ERNÄHRUNG: Besser Karpfen als Lachs

Die Über­fischung der Meere bleibt ein Problem. Wer auf Fische aus Zucht setzt, entschärft dies nicht. Ausser man beschränkt sich auf bestimmte Fischarten.

Andreas Lorenz-Meyer
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Ein Schleppnetzfischer auf hoher See holt seinen vollen Fang ein. (Bild: Getty)

Ein Schleppnetzfischer auf hoher See holt seinen vollen Fang ein. (Bild: Getty)

Andreas Lorenz-Meyer

Die Schweizer haben unvermindert Appetit auf Lachs, Scholle, Pangasius oder Thunfisch. 2013 betrug der Fischkonsum hierzulande 7,5 Kilogramm pro Kopf und Jahr. Meeresfrüchte sind dabei nicht eingerechnet. Rund 94 Prozent der Fische stammen laut Bundesamt für Umwelt (Bafu) aus dem Ausland. Die Importe haben laufend zugenommen, von 40 000 Tonnen im Jahr 1988 auf 57 000 Tonnen im Jahr 2013. Doch wie steht es um den Fischbestand? Wird er mittlerweile geschont? Von nachhaltigen Importen könne man nicht oder zumindest nur beschränkt sprechen, sagt Susanne Hagen von der Schweizer Organisation Fair-Fish. Die Meere würden immer noch über ein verträgliches Mass hinaus geplündert. Namhafte Wissenschaftler seien der Ansicht, dass die weltweiten Speisefischbestände bis Mitte des Jahrhunderts zusammenbrechen, falls weiterhin so viel konsumiert wird.

Die Überfischung in EU-Gewässern soll das neue, 2013 verabschiedete EU-Fischereigesetz beenden. «Die vorläufige Bilanz fällt aber ernüchternd aus», sagt Hagen. Meist gäben kurzfristige nationale Interessen den Ausschlag bei den festgelegten Fangmengen. Im Nordostatlantik gelten 64 Prozent der Fischbestände als überfischt, im Mittelmeer sind es sogar 93 Prozent.

Welchen Fisch kann man bedenkenlos essen? Einige Bestände haben sich leicht erholt, so die Schollen in der Nordsee. Bei Schollen aus dem Ärmelkanal und Dorschen aus der norwegischen See gibt es jedoch keine Besserung. «Die Finger ganz lassen sollte man von Schellfisch aus dem Nordwestatlantik», rät Hagen. Und nie empfehlenswert, egal woher, sei Europäischer Aal oder Dornhai, der zu Schillerlocken verarbeitet wird.

Tipp: Einmal Fisch im Monat

Ein Teil der Importe trägt ein Nachhaltigkeitssiegel wie Marine Stewardship Council (MSC) oder Friend of the Sea (FOS). Sie sollen garantieren, dass nicht mehr Fisch gefangen wird als nachkommt. «Bis heute steht aber kein Label für tierschonenden Fang oder fairen Handel», erklärt Hagen. Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass die Label zum Feigenblatt für einen zu hohen Konsum werden. Einmal Fisch im Monat, so der Rat von Fair-Fish. Mehr gebe der Planet nicht her.

Die inländische Fischproduktion deckt laut Bafu rund 6 Prozent des schweizerischen Konsums ab. 48 Prozent der Fische stammen aus Seefängen von Berufsfischern. Diese Fänge seien unbedenklich, so Diego Dagani vom Bafu, Abteilung Arten, Ökosysteme, Landschaften. Die Erträge der Berufsfischerei liegen bei 1600 Tonnen pro Jahr. Die Felchen machen mehr als die Hälfte der Produktion aus, die Egli rund 20 Prozent. Wie steht es um die Artenvielfalt? Das Bafu gab 2007 eine Rote Liste heraus. Über die Hälfte der insgesamt 55 schweizerischen Fischarten standen darauf. 8 waren ausgestorben, 6 vom Aussterben bedroht und 13 gefährdet. Dagani: «Seit 2007 ist keine weitere Fischart ausgestorben, aber viele sind immer noch bedroht.»

175,5 Tonnen Luzerner Fisch

In den Gewässern des Kantons Luzern fängt man jährlich Fische mit einem Bruttoertragswert von 2,37 Millionen Franken. Zurzeit gibt es 12 Berufsfischer, 9 am Vierwaldstättersee und 3 am Sempachersee. 2014 fing man in beiden Seen insgesamt 175,5 Tonnen Fisch. Die Fangstatistik sei in den letzten Jahren rückläufig, sagt Philipp Amrein, Leiter des Bereichs Jagd und Fischerei bei der Dienststelle Landwirtschaft und Wald beim Kanton Luzern. Rund 75 Prozent des Gesamtfangertrags machen die Felchen aus. Im Vierwaldstättersee kommen vier Arten vor. Daneben gehören Seeforellen, Hecht und Egli zu den beliebtesten Fischarten in den stehenden Gewässern des Kantons. Die Artenvielfalt sei in den letzten Jahren konstant geblieben, so Amrein: «Es leben 35 verschiedene Fischarten in den luzernischen Gewässern.»

