpreis verdoppelt

Der dritte wichtige Faktor sind die Frachtkosten. Laut Bilang hat sich der Transportpreis auf dem Rhein im Juli mehr als verdoppelt. Gründe dafür seien Probleme in einer deutschen Raffinerie und ein relativ niedriger Wasserstand. Tiefe Pegelstände erhöhen die Frachtpreise, da die Tanker nicht vollladen können. Bilang: «Höhere Transportpreise schlagen sich natürlich relativ rasch auf den Produktpreis nieder.»

Sabine Schenker, bei Coop Mineralöl für Marketing und Beschaffung zuständig, verweist ebenfalls auf das Problem des Rheinpegels und erwähnt weitere Faktoren: Steuern, Beschaffungskosten, Einkaufspreise sowie die geopolitische Lage. Doch obwohl der Benzinpreis kurzfristig nicht sinkt, ist er auf lange Sicht so tief wie seit Jahren nicht mehr. Gegenüber dem Vorjahr ist der Treibstoff laut dem Bundesamt für Statistik im Juli 11,9 Prozent günstiger geworden.

Tiefster Wert seit 2004

Sabine Schenker von Coop sagt: «Unsere Zapfsäulenpreise sind in den letzten zwölf Monaten durchschnittlich um mindestens 10 Prozent gesunken». Ähnlich haben sich die Preise auch bei Migrol bewegt. Erich Schwizer, beim TCS in Emmen Experte für Mobilitätsberatung, weist darauf hin, dass der aktuelle Jahresmittelwert von 1.50 Franken für Bleifrei 95 der tiefste Wert seit 2004 ist. «Im Vergleich mit den Jahren 2010 bis 2014 ist Benzin nach wie vor günstig», sagt der Experte. Schwizer glaubt nicht, dass der Benzinpreis nochmals stark sinken wird. Roland Bilang von der Erdöl-Vereinigung will derweil keine Pro­gnose wagen, meint aber, dass sich der tiefe Rohölpreis an der Zapfsäule bemerkbar machen könnte, allerdings mit einer gewissen Verzögerung.

Diesel vielerorts günstiger als Benzin

Diesel, normalerweise teurer als Benzin, ist momentan vielerorts günstiger. Laut TCS kommt es selten vor, dass Benzin gleich teuer ist wie Diesel oder noch teurer. Zuletzt war dies Mitte 2009 der Fall. Aktuell ist die Nachfrage nach Diesel und Heizöl stagnierend oder rückläufig, während das Angebot gross ist. «Dies wirkt sich günstig auf den Dieselpreis aus», sagt Schwizer. Demgegenüber sei es durchaus möglich, dass der Benzinpreis sogar noch etwas steige und sich die Preissituation von 2009 wiederhole.

Konsumentenpreise auf tiefstem Stand seit 2007

sda. Die Konsumentenpreise in der Schweiz sind im Juli nach einer Verschnaufpause im Vormonat weiter gepurzelt. Insbesondere Autos und Kleider haben weniger gekostet. Gesamthaft sind die Konsumentenpreise dank Euroschwäche und Ölpreiszerfall so tief wie seit Oktober 2007 nicht mehr.

Der Landesindex der Konsumentenpreise erreichte im Juli das Mehrjahrestief von 97,8 Punkten (Dezember 2010 = 100), wie das Bundesamt für Statistik (BFS) gestern mitteilte. Gegenüber Juni verbilligten sich Konsumgüter um 0,6 Prozent, gegenüber dem Vorjahr um 1,3 Prozent.

Preise für Importgüter sinken

Mit einer Ausnahme sanken oder stagnierten die Preise in allen Hauptgruppen. Dank Ausverkauf mussten Schweizer Konsumenten im Juli etwa 8,3 Prozent weniger Geld für Kleidung und Schuhe ausgeben als noch im Juni. Einzig für alkoholische Getränke und Tabak musste wegen auslaufenden Aktionen leicht mehr Geld hingeblättert werden. Das Preisniveau sank insgesamt aber unabhängig von Sonderangeboten. Dafür waren nach wie vor hauptsächlich die Importgüter verantwortlich. Die Preise für die Importgüter sind vom starken Franken beeinflusst. Die Euroschwäche drückt etwa die Preise für neue Autos und Möbel.

Rekord bei Autoverkäufen im Juli

Die gesunkenen Preise befeuern weiterhin die Autoverkäufe in der Schweiz und in Liechtenstein. Im Juli rollten 30 228 neue Fahrzeuge auf die Strassen – so viele Neuimmatrikulierungen in einem Juli gab es zuletzt vor 16 Jahren. Gegenüber dem Vorjahr bedeutet die Anzahl neu zugelassener Autos ein Plus von 9,6 Prozent, wie der Verband Auto-Schweiz gestern mitteilte. Seit Anfang Jahr haben die Verkäufe gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 8,2 Prozent zugelegt. Auch die Verkaufszahlen von Hybrid- und Elektroautos zogen an. Mit einem Marktanteil von 4,1 Prozent stünden alternative Antriebe höher im Kurs als noch im Vorjahr, schreibt Auto-Schweiz.

Bild: Quelle TCS /Grafik Janina Noser

Bild: Quelle TCS /Grafik Janina Noser