Lehrstellenmarkt in der Coronakrise: Erster Test bestanden, zweiter folgt noch

Der Lehrstellenmarkt hat das Coronajahr 2020 gut überstanden, auch weil sich alles gegen die Krise stemmte – ausgestanden ist es nicht.

Niklaus Vontobel
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Genau im Blick: Der Lehrstellenmarkt stand in der Coronakrise unter Beobachtung.

Genau im Blick: Der Lehrstellenmarkt stand in der Coronakrise unter Beobachtung.

Bild: Gaetan Bally/Keystone

Durch die Coronakrise wird der Lehrstellenmarkt einem Stresstest unterzogen. Bislang scheint er diesen Test bravourös zu bestehen, auch wenn Probleme aufgetaucht sind. Wie dies genau gelang, weiss man heute noch nicht. Jedenfalls stemmten Sozialpartner, Bund und Kantone sich mit Macht gegen die Krise. Doch der zweite Stresstest steht nächstes Jahr bevor.

Diese Woche kam Entwarnung. Das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation vermeldete: Der Lehrstellenmarkt sei stabil. Es lohne sich, dass sich alle anstrengen würden: die Taskforce, die Bundesrat Guy Parmelin einberufen hat; die Bildungsämter der Kantone; die Betriebe und Gewerkschaften. Derzeit sind zwar noch rund 9600 Lehrverträge weniger abgeschlossen als im Vorjahr. Doch um den Rückstand aufzuholen, verbleibt der ganze Monat August. Man ist mehr oder weniger auf Kurs.

Lehrverträge dürfen bis Herbst abgeschlossen werden

Man handelt weiterhin nach dem Prinzip: auf das Beste hoffen, gegen das Schlechteste vorsorgen. Die Frist wurde bis Ende Oktober verlängert, bis dahin dürfen Lehrlinge rekrutiert werden. Sonst ist Ende August jeweils Schluss. Man hilft nach, wo möglich. Im Kanton Bern gibt es «Last-Minute-Börsen». Anderswo geschieht Ähnliches, heisst aber anders: Last Call, Online-Stellen-Börse oder auch mal Berufs-Speed-Dating.

Hinter allen Mühen steht eine einzige Erkenntnis: Der nächste Stresstest steht schon nächstes Jahr bevor. Die Aussichten werden etwa im Kanton Bern folgendermassen beschrieben von Theo Ninck, Vorsteher des kantonalen Mittelschul- und Berufsbildungsamts: Die wirtschaftliche Lage bleibe wohl schwierig. Es müsse befürchtet werden, dass nächstes Jahr weniger Lehrstellen angeboten werden. Zugleich habe man deutlich mehr Jugendliche als früher in Brückenangeboten. «Nächstes Jahr könnten also mehr Jugendliche sich um weniger Ausbildungsstellen bemühen. Diese Gefahr besteht.»

«Ein Jahr warten, bringt gar nichts.» So deutlich sagt es der Bildungsexperte Stefan Wolter. Der Chef der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung rät den Jugendlichen, ein bisschen weniger wählerisch zu sein. In einem Jahr stünden die Chancen auf die Traumlehrstelle kaum besser, vielleicht gar schlechter. Man solle darum jetzt nicht ein oder zwei Jahre verlieren. Diese Jahre investiere man besser später: um sich weiterzubilden oder um den Beruf zu wechseln.

Diese Botschaft wollen auch die Kantone den Jugendlichen überbringen: nicht abwarten, zugreifen. Es gibt genügend offene Lehrstellen. Und nach der Lehre steht noch all dies offen: Berufswechsel, Fachhochschule, höhere Berufsbildung. So haben es ihre Vorgänger gemacht: Der Grossteil der Lehrlinge hat nach fünf Jahren den Beruf gewechselt. Also geht man auf die Jugendlichen zu – auch jene sollen noch überzeugt werden, die schon ein zehntes Schuljahr angefangen haben.

Für andere Jugendliche gibt es anderen Rat: Lehrabgänger. Letzte Woche vermeldete das Forschungsprojekt Lehrstellenpuls 2020: «Berufseinsteiger sind gegenwärtig am stärksten betroffen.» Vier von zehn Lehrbetrieben geben an, es sei schwieriger, eine Stelle zu finden als noch vor einem Jahr. Überraschend ist dies nicht. Die gleiche Erfahrung machte man in früheren Rezessionen.

Wert von Weiterbildung wird unterschätzt

Der Rat der Forscher: Die Lehrbetriebe sollen die Lernenden besser beraten über Aus- oder Weiterbildung. Vielen Jugendlichen fehlt der Überblick, sie finden sich schlecht zurecht im Dickicht der Bildungswege: Wo sind sie zugelassen, wo nicht? Viele unterschätzen, wie viel mehr Lohn sie verdienen, würden sie sich weiterbilden. Warum wurde der Stresstest dieses Jahr bestanden? Die Antwort kenne man erst in einigen Monaten, sagt Bildungsforscher Wolter. Im April hatte er gewarnt: Es drohe eine Lehrstellenkrise, die Kantone sollten die Notfallpläne aktivieren. Dass die Krise bislang ausbleibt, könnte auch daran liegen: Die Kantone wurden aktiv.

Oder aber die Jugendlichen befolgten den Appell, den Bundesrat Guy Parmelin übermitteln liess: Passt euch an, beharrt nicht auf eurer Traumlehrstelle. Und schliesslich: Die Ökonomen malten vielleicht allzu düster, die Wirtschaft kommt besser durch als gedacht. So bleibt die Konkurswelle aus, die Betriebe bieten gleich viele Lehrstellen an – oder sogar mehr.

Vieles ist unsicher. Kommt die erwartete schwere Wirtschaftskrise – oder doch nicht? Kommt sie, sei 2021 ein echter Stresstest unvermeidlich, so Wolter. Zumal noch mehr Jugendliche sich auf die Suche machen werden. «Dieses Jahr haben wir gut überstanden, 2021 könnte schwieriger werden.»

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