Doch einheimische Wildfische stehen auch unter Druck. Nicht in erster Linie wegen des Fangs, sondern vor allem wegen der Zerstörung ihres Lebensraums durch die Wasserkraftnutzung. Auch der Eintrag von Schadstoffen gefährdet die Bestände. Laut Fischereiverband des Kantons Luzern wurden im letzten Jahr 75 Gewässerverunreinigungen im Kanton regi­striert, davon 10 Fälle mit Fischsterben.

Zudem unterbrechen Hindernisse in den Flüssen die Wanderwege der Tiere, was die Fortpflanzung behindert. Davon betroffen ist die Äsche, welche der Schweizerische Fischerei-Verband zum Fisch des Jahres 2016 ernannte. Die Äsche zählt zu den Flaggschiffarten, welche für den Schutz eines ganzen Lebensraumes stehen. Im Kanton Luzern ist sie nur in der Reuss, im Unterlauf einiger Zuflüsse, in der Rot bei St. Urban und gelegentlich im Vierwaldstättersee nachgewiesen. Insgesamt gibt es 9 Vorkommen. Auch der Klimawandel dürfte dem Fisch zusetzen, denn er reagiert empfindlich auf Temperaturveränderungen.

Boomende inländische Fischzucht

Fast so hohe Erträge wie Seen, Flüsse und Bäche erbringt mittlerweile die inländische Fischzucht. Sie steuert 41 Prozent zur heimischen Produktion bei. In den Aquakulturen dominieren Regenbogenforellen. Etwa 1100 Tonnen produziert man in der Schweiz jährlich. Den überfischten Meeren bringt Fischzucht im Allgemeinen aber keine Entlastung. Susanne Hagen von Fair-Fish: «Die boomende Aquakulturbranche, die oft als Mittel gegen Überfischung gepriesen wird, belastet die Fischbestände der Ozeane zusätzlich. Denn Zuchtfische, meist räuberische Arten wie Lachs oder Regenbogenforelle, bekommen Futterfische aus den Meeren zum Fressen. Dadurch werden dort die Nahrungsquellen für grössere Fische, Meeresvögel und Meeressäuger rar.»

Auch beim Zuchtfisch gibt es Label: Bio-Standards wie Naturland und Bio Suisse, Aquaculture Stewardship Council, Friend of the Sea. Fair-Fish empfiehlt Bio-Zuchtfisch. Hier sind Gentechnik, Antibiotika und Wachstumsförderer untersagt. Fischmehl und -öl im Futter stammen aus der Verarbeitung von Speisefischen, was die marinen Ressourcen schont.

Pilotprojekt in St. Urban

So richtig umweltschonend seien aber nur Anlagen, die Friedfische wie Karpfen oder Tilapia züchten, ergänzt Hagen. Die kann man rein pflanzlich ernähren. Im Kanton Luzern gibt es das Projekt «Karpfen pur Natur». Der gleichnamige Verein will die Teichwirtschaft in der Region rund um das Kloster St. Urban wiederbeleben. Fünf Teiche werden bereits bewirtschaftet, weitere sind geplant. Man füttert nicht mit Getreide zu, was sonst in der Teichwirtschaft zur Ertragssteigerung üblich ist. Der Karpfen frisst nur, was der Teich natürlicherweise hergibt, Wirbellose und andere Kleintiere. Projektleiter Manfred Steffen: «Wir setzen immer etwas weniger Karpfen aus, als die Naturnahrung des Teiches effektiv zu ernähren vermag.» Zudem legt man Wert aufs Fischwohl. Bei den geringen Besatzdichten – 200 bis 300 Karpfen pro Hektare Teichfläche – haben die Tiere keinen Dichtestress und werden kaum krank, sodass man keine Antibiotika benötigt. Die Teiche dienen nicht nur der Fischproduktion, sondern sind auch Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Die Erträge: zwischen 30 und 110 Karpfen pro Jahr, jedes Exemplar ist 1,5 bis 3 Kilogramm schwer. Das reiche ungefähr für 150 bis 400 Menüportionen, so Steffen. Der Karpfen wird nur an regional gut verankerte Gasthöfe verkauft, beim Rottaler Erntefest gibt es ihn darüber hinaus als «Karpfenknusperli». Steffen freut sich über eine positive Resonanz. Sogar sehr kritischen Fischgourmets habe der Fisch geschmeckt. Denn: Nicht zugefütterte Karpfen sind sehr fettarm, und in nähr­stoffärmeren Teichen wie denen des Vereins bekommen sie einen guten Fleischgeschmack.

Sportfischerei

Rund 2400 Sportfischer sind im Kanton aktiv. Die Hauptfischereireviere an den Fliessgewässern haben eine Länge von 590 Kilometern. Von den gesamten Fliessgewässern des Kantons bewertet man noch 54 Prozent als naturnah oder wenig beeinträchtigt. Rund 80 Prozent der Bäche und Flüsse im Kanton sind reine Bachforellengewässer. Der Fisch, im Kanton auch Förndli genannt, bevorzugt klare, sauerstoffreiche und eher kühle Fliessgewässer. Bis hinauf auf 1570 Meter über Meer ist er nachgewiesen.

Bild: Grafik Neue LZ

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