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Es war einmal eine Wunderwelt – oder wie die Warenhäuser ihren Glanz verloren haben

Globus wird verkauft, der Stern der Warenhäuser sinkt. Für das moderne Leben ist ihre Geschichte dennoch von Bedeutung
Gabriela Jordan
Das Galeries Lafayette in Paris, hier auf einer Postkarte um das Jahr 1900 zu sehen, war eines der ersten Warenhäuser der Welt. (Bild: Getty Images)Das Galeries Lafayette in Paris, hier auf einer Postkarte um das Jahr 1900 zu sehen, war eines der ersten Warenhäuser der Welt. (Bild: Getty Images)
Neue Musik hörte man sich früher noch im Warenhaus an, so wie hier in der Plattenbar im Globus in Zürich. (Bild: ETH-Bibliothek Zürich, 1974)Neue Musik hörte man sich früher noch im Warenhaus an, so wie hier in der Plattenbar im Globus in Zürich. (Bild: ETH-Bibliothek Zürich, 1974)
Um erstmals mit dem «Speedwalk», einen Rollteppich von Schindler, zu fahren, standen die Leute im früheren Grands Magasins Innovation in Lausanne stundenlang Schlange. (Bild: RDB/Dukas, 1959)Um erstmals mit dem «Speedwalk», einen Rollteppich von Schindler, zu fahren, standen die Leute im früheren Grands Magasins Innovation in Lausanne stundenlang Schlange. (Bild: RDB/Dukas, 1959)
Auch über das neue Konzept des Automatenverkaufs im Oscar Weber staunten die Leute nicht schlecht. (Bild: RDB/Dukas, 1958)Auch über das neue Konzept des Automatenverkaufs im Oscar Weber staunten die Leute nicht schlecht. (Bild: RDB/Dukas, 1958)
Magaziner tragen Ware in das Kaufhaus St. Annahof in Zürich. (Bild: RDB/Dukas, 1941)Magaziner tragen Ware in das Kaufhaus St. Annahof in Zürich. (Bild: RDB/Dukas, 1941)
Der Neubau des Warenhauses Globus an der Löwenstrasse in Zürich. (Bild: ETH-Bibliothek Zürich, 1967)Der Neubau des Warenhauses Globus an der Löwenstrasse in Zürich. (Bild: ETH-Bibliothek Zürich, 1967)
Die Marke Jelmoli im Einkaufszentrum Glatt in Wallisellen. (Bild: Keystone, 1981)Die Marke Jelmoli im Einkaufszentrum Glatt in Wallisellen. (Bild: Keystone, 1981)
Blick ins Innere des einstigen Schweizer Warenhauses ABM am Bellevue in Zürich. (Bild: ETH-Bibliothek Zürich, 1973)Blick ins Innere des einstigen Schweizer Warenhauses ABM am Bellevue in Zürich. (Bild: ETH-Bibliothek Zürich, 1973)
Blick ins Innere des einstigen Schweizer Warenhauses ABM in Winterthur. (Bild: ETH-Bibliothek Zürich, 1973)Blick ins Innere des einstigen Schweizer Warenhauses ABM in Winterthur. (Bild: ETH-Bibliothek Zürich, 1973)
Blick ins Innere des luxuriösen Pariser Warenhauses Galeries Lafayette. (Bild: Shutterstock, 2014)Blick ins Innere des luxuriösen Pariser Warenhauses Galeries Lafayette. (Bild: Shutterstock, 2014)
Der frühere Schweizer Mundartrock-Sänger Polo Hofer nächtigte einst sogar in einem Schaufenster: Anlässlich des Jubiläums des Jazz-Festivals in Bern ist im Loeb-Schaufenster ein Hotelzimmer errichtet worden. (Bild: Keystone)Der frühere Schweizer Mundartrock-Sänger Polo Hofer nächtigte einst sogar in einem Schaufenster: Anlässlich des Jubiläums des Jazz-Festivals in Bern ist im Loeb-Schaufenster ein Hotelzimmer errichtet worden. (Bild: Keystone)
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Blick in die Konsumtempel von damals

Die Zukunft des traditionsreichen Warenhauses Globus ist in der Schwebe, seit die Migros den Verkauf angekündigt hat. Allzu gross dürfte das Kaufinteresse an Globus allerdings nicht sein, der Stern der Warenhäuser sinkt schon seit langem. Zu schaffen macht ihnen der wachsende Onlinehandel, in der Schweiz kommen der starke Franken und der Einkaufstourismus erschwerend hinzu. Häuser wie Manor und Jelmoli haben mit dem härteren Marktumfeld zu kämpfen. Letzteres führte einst über 200 Filialen, heute gibt es noch eine einzige in Zürich.

Der Glanz der Warenhäuser ist weg. Dabei waren sie einst der Inbegriff der Moderne, genossen gesellschaftliche Bedeutung und versetzten überall auf der Welt ihre Besucher in Staunen. Um in diese Geschichte einzutauchen, muss man weit zurückblättern, ins Paris des frühen 19. Jahrhunderts, das für die Entstehung des Warenhauses Vorbildcharakter hatte.

