ERDERWÄRMUNG: Die Besserwisser in der Klimapolitik

Einige Ökonomen fordern bei der Bekämpfung der Erderwärmung weniger Individualismus. Doch genau das ging schon einmal schief.

Daniel Zulauf
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Die Umweltverschmutzung lässt Hongkong selten so gut aussehen wie auf den Bildern, die den Touristen zwecks Erinnerungsfoto zur Verfügung stehen. (Bild: Alex Hofford / Keystone)

Die Umweltverschmutzung lässt Hongkong selten so gut aussehen wie auf den Bildern, die den Touristen zwecks Erinnerungsfoto zur Verfügung stehen. (Bild: Alex Hofford / Keystone)

Der morgen in Paris beginnende Klimagipfel ist ein weltpolitisches Grossereignis. Unmissverständlicher Beleg dafür ist allein schon die Präsenz von mehr als 150 Staats- und Regierungschefs in der französischen Hauptstadt. Die Weltgemeinschaft ist gefordert: Setzt sich der globale Temperaturanstieg in den nächsten Jahrzehnten im gleichen Tempo fort wie in der Vergangenheit, droht eine Klimakatastrophe mit beispiellosen Kosten für die Gesellschaft. Doch hohe Kosten entstehen auch, wenn Massnahmen zum Schutz des Klimas ergriffen und beispielsweise der Ausstoss von Treibhausgasen eingeschränkt wird. Wenn die Vorräte an fossilen Brennstoffen künftig unter dem Boden bleiben müssen und die Industriefirmen gezwungen sind, Innovationen für weniger CO2-intensive Produktionsmethoden zu entwickeln und zu finanzieren, dann wird dies nicht ohne grosse Auswirkungen auf die Einkommensverteilung zwischen den Ländern bleiben.

Auch Schwellenländer am Tisch

Eine wirkungsvolle Weltklimapolitik kündigt sich zunächst vor allem den Schwellenländern als ein wirtschaftlich schwer verdaulicher Brocken an. China, Brasilien, Indonesien und viele andere aufstrebende Volkswirtschaften spielen im globalen Business erst seit etwa einem Vierteljahrhundert eine nennenswerte Rolle. Das zeigt sich unter anderem darin, dass inzwischen rund 60 Prozent des weltweiten CO2-Ausstosses in den Schwellenländern emittiert werden, während vor 1990 die Herkunft der in die Atmosphäre entweichenden Kohlenstoffdioxide zu 80 Prozent noch die alten Industrieländer waren. So schädlich die Demokratisierung CO2-intensiver Annehmlichkeiten wie das Autofahren, das Fliegen oder das tägliche warme Bad in der 200-Liter-Wanne für das Weltklima auch sein mag, so verständlich ist es, dass auch die Menschen in den Schwellenländern ihr steigendes Einkommen für Dinge verwenden, die in unseren Breitengraden längst eine Selbstverständlichkeit sind.

Aber immerhin sitzen in Paris nun auch die Schwellenländer am Tisch, um sich als Mitgestalter der Weltklimapolitik aktiv einzubringen. Auf das Kioto-Protokoll hatten sich 1997 noch allein die Industrieländer geeinigt, wobei die damaligen Vereinbarungen zur Reduktion der Treibhausgasemissionen unter das Niveau von 1990 von den USA als damals grösster CO2-Verursacherin nie unterschrieben wurde. In Paris will man sich nun endlich gemeinsam für ein weitergehendes Klimaprotokoll oder für andere verbindliche Beschlüsse einsetzen, wie es in der Schlusserklärung des G-20-Gipfels Mitte November im türkischen Antalya hiess.

2-Grad-Grenze als Ziel

«In Anbetracht der Herausforderung, eine für alle Länder verbindliche Lösung zu finden, haben wir durchaus Fortschritte gemacht», sagt der Swiss-Re-Klimaexperte David Bresch, der als Vertreter der Zivilgesellschaft mit der Schweizer Delegation an der elftägigen Konferenz teilnimmt. Ziel der Verhandlungen ist die Einigung auf konkrete Instrumente, mit denen das seit langem angestrebte Ziel, die Erderwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts auf 2 Grad zu begrenzen, erreicht werden soll. «Ich bin sicher, dass wir in Paris einen gewichtigen Schritt weiterkommen werden, und das ist keine diplomatische Floskel», meint Bresch. Während die Klimakonferenz von Kopenhagen im Jahr 2009 unter anderem aufgrund ihrer ungenügenden Vorbereitung die (zu hohen) Erwartungen nicht erfüllte, kommen die Ländervertreter in Paris nicht mit leeren Händen an. 177 Staaten haben bereits im Vorfeld der Konferenz ihre Selbstverpflichtung zur Minderung ihrer CO2-Emissionen eingereicht. Die Schweiz hat sich zur Reduktion des CO2-Ausstosses bis 2030 um 50 Prozent unter das Niveau von 1990 verpflichtet.

