ENNETBÜRGEN: Leichtbau für die Lebensretter

Die Firma Aerolite stattet Rettungshelikopter aus. In diesem Bereich ist sie Marktführerin. Das Gewicht der Sitze und Tragen ist dabei matchentscheidend.

Hans-Peter Hoeren
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Aerolite-Mitarbeiter Patrick Cavigelli montiert ein Liegesystem für Rettungshelikopter. (Bild Dominik Wunderli)

Aerolite-Mitarbeiter Patrick Cavigelli montiert ein Liegesystem für Rettungshelikopter. (Bild Dominik Wunderli)

Je leichter ein Helikopter oder ein Flugzeug, desto grösser ist seine Reichweite. Für das Geschäft der Firma Aerolite in Ennetbürgen ist das von zentraler Bedeutung. Das Unternehmen rüstet Rettungshelikopter und Ambulanzflugzeuge aus. Die komplexen Einbauten umfassen Tragensysteme mit Laderampen für die Patienten, Sitze für die medizinische Besatzung und die medizintechnische Ausrüstung. In Europa ist das Unternehmen mit seinen 85 Mitarbeitern Marktführer im Bereich der Ausstattung von Rettungshelikoptern. Der Marktanteil liegt bei 60 Prozent. Begonnen hat alles mit der Ausrüstung der Rega-Helikopter, die ausschliesslich von Aerolite bestückt wurden.

«Preis steht nicht an erster Stelle»

Die gute Marktposition hat das Unternehmen seiner Innovationsfähigkeit zu verdanken. Ein grosser Trumpf ist die Leichtbauweise, die der Kombination von Materialien wie Aluminium, Wabenplatten oder Composite-Werkstoffen zu verdanken ist. «Bei vielen Aufträgen gibt das Gewicht den Ausschlag», erklärt Firmengründer und Geschäftsleiter Max Bucher (65). Funktionalität und das schnelle Entwickeln von Lösungen seien weitere Erfolgsfaktoren des 1995 gegründeten Unternehmens. «Der Preis kommt in unserer Branche nicht an allererster Stelle», sagt der gelernte Flugzeugspengler Bucher. Ein Drittel der Mitarbeiter in Ennetbürgen ist in der Forschung und Entwicklung tätig.

Vor allem bei Rettungsflügen und Repatriierungen kommen die Hightech--Systeme aus Ennetbürgen zum Einsatz. Doch das Geschäftsfeld verändert sich. «Heute sind 50 Prozent der Einsätze Verlegungsflüge von Patienten in ein anderes Spital», sagt Max Bucher. Die betroffenen Patienten seien oft sehr stark abhängig von medizinischen Geräten. «Anspruchsvolle Medizintechnik wird in unserem Geschäftsfeld deshalb immer wichtiger», sagt Bucher. Aerolite arbeitet hier eng mit verschiedensten Partnern und Lieferanten zusammen. «Unsere Innovation ist es, die einzelnen Bestandteile in ein vollfunktionierendes System zu integrieren und in den Helikopter einzubauen», verdeutlicht Bucher. Das Marktsegment, in dem Aerolite arbeite, sei relativ klein. Eine grosse Herausforderung sei das Austarieren der Unternehmensauslastung in der stark von Grossaufträgen geprägten Branchen und die Akquise neuer Aufträge.

Risiken bei der Entwicklung

«Man muss schnell da sein, wenn Helikopterhersteller anfangen, neue Modelle zu entwickeln», sagt Bucher. Noch bevor die neuen Rettungshelikopter-Modelle auf den Markt kämen, beginne Aerolite damit, parallel dazu entsprechende Rettungs- und Ambulanzrüstsätze auf eigenes Risiko zu entwickeln. Da Aerolite gute Kontakte zu allen wichtigen Helikopterherstellern habe, bekomme man schon in einem sehr frühen Entwicklungsstadium die technischen Daten der neuen Modelle. «Wir arbeiten zum Teil sogar mit den Daten von konkurrenzierenden Herstellern, entsprechend gross muss die Vertraulichkeit sein», sagt Bucher. Die Entwicklung einer neuen Ausrüstung dauert rund 1 Jahr.

Diese Vorgehensweise sichert Aerolite einen grossen zeitlichen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz. Wenn die Modelle auf den Markt kommen, verfüge Aerolite bereits über ein fertiges Produkt. Ohne Risiko geht das aber nicht. Für die ersten Entwicklungsschritte sind allein 500 000 Franken an finanziellen Vorleistungen notwendig, für die Gesamtentwicklung gar 1,5 Millionen Franken. «Das grösste Risiko ist, dass die Markteinführung des neuen Helikoptermodells wegen ‹Kinderkrankheiten› sich wesentlich verspätet», sagt Bucher.

Der Exportanteil des Unternehmens liegt bei über 90 Prozent. Neben Europa ist Nordamerika ein wichtiger Markt. Wegen der Eurokrise haben insbesondere neue östliche EU-Mitgliederländer ihre Investitionen verschoben, zudem ist der Markt in Europa aktuell gesättigt. Der Umsatz sank deshalb in den letzten 2 Jahren um zirka 35 Prozent. Im vergangenen Jahr lag der Umsatz bei 17 Millionen Franken, im laufenden Jahr werden 15 Millionen Franken erwartet.

Da 2014 neue Helikoptermodelle auf den Markt kommen, erwartet Bucher wieder ein Anziehen der Nachfrage und kalkuliert mit einem Umsatz von 21 Millionen Franken. Aktuell arbeitet das Unternehmen an einem Einstieg in den chinesischen Mark und will auch in Indien und Indonesien Fuss fassen.

Hoffen auf Airpark Nidwalden

Der Einbau der Ambulanz- und Rettungssysteme erfolgt meist direkt bei den Helikopterherstellern oder im eigenen Completion-Center am Flughafen Dübendorf. Von noch grösserer Bedeutung ist für Bucher aber der Hauptsitz in Ennetbürgen. «Die Zentralschweiz ist die beste Region für die Luftfahrtindustrie in der Schweiz», sagt er. Dank Firmen wie beispielsweise Ruag oder Pilatus gebe es dort eine sehr gute Zuliefererindustrie und sehr gut ausgebildete Mitarbeiter. Grundvoraussetzung für eine Weiterentwicklung von Aerolite aber ist, dass sich das Unternehmen vergrössern kann. Hier hofft Bucher auf den Airpark Nidwalden (NAPAG). «Uns fehlen ein Hangar und ein Pistenzugang», sagt Bucher. Er hofft, diese Bauten in absehbarer Zukunft im Airpark realisieren zu können.

Mit dem heutigen Teil endet unsere Innovationsserie. Die einzelnen Teile können Sie unter www.luzernerzeitung.ch/serien nachlesen