Hotellerie
«Es gibt nicht zu viele Hotels in der Schweiz»

Schweiz-Tourismus-Direktor Jürg Schmid kritisierte die Schweizer Hotellerie in einem Interview scharf. Der Branchenverband Hotellerie Suisse kontert - und will jetzt Detailhandel oder die Bergbahnen in die Pflicht nehmen.

Sven Millischer
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Schweiz-Tourismus-Direktor Jürg Schmid sparte im Montagsinterview mit der az nicht mit Kritik an der hiesigen Hotellerie: «Ein Drittel ist wirklich spitze, ein Drittel ist gut und ein anderes Drittel der Anbieter müsste sich bewegen oder aus dem Markt austreten.» Thomas Allemann, GL-Mitglied beim Branchenverband Hotellerie Suisse, teilt diesen Befund nicht: «Es gibt nicht zu viele Hotels in der Schweiz, sondern zu viele, die falsch positioniert sind.»

Entsprechend gelte es, das Profil der Betriebe zu schärfen. Insbesondere kleine bis mittlere Hotels seien gefordert mit neuen Ideen. Beispielsweise hätten sich in der Walliser Gemeinde Grächen acht Betriebe zusammengeschlossen. «Gerade für über Generationen hinweg geführte Familienbetriebe ist ein solcher Schritt aber schwierig», betont Allemann.
Kooperation statt Konkurrenz

Dass daran häufig kein Weg vorbeiführt, betont Christian Laesser, Tourismusprofessor von der Universität St. Gallen: Mit solchen Holding-Strukturen liessen sich Kosten im Einkauf einsparen sowie Personal gezielter einsetzen und Investitionsvorhaben besser koordinieren. Dieses Modell habe sich bei den Bergbahnen bereits bewährt und könne auch auf die Hotellerie anwendet werden. «Da besteht durchaus noch Potenzial.» Allerdings dürfe man den Koordinationsaufwand solcher Hotel-Konglomerate nicht unterschätzen.
Zumal zahlreiche Klein- und Kleinstbetriebe finanziell bereits «ausgeblutet» seien. «Solche Hotels können sich aus eigener Kraft nicht mehr bewegen, weil ihnen die nötigen Mittel für Investitionen fehlen.» Mit der Annahme der Zweitwohnungsinitiative sei zudem eine mögliche Exit-Strategie verbaut worden. Nämlich der Verkauf und die Umnutzung der Betriebe und ihrer Landreserven zu Ferienwohnungen.

Lücken in der Marktbearbeitung
Hotellerie Suisse versucht deshalb, im Rahmen der Umsetzung der Zweitwohnungsinitiative eine Branchenlösung zu erwirken. «Die Möglichkeit der Umnutzung bestehender Hotelbauten in Zweitwohnungen ist für einzelne Betriebe überlebenswichtig», erklärt Allemann. Bei einem Konkurs entstünden im schlimmsten Fall Bauruinen, die der Attraktivität der jeweiligen Tourismusdestination abträglich seien. «Das kann nicht im Sinne der Initianten beziehungsweise der Landschaftsschützer sein.»

Daneben will der Branchenvertreter vor- und nachgelagerte Industrie wie Detailhandel oder die Bergbahnen in die Pflicht nehmen. Sie würden von der Tourismusinfrastruktur im Übermass profitieren. «Wenn Chinesen in der Schweiz eine Rolex kaufen, dann müssen sie auch irgendwo übernachten.» Allemann vom Branchenverband fordert deshalb, dass sich diese Nutzniesser der touristischen Infrastruktur auf irgendeine Form daran beteiligen. Zum Beispiel über eine Taxe.
Während Hotellerie Suisse an die Solidarität appelliert, sieht Tourismusprofessor Laesser Lücken in der Marktbearbeitung: «Die Schweiz - das sind nicht nur schöne Landschaften.» Zwar sei das Umfeld aufgrund der Frankenstärke «garstig». Aber, erklärt Laesser: Das Land habe eine deutlich internationalere Kundschaft als beispielsweise Konkurrent Österreich. Nicht zuletzt dank den vielen globalen Konzernen, die sich hierzulande angesiedelt hätten. Aus Geschäftsreisende würden deshalb häufig auch Touristen. Deren Zahlungsbereitschaft gelte es, abzuschöpfen.