ENERGIEWENDE: «Brauchen neue globale Technologien»

Der Deutsche Umweltpolitiker befürwortet den Ausstieg aus der Kernenergie. Er fordert die Entwicklung neuer Technologien.

Interview Dominik Buholzer
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Klaus Töpfer (76) spricht am Freitag beim Wissenschaftsdialog in Engelberg. (Bild: Keystone/Marko Priske)

Klaus Töpfer (76) spricht am Freitag beim Wissenschaftsdialog in Engelberg. (Bild: Keystone/Marko Priske)

Klaus Töpfer, als Umweltminister haben Sie den Deutschen das Recycling nahe gebracht. Was wäre es heute, wenn Sie noch der Bundesregierung angehören würden?

Klaus Töpfer*: Grundsätzlich hat sich an den Prioritäten nichts geändert. Mir war es stets ein Anliegen, dass wir uns weg von einem linearen Denken entwickeln, hin zu einem in Kreisläufen. Wenn uns dies nicht gelingt, werden wir auf der Welt mit ihren bald 9,7 Milliarden Menschen kein friedliches Zusammenleben haben.

Die Umweltverschmutzung als Auslöser von Kriegen?

Töpfer: Umweltschutz ist etwas so Abstraktes, dabei geht es um elementare Dinge. Alle Menschen wollen heute Zugang zu Wasser und Lebensmitteln haben. Doch längst nicht alle haben es so gut wie Sie in der Schweiz oder wir in Deutschland. Wir müssen endlich Abstand nehmen von der Wegwerfpolitik. Das ist die Herausforderung einer globalen Gesellschaft. Umweltschutz ist deshalb letzten Endes nichts anderes als Friedenspolitik.

Die Schweiz und Deutschland zählen in Sachen Klimapolitik zu den Vorzeigenationen. Trotzdem betonen Sie immer wieder, das genüge nicht. Weshalb?

Töpfer: Die Anstrengungen, die die Schweiz und Deutschland in Sachen Umweltschutz unternehmen, sind sicher ganz wichtig. Doch dabei können wir es nicht belassen. Unser Anspruch muss es sein, dass wir Technologien und Lebensweisen entwickeln, die globalisiert werden und so sämtlichen Bewohnern auf dem Planeten zugänglich gemacht werden können. 2050 wird die Bevölkerung der jetzigen Industrienationen noch etwa 5 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen. Es ist höchste Zeit, dass wir umdenken und globalisierungsfähige Technologien entwickeln.

Nach Fukushima 2011 hat ein Staat nach dem anderen angekündigt, dass er aus der Kernenergie aussteigen will. Mittlerweile ist die Überzeugung nicht mehr so gross. Glauben Sie noch an die Energiewende?

Töpfer: Es ist klar, dass so ein Wechsel nicht mit einem Federstrich getan ist. Die Energiewende hat Auswirkungen auf jeden einzelnen von uns. Sie erfordert von jedem ein Umdenken, und dies fällt uns nicht einfach. Trotzdem bin ich sehr zuversichtlich, dass uns diese Umstellung gelingen wird. Die erneuerbaren Energien zählen bereits heute zu den wirtschaftlichsten Technologien zur Stromerzeugung.

Kommen Industriestaaten wie die Schweiz oder Deutschland überhaupt ohne Kernenergie aus?

Töpfer: Davon bin ich überzeugt. Ich sage dies keineswegs aus ideologischer Sicht, sondern weil ich in meiner Zeit als Bundesumweltminister acht Jahre für die Sicherheit von 23 Kernkraftwerken zuständig war. Der Weg dorthin wird aber beschwerlich. Er stellt neue Anforderungen an unsere Infrastruktur. Es ist aber auch eine Fundgrube für neue Technologien.

Und deshalb ist auch das Scheiterungspotenzial entsprechend gross?

Töpfer: Der Prozess ist schwierig, aber er ist nicht so gewaltig wie jener von der Kutsche zum Auto.

Weshalb wird das Potenzial der alternativen Energien nicht mehr genutzt?

Töpfer: Das ist auch eine Vertrauensfrage. Aber daran arbeiten wir. Ich leiste unter anderem als Exekutivdirektor des Institute for Advanced Sustainability Studies in Potsdam einen Beitrag dazu.

Am Freitag sind Sie Gast am 13. Wissenschaftsdialog der Stiftung Academia Engelberg. Was erwarten Sie von dem Treffen mit Wissenschaftlern aus aller Welt?

Töpfer: Dass man genau diese Probleme breit analysiert und nach neuen Lösungswegen sucht. Wir dürfen uns nicht mehr nur darauf beschränken, ein Ziel zu beschreiben. Und wir dürfen uns von Rückschlägen nicht entmutigen lassen.

Hinweis

Klaus Töpfer * (76) ist Gründungs- und Exekutivdirektor des Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) in Potsdam. Der CDU-Politiker war deutscher Bundesminister in der Regierung Helmut Kohl. Von 1998 bis 2006 war er Exekutivdirektor des UNO-Umweltprogramms (UNEP).