ENTHÜLLUNG: «Die Schweiz könnte davon profitieren»

Die Kundendaten zweier Institute rücken die Steuerparadiese der Karibik ins Rampenlicht. Der Steuer- experte warnt davor, alle Anleger sofort als Steuerhinterzieher zu brandmarken – und sieht Chancen für die Schweiz.

Interview Lukas Scharpf
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Nicht nur ein Paradies für Feriengäste, sondern auch für Finanzjongleure: die British Virgin Islands in der Karibik. (Bild: Grafik web/ls)

Nicht nur ein Paradies für Feriengäste, sondern auch für Finanzjongleure: die British Virgin Islands in der Karibik. (Bild: Grafik web/ls)

Philip Robinson, warum eröffnet man eine Offshore-Gesellschaft auf den British Virgin Islands?

Philip Robinson*: Es wäre ein Kurzschluss, jede Privatperson oder Firma, welche in diesen neusten Enthüllungsdokumenten erscheint, sofort als Steuerhinterzieher anzuprangern. Es gibt absolut legitime Gründe und legale Wege, solche Gesellschaften zu gründen und zu nutzen. Global tätige Konzerne haben oft solche Tochterfirmen. Sei es aus operativen Gründen oder weil es mit der Steuerplanung zusammenhängt. Dabei geht es um die Optimierung der Steuersituation eines Unternehmens. Wenn alles, wie das Gesetz es erfordert, angegeben wird, kann man bei solchen Praktiken auch nicht von Steuerhinterziehung sprechen.

Aber eines der wichtigsten Elemente ist ja die völlige Anonymität, die diese Firmenkonstrukte auch Privatpersonen gewähren. Da kann man ja weniger von einem wirtschaftlichen Nutzen ausgehen ...

Robinson: Ich glaube, bei den natürlichen Personen gibt es sicher Fälle, wo solche Vehikel zur Steuerhinterziehung verwendet werden. Es gibt aber auch hier andere Gründe wie etwa die Regelung der Erbfolge mit der Gründung einer steuergünstigen Stiftung. Die britischen Jungferninseln sind nun mal ein Standort mit sehr tiefen Steuern. Wenn ein Konzern oder eine Privatperson dort eine Gesellschaft hat, ist das aus Steuergründen interessant. Sofern die Konten offengelegt sind, ist daran aus juristischer Sicht nichts auszusetzen.

Bereits in der Diskussion um den Schweizer Platz auf der schwarzen Liste der OECD für Steuerparadiese reagierten viele Politiker verärgert, weil die britischen Steuerparadiese unerwähnt blieben. Könnte die Schweiz sogar von diesem Datenleck profitieren, weil nun für einmal andere negativ im Rampenlicht stehen?

Robinson: Nach den Steuerdaten-CDs geht es für einmal nicht um die Schweiz, und das Ganze hat eine viel grössere Dimension. Es wird bereits jetzt Druck auf die Offshore-Finanzplätze in der Karibik ausgeübt. Auch wenn man das Ausmass der Konsequenzen der Daten noch nicht abschätzen kann, denke ich, diese Geschichte wird die Diskussion verstärken – weltweit und in London. Dann könnte ein seriöser Schweizer Finanzplatz tatsächlich in einem besseren Licht dastehen und profitieren.

Ist denn die Schweiz so viel besser?

Robinson: Die Schweiz ist im internationalen Vergleich kein dubioser Finanzplatz, sondern sehr seriös. Im Vergleich zu einigen Inselstandorten kennt unser Finanzplatz strenge Regeln. Wir haben eine wirksame Bankenaufsicht und die Geldwäschereigesetzgebung. Es wäre also nicht korrekt, die Schweiz mit solchen Kleinststaaten zu vergleichen.

Laut Informationen der beteiligten Medien sind die UBS, die CS und die Clariden involviert. Droht diesen und weiteren Schweizer Banken erneut Ungemach?

Robinson: Das hängt von den einzelnen Fällen ab. Aber jedes Mal, wenn eine Bank oder ein anderes Unternehmen in einem solchen Zusammenhang genannt wird, ist es sicher für die Betroffenen und den Finanzplatz als Ganzes nicht erfreulich.

Mit welchen Konsequenzen rechnen Sie im Zusammenhang mit den «Offshore-Leaks»-Enthüllungen?

Robinson: Einerseits werden involvierte Personen mit nicht versteuerten Geldern Wege suchen, sie zu legalisieren. Beispielsweise wie es im Zuge der gestohlenen Bankdaten-CDs deutscher Kunden geschehen ist: über Selbstanzeigen. Dann wird wohl die politische Diskussion um angebliche Steuerparadiese angeheizt. Meine Befürchtung ist aber auch, dass die öffentliche Debatte nun den Aspekt der Steuerhinterziehung und die Steuerplanung respektive -optimierung vermischt. Das wäre nicht angemessen, denn es würde ein falsches Licht auf die Firmen werfen, die sich an die gesetzlichen Rahmenbedingungen halten.

Hinweis

* Dr. Philip Robinson (51) ist Leiter Steuern und Recht der international agierenden Beratungsfirma Ernst & Young

Weltweiter Medien-Coup: Journalisten aus 46 Ländern werten brisante Dokumente aus

sda. Schwarzer Tag für die Steueroasen der Welt: Medien aus 46 Ländern haben gestern gemeinsam spektakuläre Enthüllungen über die geheimen Geschäfte von Offshoregesellschaften veröffentlicht. Noch ist erst die Spitze des Eisbergs sichtbar, denn die Daten, die vor über einem Jahr dem Internationalen Konsortium für investigativen Journalismus (ICIJ) anonym zugespielt wurden, enthalten Informationen über Abertausende Gesellschaften, Trusts, Finanzintermediäre und Unterlagen zu Personen, die solche Firmen verwalten, besitzen, davon profitieren oder sich dahinter verstecken (siehe auch Beitrag auf Seite 2 oben). Da die Datenmenge – ausgedruckt entspricht sie in etwa 500 000 Bibeln – alleine nicht bewältigbar war, setzte das ICIJ ein Team von 86 Journalistinnen und Journalisten aus 46 Ländern auf den Datenberg an. In der Schweiz sind dies eine Journalistin der «Sonntags-Zeitung» und ein Journalist von «Le Matin Dimanche».

Auch Zentralschweizer involviert

Wie stark die Schweizer Banken von den Enthüllungen betroffen sind, ist noch unklar. Allerdings bezeichnet das ICIJ die Enthüllungen zur UBS, zur Clariden Bank und zur Deutschen Bank als «key findig», also wichtigste Erkenntnis. Sie hätten «aggressiv darauf hingearbeitet, ihren Kunden geheimste Gesellschaften auf den British Virgin Islands und anderen Steueroasen zu verschaffen», schreiben die ICIJ-Verantwortlichen. Aus Informationen der «Sonntags-Zeitung» geht hervor, dass auch Personen (natürliche wie juristische) aus der Zentralschweiz in den Dokumenten der «Offshore-Leaks» genannt werden. Sie sind in Adligenswil (1), Baar (4), Büron (1), Ebikon (1), Engelberg (3), Hergiswil NW (1), Kriens (1), Luzern (1), Morschach (1), Oberägeri (1), Sempach (1), Unterägeri (1), Walchwil (1) und Zug (12) domiziliert. Die Arbeit am Datenberg ist indes noch längst nicht beendet. Die Journalisten werden weiter analysieren.