ETHOS: «Robin Hood der Aktionäre» wird 20-jährig

Die Genfer Anlagestiftung Ethos schaut seit zwei Jahrzehnten den Verwaltungsräten auf die Finger. Ihr Aufstieg zur bedeutendsten Stimme der Aktionärsrechte in der Schweiz ist eng mit den grössten Pleiten und Pannen der hiesigen jüngeren Wirtschaftsgeschichte verbunden.

Daniel Zulauf
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Dominique Biedermann spricht als Ethos-Direktor an der Novartis-GV. (Bild: Patrick B. Kraemer (Basel, 22. Februar 2013))

Dominique Biedermann spricht als Ethos-Direktor an der Novartis-GV. (Bild: Patrick B. Kraemer (Basel, 22. Februar 2013))

Daniel Zulauf

daniel.zulauf@luzernerzeitung.ch

Corporate Governance (gute Unternehmensführung) ist in der Betriebswirtschaft ungefähr das, was man in einem politischen System mit «Checks and ­Balances» umschreiben würde. Wie wird ein Unternehmen geleitet? Welche Kontrollmechanismen gibt es, und wie funktioniert der Machtausgleich zwischen dem Verwaltungsrat und dem Management? Und welche Rolle können und dürfen die Aktionäre spielen?

Die 20-jährige Geschichte der Genfer Anlagestiftung Ethos gibt viele Antworten, sie ist untrennbar mit den grössten Pleiten und Pannen in der Welt der Schweizer Börsenfirmen verknüpft. Die Organisation wurde 1997 von der Pensionskasse für das Genfer Staatspersonal und der paritätischen Kasse der Genfer Bauunternehmen gegründet. Damals war Corporate Governance ein Begriff, den man höchstens in den Universitäten zu hören bekam. Doch wenige Jahre später ging die Swissair in Konkurs, und der Ausdruck war in aller Munde. Die Swissair-Pleite markiert in einem gewissen Sinn auch den Aufstieg von Ethos zu einer stark beachteten Stimme der Aktionäre in der Schweiz. Über Nacht wurde den Schweizerinnen und Schweizern vor Augen geführt, dass die Zusammensetzung des Verwaltungsrates der Fluggesellschaft den Einzelinteressen ­einiger weniger Anspruchsgruppen (Po­litik, Banken, Wirtschaftsverbände), aber ganz und gar nicht den Erfordernissen einer Publikumsgesellschaft genügte. Die Unfähigkeit des Kontrollgremiums, ein allmächtig agierendes Management auf einem gefährlichen Expansionskurs zu bremsen, liefert bestes Anschauungsmaterial dafür, dass eine gute Gover­nance auch in einem privatwirtschaft­lichen Unternehmen unverzichtbar ist.

Kampf gegen das Doppelmandat

1999 wechselte Dominique Biedermann von der Genfer Pensionskasse zu Ethos und wurde für fast zwei Jahrzehnte das unverwechselbare Gesicht der Stiftung. Biedermann stand auf der Barrikade, als es 2002 darum ging, den omnipotenten Chefs der Zurich Versicherungen (Rolf Hüppi) und der Credit Suisse (Lukas Mühlemann) das Doppelmandat als Verwaltungsratspräsident und CEO streitig zu machen. Während Hüppi bereits in argen Schwierigkeiten steckte und früh aufgab, hielt der ebenfalls angeschlagene Mühlemann länger durch. Bald darauf nahm Biedermann andere mächtige Führungspersönlichkeiten wie Peter Brabeck von Nestlé und Daniel Vasella von Novartis ins Visier.

Ethos hat ohne Zweifel viel erreicht, was die Disziplinierung der Manager und die Transparenz der hiesigen Publikumsgesellschaften anbelangt. Unter dem Druck diverser Skandale, zu denen auch der tiefe Fall von ABB oder das unsäg­liche Kompetenzgerangel zwischen dem Kuoni-Verwaltungrat und der Kuoni-­Hugentobler-Stiftung zu zählen wären (beiden Organisationen stand die ­gleiche Person als Präsident vor), führte der Wirtschaftsdachverband Economie­suisse 2002 einen Swiss Code of best Practice ein. Diese Handelsanleitung, die sich verkürzt gesagt an den minimalen Vorschriften und Standards im Ausland orientierte, führte dazu, dass die Schweizer Börse entsprechende Richtlinien erliess, zu denen auch die Offen­legung der Gehälter in der Chefetage gehörte.

Den Kampf gegen die zügellose Lohninflation in den Teppichetagen der Schweizer Börsenkonzerne machte Biedermann zu einem seiner Steckenpferde. Ethos war die erste Institution der Schweiz, die die Löhne der Manager in den grössten Schweizer Publikumsgesellschaften systematisch zu vergleichen und zu analysieren begann. Gewirkt hat die Transparenz allerdings nur teilweise. Offensichtlich wurden die Limiten einer von allgemeinen Prinzipien geleiteten Governance unter anderem daran, dass Firmen wie UBS, Swiss Re oder Nobel Biocare 2005 in einer Ethos-Rang­liste der Firmen mit der besten Governance zuoberst gestanden hatten. Die drei Firmen gerieten wenige Jahre später in grosse Schwierigkeiten. Doch Ethos ist selber durch Erfahrung gereift. «One share, one vote – eine Aktie, eine Stimme – ist nicht mehr das sakrosankte Prinzip, das es für uns gewesen war», sagte Direktor Vincent Kaufmann erst kürzlich unserer Zeitung.