Kleingeld-Mangel in den USA: Wenn die Suche nach dem nächsten «Quarter» schwerfällt

In Amerika geht den Ladengeschäften das Kleingeld aus. So beklagen sich Waschsalons darüber, dass sie nicht genügend «Quarters» für ihre Automaten hätten. Was steckt hinter der Münzen-Knappheit?

Renzo Ruf aus Washington
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In den USA nehmen noch immer viele Läden keine Kreditkarten an (Symbolbild).

In den USA nehmen noch immer viele Läden keine Kreditkarten an (Symbolbild).

Keystone

Niemand wird von dieser Krise verschont, selbst ein national tätiger Detailhändler nicht. So warnt der Baumarkt «The Home Depot», dessen 2300 amerikanische Filialen derzeit von Hobby-Heimwerkern gestürmt werden, auf grossflächigen Plakaten vor der «Nationalen Münzen-Verknappung». Weil es bei der Ausgabe von Wechselgeld Probleme gebe, seien beim Kauf von Produkten Kreditkarten oder Schecks einzusetzen, ist da zu lesen.

Autowaschanlagen, Spielcasinos, kleine Supermärkte oder Waschsalons beklagen sich seit Wochen über Probleme bei Bargeld-Transaktionen – werden doch in Amerika die Hälfte von Geldgeschäften unter 10 Dollar mit Noten oder Münzen abgewickelt. Dabei fehlt es in den Kassen vor allem an «Quarters», wie die 25 Cent-Münze umgangssprachlich genannt wird. «Das ist ein Problem, mit dem niemand gerechnet hat», sagt Brian Wallace, der Präsident des Branchenverbandes Coin Laundry Association, im Gespräch.

Rationieren Banken Münz-Ausgaben?

Die Corona-Krise habe die rund 2000 Mitgliederbetriebe, in denen gerade sozial schwächere Amerikanerinnen und Amerikaner ihre Kleider waschen und trocknen, vor Schwierigkeiten gestellt, sagt Wallace. So mussten die Salon-Betreiber sicherstellen, dass sich die Kundschaft nicht mit dem Virus infiziert, während sie sich in den oft engen Räumlichkeiten aufhielt, in denen mitunter Dutzende von Waschmaschinen stehen. Die Suche nach 25 Cent-Münzen «macht es nun noch schwieriger», den Betrieb der Waschsalons aufrecht zu erhalten.

Verantwortlich für den «Quarters»-Engpass macht der Branchenvertreter die Finanzindustrie. Banken «rationierten» die Ausgabe von Münzen an ihre Geschäftskunden, sagt Wallace. Seine Mitgliederbetriebe seien deshalb dazu gezwungen, mehr Zeit für die Suche nach «Quarters» aufzuwenden, mit denen zuerst die Wechselautomaten und dann die Waschmaschinen gefüttert werden.

«Münzen sind nicht am richtigen Ort»

Die Finanzindustrie aber weist den Vorwurf zurück, sie horte Geldstücke. Die eigentliche Ursache der «Nationalen Münzen-Verknappung» sei vielmehr, dass derzeit zu wenige Münzen zirkulierten, heisst es. Die «Quarters» befänden sich in Privathaushalten oder in Geschäften, die ihren Betrieb nach dem Lockdown nicht wieder aufgenommen hätten, «sie sind einfach nicht am richtigen Ort», sagte Jim Gaherity, der Geschäftsführer von Coinstar, kürzlich dem Wirtschaftsmagazin «Bloomberg Businessweek».

Coinstar betreibt weltweit gegen 20'000 Automaten, in denen Münzen in Geldscheine oder Kundenkarten umgetauscht werden können. Gegen 2,7 Milliarden Dollar sammelte Coinstar auf diese Art und Weise im vergangenen Jahr in Amerika ein; aufgrund der Corona-Krise sei dieses Volumen aber zumindest im Frühjahr zurückgegangen. Zahlen gibt Coinstar keine bekannt; die Firma befindet sich im Privatbesitz. In anderen Ländern, in denen sein Unternehmen tätig sei – zum Beispiel in Deutschland oder Kanada – sehe sich Coinstar aber nicht mit dem gleichen Problem konfrontiert, sagt Gaherity.

Kommt es zum Kreditkarten-Boom?

Ähnliche Töne schlägt David Ryder an, der Direktor der United States Mint, die für das Prägen von amerikanischen Geldstücken zuständig ist. In einem Internet-Video weist Ryder darauf hin, dass die Münzstätte derzeit mehr «Quarters» oder «Dimes» (10 Cent) herstelle als je zuvor. Das stimmt: Allein im Juni prägte die Mint 1,6 Milliarden Geldstücke.

Und gemäss dem US-Finanzministerium befinden sich derzeit Münzen im Wert von 47,8 Milliarden Dollar im Umlauf. Aber die Corona-Pandemie habe Kreisläufe unterbrochen, die einst garantierten, dass die Münzen sich am richtigen Ort befunden hätten, sagt Ryder. Etwas verzweifelt ruft er die Amerikaner deshalb dazu auf, ihre Sparschweinchen zu schlachten und Geldstücke wieder in Zirkulation zu bringen. «Jedes kleines bisschen hilft.»

Immerhin: Brian Wallace, der Chef der Coin Laundy Association, prognostiziert, dass die aktuelle Krise die technologische Aufrüstung der Waschsalons beschleunigen werde. Derzeit akzeptierten noch 56 Prozent seiner Verbandsmitglieder keine Kreditkarten, sagt er. Allerdings müssten die Salon-Betreiber aufpassen, dass sie ihre Kunden nicht vergessen. Denn die Amerikanerinnen und Amerikaner, die ihre Kleider ausserhalb ihres Hauses waschen müssten, seien häufig Menschen, die weder eine Kreditkarte noch ein Bankkonto besässen.