Treffen der bernischen Gemeindepräsidenten und Wirtschaftsvertreter
«Es wäre schon viel gewonnen»

Am 26. Gemeindepräsidententreffen im Stade de Suisse war die Wirtschaftskrise das Thema. Der Kanton Bern müsse sich auf wirtschaftsstarke Gebiete konzentrieren, sagte Beat Kappeler.

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Gemeindepräsidenten und Wirtschaftsvertreter

Gemeindepräsidenten und Wirtschaftsvertreter

Berner Rundschau

Johannes Reichen

Aus allen Teilen des Kantons waren sie gekommen, aus dem Oberaargau und Oberland, dem Emmental und Seeland, und hörten, was Beat Kappeler zu erzählen hatte. Natürlich wusste er, dass es eine Provokation sein würde: «Jedes Landtal», so sagte es Kappeler, werde gefördert, aus seiner Sicht eine Verschwendung. Besser wäre es, der Kanton Bern würde sich auf die Agglomeration Bern konzentrieren.

Kappelers Kritik

In einer kurzen Analyse der Berner Wirtschaft machte Beat Kappeler strukturelle Probleme aus. Neben der Verzettelung der Kantonsförderung nannte er etwa fehlende unternehmerische Initiative. So sei es für ihn unverständlich, dass es in Bern keinen S-Bahn-Ring um Bern gibt. Er kritisierte, dass «serbelnde Grossunternehmen» zu Stiftungen wurden wie etwa Hasler/Ascom und die Wifag, was für ihn bedeutet, dass «die tote Hand aus dem Grab heraus weiter mitbestimmen will».

Kappeler machte auch ein fehlendes «Cluster-Bewusstsein» im Bereich der Biomedizin aus, obwohl gerade hier der Kanton dank mehrer Unternehmen oder etwa des Universitätsspitals viele Vorteile besitze. Hier widersprach der bernische Volkswirtschaftsdirektor Andreas Rickenbacher (SP) vehement. «Bern war der Vorreiter der Cluster-Politik und ist es immer noch.» Auch in touristischer Hinsicht hätte der in Hinterkappelen wohnhafte Kappeler ein paar Verbesserungen parat: So müsse das Berner Oberland «klotzen statt kleckern», um weltweit für Aufsehen zu sorgen - und auch die Aare besitze als 288 Kilometer lange «Gartenwirtschaft» ein grosses Potenzial. (joh)

Kappeler, der Sozialwissenschafter, Wirtschaftsjournalist und Autor, war als Redner zum 26. Treffen der bernischen Gemeindepräsidenten im Stade de Suisse geladen. «Wie überwinden wir die Krise? Die Berner Politik und die Wirtschaft antworten», lautete das Thema gestern. «Wir wissen nicht, wann der Aufschwung kommt», sagte Aymo Brunetti, wirtschaftspolitischer Leiter im Seco. Wie der Aufschwung zu bewerkstelligen ist, das weiss auch niemand so genau.

Immerhin, so schlecht stehe der Kanton Bern nicht da, sagte Kappeler. Konjunkturschwankungen wirkten sich hier stets nicht so stark aus. Zudem reagiere die Konunktur auch immer langsamer als in der übrigen Schweiz. Das gelte für den Abschwung, allerdings auch für den Aufschwung. Zudem liege die Arbeitslosigkeit unter dem schweizerischen Schnitt, sagte Kappeler. «Das dürfte man auch mal an die grosse Glocke hängen.»

«Schlimmste Zeit hinter uns»

Eingeladen war auch Thomas Rufener, SVP-Stadtpräsident von Langenthal. Er war Teilnehmer eines Podiumgesprächs, und berichtete davon, wie Langenthal die schlimmste Zeit mit 100 Millionen Franken Schulden schon hinter sich hat. In solchen Zeiten aber müsse man sich erfinderisch zeigen. «Heute liegen unsere Schulden bei Null, und es steht wesentliches Eigenkapital zu Buche.»

Lorenz Hess, BDP-Grossrat und Gemeindepräsident von Stettlen, führte diese «ungewollte Verzögerung» auf die Steuern zurück. Er bemängelte aber, dass den Gemeinden oft zuviele Steine in den Weg gelegt würden. «Die Wirtschaft funktioniert in der Regel gut, wenn der Kanton sie machen lässt.»

Hess wünschte sich auch, dass sich mehr Fachleute in der Politik betätigen. «Langfristig brauchen wir Wirtschaftsvertreter in der Politik.» Auch wenn es Zeit beanspruche - das Engagement lohne sich.

Werbung für den Zubringer

Rudolf Stämpfli, Verwaltungsratspräsident der Stämpfli-Gruppe betonte. «Wenn jemand aus dem hinteresten Teil des Haslitals Interlaken und nicht Meiringen als Zentrum betrachten würde, wäre auch schon viel gewonnen.» Eva Jaisli, CEO von Swiss Tools in Wasen im Emmental, hob dagegen die Bedeutung der Infrastrukturpolitik hervor.

Es war auch das Lieblingsthema von Rufener, der das Podium nutzte, um die Werbetrommel für den Autobahnzubringer Oberaargau zu rühren. «Was die Finanzierung angeht», sagte er an Volkswirtschaftsdirektor Andreas Rickenbacher gerichtet, «könnten wir das Gespräch sofort aufnehmen.»