Probleme sind nicht zu übersehen

«Ein Meilenstein», sagt Bresch. «177 Länder sind bereit, das Problem an der Wurzel zu packen. Das ist ein wichtiges Standbein der neuen Weltklimapolitik.» Naivität ist kaum das Problem dieses Mannes, der die Schweizer Klimadelegation seit Jahren an die internationalen Konferenzen begleitet und das Thema aus der politischen, wirtschaftlichen und nicht zuletzt naturwissenschaftlichen Perspektive zu bewerten vermag. Bresch weiss, dass die Selbstbeschränkungen der Länder bei weitem nicht genügen, um das 2-Grad-Ziel zu erreichen.

Mag sein, dass sich in seiner Zuversicht ein Stück Zweckoptimismus verbirgt. Schliesslich verkauft die Swiss Re Versicherungsdeckungen gegen Naturkatastrophen, «und wenn die Katastrophe zur Norm wird, ist sie nicht mehr versicherbar», erklärt Bresch. Doch im Gespräch wird klar, dass sein Glaube an eine Lösung tiefer geht. Aus dem promovierten Physiker spricht die Überzeugung, dass die Probleme nicht mehr zu übersehen sind und deshalb niemand mehr ein Interesse daran haben kann, die nötigen politischen Prozesse zu unterlaufen.

Kollektiv statt individuell

Damit unterscheidet sich Bresch von vielen Ökonomen, die den Pariser Klimagipfel abschreiben, bevor er überhaupt begonnen hat. Ein zentraler Kritikpunkt dieser Paris-skeptischen Ökonomen ist just das individuelle System nationaler Selbstbeschränkungen in der CO2-Emission. Das System lade die Staaten geradezu ein, ihre Selbstbeschränkungsziele möglichst tief zu halten, um auf diese Weise einen kompetitiven Vorteil gegenüber anderen Staaten zu erlangen. Dieses Phänomen des «Trittbrettfahrens» wird unter anderem in einem vor wenigen Wochen in der renommierten Zeitschrift «Nature» veröffentlichten Beitrag von verschiedenen Ökonomen thematisiert – mit der Quintessenz, dass die Staaten kollektiv auf verbindliche CO2-Ziele verpflichtet werden müssten. Genau das aber war 1997 in Kioto gescheitert, und es gibt wenig Grund anzunehmen, dass ein solches Vorhaben diesmal gelingen sollte. Auch die von vielen Ökonomen immer wieder geforderte Festlegung eines globalen Preises für CO2 mag theoretisch zwar ein perfekter Ansatz sein, um die Kosten der globalen Treibhausgasemissionen effizient zu steuern und die Mittel in dem von der Staatengemeinschaft zu finanzierenden Klimafonds fair zu verteilen. Doch der globale CO2-Einheitspreis ist ebenso unrealistisch wie der alte Ökonomen-Traum, dass ein freier Markt jedes Verteilungsproblem von selber lösen kann.

«Die Uni hatte kein Interesse»

Der sture Glaube an die Kraft des Laissez-faire hat die Ökonomenzunft allzu lange davon abgehalten, ernsthaft nach praktikablen Lösungen für das Klimaproblem zu suchen. Dieses gilt inzwischen als «grösstes Marktversagen aller Zeiten». Es ist kein Zufall, dass die Disziplin der Umweltökonomie in den vergangenen Jahrzehnten nicht an den Universitäten, sondern mehrheitlich an den technischen Hochschulen erfunden und entwickelt wurde. «Die Uni hatte schlicht kein Interesse an dem Thema und spielte lieber weiter mit ihren Marktmodellen», sagt ein ETH-Ökonom, der es mit seinen Nachbarn nicht verderben will und deshalb anonym bleiben will. Dafür ist die Zeit inzwischen aber abgelaufen. Bresch sagt: «Natürlich würde uns ein globaler CO2-Preis sehr viel weiterbringen. Aber wir sollten uns nicht an diese Idee klammern, sondern einfach die zweitbeste Lösung ins Auge fassen, um weiterzukommen.» Wenn die Pariser Konferenzteilnehmer nach diesem Motto handeln, dann kann das Treffen, den besserwisserischen Prognosen aus der Ökonomie zum Trotz, den Beginn einer neuen Ära in der Klimapolitik markieren.

Die Zahlen der Grafik stammen von der EU-Kommission. (Bild: dpa/sg)

Die Zahlen der Grafik stammen von der EU-Kommission. (Bild: dpa/sg)