Als Vorstufe entwickelten sich im frühen 19. Jahrhundert in Paris die überdachten Einkaufspassagen, in denen Hunderte von Händlern gemeinsam ihre Waren ausstellten und den Kunden Schutz vor Verkehr und Strassenschmutz boten. Im Jahr 1867 eröffnete der Unternehmer Aristide Boucicaut dann den «Bon Marché», der als erstes Warenhaus der Welt gilt und bis heute existiert.

Soziale Durchmischung und Kleptomanie

Die damals revolutionäre Idee, Waren aus aller Welt unter einem Dach zu vereinen, fand riesigen Anklang. Die in der Regel weiblichen Besucher konnten Kleider plötzlich ohne Kaufzwang anprobieren, neue Köstlichkeiten in Cafés degustieren oder sich die Haare frisieren lassen. Kurz: Das Einkaufen entwickelte sich von einer lästigen Pflicht zu einem sinnlichen Erlebnis, das Warenhaus wurde zum sozialen Treffpunkt.

Neu waren dabei die festen, aber dank Massenproduktionen und Grossbestellungen günstigen Preise, welche die Waren auch für weniger vermögende Schichten erschwinglich machten und zu einer besseren Durchmischung der damaligen Klassengesellschaft führten. Begünstigt durch die industrielle Revolution, die Urbanisierung und die wachsende Mittelschicht breitete sich das Warenhaus-Konzept von Frankreich aus rasant aus.

Unter diesen Vorzeichen genossen auch die Warenhausgründer eine hohe gesellschaftliche Anerkennung. In der Schweiz war dies etwa der Kaufmannssohn Josef Weber, der mit seinem Geschäft «Bazar ohne Gleichen» 1881 in Zürich den Vorgänger des Globus gründete. In Basel angesehen war die jüdische Familie Knopf, die von 1885 bis 1978 das gleichnamige Warenhaus führte. Vielerorts galten die Gründer als Pioniere oder gar Wohltäter, die in der Region Tausende von Arbeitsplätzen schufen.

Doch obwohl Warenhäuser bewundert wurden, hatten sie auch Feinde, wie die US-Soziologin Jan Whitaker im Werk «Wunderwelt Warenhaus» schreibt. Kleine Händler fühlten sich bedroht und warfen den Warenhäusern während der Wirtschaftskrisen in den 1890er und 1930er Jahren alles Mögliche vor: Bildung von Einkaufskartellen, betrügerische Werbepraktiken, Verkauf minderwertiger Waren oder auch Förderung des Materialismus.

Ausserdem sollen Warenhäuser das Hauptklientel Frauen zum Ladendiebstahl animiert haben. Das Phänomen der Kleptomanie erlebte im Warenhauszeitalter tatsächlich ein starkes Aufkommen und beschäftigte Disziplinen wie die Medizin, die Psychiatrie oder die Jurisprudenz.

Konkurrenz durch Einkaufszentren

In den goldenen Zeiten des Konsums nach den beiden Weltkriegen tauchte eine neue Ladenform auf, die den Marktanteil der Warenhäuser drastisch zu schmälern begann: die Einkaufs- oder Shoppingcenter. Im Gegensatz zum Warenhaus treiben Betreiber eines Einkaufszentrums nicht auf eigene Rechnung Handel, sondern treten nur als Vermieter für sich konkurrierende Detailhändler auf.

Besonders in den USA erlebten Einkaufszentren durch das Wachstum der Vorstädte einen unvergleichbaren Boom. Den Leuten sollte so der Weg in die Stadt erspart werden – die Fussgängerzonen in der «Mall» sollten sie ausserdem dazu bringen, ihre Autos zu verlassen und zu interagieren. Das erste Zentrum in den USA eröffnete 1956 in Minnesota, das erste in der Schweiz 1970 in Spreitenbach AG, das heutige Shoppi Tivoli.

Einkaufscenter, Lebensmitteldiscounter und dazu die Digitalisierung: Diejenigen Warenhäuser, die es heute noch gibt, kämpfen mit starken Umsatzrückgängen. Das gilt auch für die ganz grossen Konzerne wie Macy’s in den USA, Lafayette in Frankreich oder Kaufhof und Karstadt, die zur Deutschen Warenhaus AG fusionieren. Etwas besser dran sind Luxushäuser wie Harrods und Selfridges in Grossbritannien, die stark von ihrer Marke leben.

Ein Warenhaus in der Schweiz, das dem Niedergang seit Jahren trotzt, ist Loeb in Bern. Vor kurzem konzentrierte es sein Filialnetz auf umsatzstarke Innenstadtlagen. «Jede Epoche hat ihre Schwierigkeiten», relativiert Miteigentümerin Nicole Loeb Furrer die aktuelle Aufregung um den Globus-Verkauf. Sie sagt jedoch auch:

«Heute reicht es nicht mehr, einfach nur Produkte auf der Fläche zu präsentieren.»

Als Rezept für die Zukunft will Loeb deshalb noch stärker auf den Erlebnisfaktor des Einkaufens setzen. Konsequent, denn schliesslich wurden auch die Warenhäuser im letzten Jahrhundert damit gross.

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