Das Retourbillett gilt nur noch einen Tag – die Begründung der ÖV-Branche irritiert

Weil Tickets missbraucht werden könnten, hat die ÖV-Branche die Gültigkeit reduziert. Das ärgert Ausflügler: Sie müssen nun zweimal an den Schalter.

Stefan Ehrbar
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Die ÖV-Branche hat während der Coronakrise ihre Tarife angepasst.

Die ÖV-Branche hat während der Coronakrise ihre Tarife angepasst.

Keystone

Peter Z.* wollte ein paar Ferientage in der Ostschweiz verbringen und kaufte sich für seinen Ausflug ein Retourbillett. Damit sah er sich gewappnet für seine Reise mit dem ÖV. Die Kundenbegleiterin im Zug belehrte in aber eines Besseren: Das Retourbillett sei nur gültig, wenn er gleich wieder zurückfahre. Wenn er das an einem anderen Tag tun wolle, müsse er ein zweites Billett kaufen. Z. fragt im Kundenforum der SBB: «Warum wollen die SBB, dass man zwei Mal an den Schalter oder an den Automaten gehen muss?»

Der Ärger von Z. kommt von einer neuen Regel. Die Gültigkeit der Retourbillette und Klassenwechsel wurde am 1. Juni von zehn Tagen auf einen Tag reduziert. Dafür verantwortlich sind allerdings nicht die SBB, sondern die Alliance SwissPass, die über die Tarife im öffentlichen Verkehr entscheidet. In ihr sind 250 Unternehmen und Organisationen des öffentlichen Verkehrs vertreten.

Statt zehn Tagen nur noch einer gültig

Unter dem Titel «Alle Streckenbillette neu einen Tag gültig» hatte die Allianz diese Änderung kommuniziert. Eigentlich hätte sie im Dezember umgesetzt werden sollen, doch aufgrund der Pandemie wurde sie vorgezogen – «weil Billette nicht mehr in die Hand genommen und entsprechend nicht mehr entwertet werden können», wie es in der Mitteilung heisst.

Die Änderung gilt nur für Billette auf einer Strecke von mehr als 116 Tarifkilometern (siehe Box). Für kürzere Strecken betrug die Gültigkeit von Retourbilletten schon bis anhin nur einen Tag. Doch warum hat sich die Branche für diese Änderung entschieden? Schliesslich fehlen dem ÖV seit der Coronakrise viele Passagiere. Sie wieder für die Fahrt mit Bus, Bahn und Tram zu begeistern, ist eine der wichtigsten Aufgaben. Ein weniger attraktives Angebot steht dem entgegen.

Branche verweist auf App und Webshop

Die Änderung könnte mit dem Missbrauchspotential zu tun haben. Schliesslich konnten findige Passagiere ein Retourbillett innerhalb von zehn Tagen als Streckenabo nutzen, bis sie zum zweiten Mal kontrolliert wurden. Wie oft das geschah, weiss die Alliance SwissPass nicht. Zum Missbrauch von Retourbilletten könne man keine Angaben machen, sagt ein Sprecher.

Die Massnahme geschehe im Sinn einer «Vereinheitlichung und Harmonisierung», lautet die Begründung. «Billette können weiterhin einfach und bequem auch über den Webshop oder die Smartphone-App gekauft werden», so der Sprecher. Damit entfalle der Gang zum Schalter oder zum Automaten. Zudem gebe es die 2-Fahrten-Karte: Die Hinfahrt wird auf dieser datiert und die Rückfahrt kann während eines Jahres abgestempelt werden.

Peter Z. kann sich mit der Änderung nur schwer anfreunden. «Der Kunde kann ja nichts dafür, wenn wenig kontrolliert wird», schreibt er. Und noch immer gebe es auch Leute, die kein Handy besässen. Sie seien vergessen worden.

*Name geändert

Kilometer im ÖV

So werden Tickets berechnet

Wie teuer ein Streckenbillett des öffentlichen Verkehrs ist, hängt von der Distanz zwischen den beiden Orten ab. Doch nicht nur die effektive Distanz spielt eine Rolle: Für «nachfragestarke Verbindungen mit qualitativ hohem Leistungsangebot» gibt es sogenannte Distanzzuschläge. Dazu gehören zum Beispiel Olten-Aarau, Wil-St. Gallen oder Aarau-Zürich HB. Die Strecke von Bern nach Zürich HB misst gemäss den ÖV-Tarifen so 164 Kilometer – statt der effektiven etwa 120 Kilometer. Dementsprechend teurer ist das Billett. 

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