Ackermann
«Es ist falsch, nach einem Suizid einen Schuldigen zu suchen»

Der Berner Suizidexperte Thomas Reisch äussert im Interview Verständnis für Josef Ackermann. Es liege zwar in der Natur des Menschen, nach einem «erklärungsbedürftigen Ereignis» die Frage nach der Schuld zu stellen. Dennoch hält er dies für falsch.

Lorenz Honegger
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Ehemaliger CEO der Deutschen Bank: Josef Ackermann (Archiv)

Ehemaliger CEO der Deutschen Bank: Josef Ackermann (Archiv)

Keystone

Herr Reisch, Zurich-Verwaltungsratspräsident Josef Ackermann tritt zurück. Als Grund gibt er an, die Angehörigen des verstorbenen Finanzchefs würden ihn zu Unrecht für dessen Suizid verantwortlich machen. Was halten Sie davon?

Thomas Reisch*: Ich kann die Stellungnahme von Herrn Ackermann gut nachvollziehen. Ich bin der Meinung, es ist objektiv gesehen falsch, nach einem Suizid einen Schuldigen zu suchen. Die Schuld liegt nie bei den anderen. Es gibt immer Alternativen.

Warum?

Wenn sich jemand entscheidet, aus freien Stücken aus dem Leben zu scheiden, geschieht das aufgrund einer Stresssituation, mit der die betroffene Person nicht umgehen kann. Bei Männern sind die Auslöser meist im beruflichen Umfeld zu finden. In der Tendenz verbergen sie ihre psychischen Probleme vor ihrer Umgebung. Einer meiner Patienten sagte einmal, es gehe darum, um jeden Preis das Gesicht zu wahren.

Wie oft kommt es vor, dass Hinterbliebene einen Aussenstehenden für einen Suizid machen?

Das ist gar nicht so selten. Es liegt in der Natur des Menschen, nach einem erklärungsbedürftigen Ereignis einen Schuldigen zu suchen. Männer geben eher einer externen Person die Schuld. Frauen belasten sich typischerweise eher selber.

Woran kann ein Vorgesetzter erkennen, dass ein Angestellter den Druck nicht mehr aushält?

Auf Stufe Management ist das schwierig. Man geht davon aus, dass der Betroffene zu 150 Prozent funktioniert. Es herrscht kein Klima, um psychische Probleme anzusprechen. Grundsätzlich gilt: Wenn ein Untergebener auf einmal träge und nicht mehr leistungsfähig wirkt, sollte man das Gespräch suchen.

Der Tod des Zurich-Finanzchefs ist nun schon der zweite Suizid eines Schweizer Spitzenmanagers innert weniger Wochen. Wie gross ist das Risiko, dass die Berichterstattung Nachahmer auf den Plan ruft?

Die Gefahr ist erheblich. Nach dem Suizid des deutschen Fussballtorwarts Robert Enke etwa kam es zu zig Folgesuiziden mit der gleichen Methode. Je grösser Umfang und Detaillierungsgrad der Berichterstattung sind, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass es Nachahmer gibt.

*Dr. med. Thomas Reisch ist leitender Arzt des Psychiatriezentrums Münsingen (BE). Er ist Autor zahlreicher Studien über Suizid und Suizidprävention.