EURO: «Gute Nachricht für Wirtschaft»

Der Wert des Schweizer Frankens schiesst nicht in die Höhe. Obwohl die Europäische Zentralbank die Geldschleusen noch weiter öffnete. Ein Experte erklärt die Gründe.

Interview Rainer Rickenbach
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Die Europäische Zentralbank will den Konsum in der EU stärker ankurbeln. (Bild: Getty)

Die Europäische Zentralbank will den Konsum in der EU stärker ankurbeln. (Bild: Getty)

Interview Rainer Rickenbach

Warum lässt die Zinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) vom Donnerstag den Franken kalt?

«Als Folge des Kurses der Europäischen Zentralbank wird in der Eurozone künftig mehr konsumiert.»
Karsten Junius, Chefökonom Safra Sarasin (Bild: pd)

«Als Folge des Kurses der Europäischen Zentralbank wird in der Eurozone künftig mehr konsumiert.» Karsten Junius, Chefökonom Safra Sarasin (Bild: pd)

Karsten Junius*: Zum einen hat EZB-Chef Mario Draghi deutlich gemacht, dass er nicht beabsichtigt, die Zinsen in der Eurozone weiter zu senken. Alle, die mit neuen Zinssenkungsrunden gerechnet hatten, erwischte es am Donnerstag auf dem falschen Fuss. Zum anderen geht die Europäische Zentralbank nicht wie die Schweizerische Nationalbank zu einem gestaffelten Einlagesatz über. Dieser hätte sich nämlich vor allem auf den Wechselkurs zu den anderen Währungen ausgewirkt.

Das hört sich ziemlich technisch an. Was bedeutet es konkret?

Junius: Das Massnahmenpaket der Europäischen Zentralbank zielt darauf ab, die Binnenwirtschaft anzukurbeln. Also den Konsum der Bürger und die Investitionen zu fördern. Die Aussenwirtschaft und damit der Export treten etwas in den Hintergrund.

Schoss der Frankenwert auch darum nicht in die Höhe, weil die Negativzinsen der Schweizerischen Nationalbank abschrecken?

Junius: Die Negativzinsen mit dem gestaffelten System der Nationalbank wirken sehr gut. Sie haben einen wesentlichen Anteil daran, dass sich der Franken in den zurückliegenden Monaten leicht abgewertet hat.

Der Franken gilt immer noch als sicherer Hafen, wird aber als solcher offenbar nicht mehr angesteuert. Wohin flüchten die Investoren heute?

Junius: Einige Investoren flüchteten in Gold anstatt in Franken. Das macht die Entwicklung des Goldpreises deutlich.

Was bedeutet der gestrige EZB-Entscheid für die Schweizer Wirtschaft?

Junius: Für die Schweizer Wirtschaft ist die Nachricht aus Frankfurt sehr gut. Die Schweizerische Nationalbank braucht nicht weiter an der Negativzins-Spirale zu drehen, auf die Wirtschaft dürfte von dieser Seite also keine weitere Belastung zukommen. Als Folge des Kurses der Europäischen Zentralbank wird in der Eurozone in Zukunft mehr konsumiert. So steigt auch die Nachfrage für Schweizer Produkte.

Wo sehen Sie den Franken Ende Jahr?

Junius: Bei 1.12 Franken für 1 Euro. Wir gehen davon aus, dass die Negativzinsen weiter ihre Wirkung entfalten und die wirtschaftliche Dynamik im Ausland stärker ausfällt als im Inland.

Wie stark interveniert die Schweizerische Nationalbank zurzeit am Devisenmarkt, damit der Franken sich nicht noch mehr überbewertet?

Junius: Das wissen wir alle nicht. Wir können darüber nur spekulieren.

... und, wie spekulieren Sie?

Junius: Ich spekuliere nicht.

Welche Strategie verfolgt der Schweizer Notenbank-Chef Thomas Jordan, nachdem die Europäische Zentralbank einen neuen Fokus gesetzt hat?

Junius: Thomas Jordan kann seine derzeit sehr pragmatische Geldpolitik fortsetzen. Wenn es nötig sein würde, am Devisenmarkt zu intervenieren und die Negativzinsen auszuweiten, wird er das tun. Nach dem jüngsten Entscheid der Europäischen Zentralbank dürfte das zumindest vorderhand aber nicht notwendig sein.

Hinweis

* Karsten Junius ist Chefökonom bei der Bank J. Safra Sarasin in Zürich.

Starker Franken bleibt stabil

FRANKENrr. Der Euro-Franken-Wechselkurs ist auch gestern, am Tag nach dem Entscheid der Europäischen Zentralbank (EZB) zur weiteren Lockerung der Geldpolitik, weitgehend stabil geblieben. Am Nachmittag pendelte der Euro-Franken-Wechselkurs auf einem ähnlichen Niveau wie in den letzten Wochen zwischen 1.09 und 1.10 Franken. Am Abend lag er bei 1.095 Franken. Am Vortag hatte sich der Franken nach der Bekanntgabe des EZB-Entscheides zunächst aufgewertet. Dann aber schwächte er sich bis zum Abend deutlich ab.

Reagiert die SNB?
Grund dafür dürften vor allem Aussagen des Chefs der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, gewesen sein. Er erklärte an der Medienkonferenz, er erwarte nicht, dass es notwendig sein werde, die Zinsen weiter zu senken (siehe Interview). Ökonomen gehen deshalb davon aus, dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) an ihrem Treffen in der kommenden Woche die Füsse stillhalten wird.

Die EZB hat im Kampf gegen Mini-Inflation und Konjunkturschwäche eine weitere geldpolitische Lockerung beschlossen. Der Schlüsselzins für die Versorgung der Geschäftsbanken mit Notenbankgeld wird erstmals auf 0 Prozent gesenkt. Der Strafzins für Geschäftsbanken wird nochmals verschärft. Und die umstrittenen Anleihenkäufe werden auf monatlich 80 von bisher 60 Milliarden Euro aufgestockt.