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EURO-KRISE: «Eine griechische Extrawurst wäre fatal»

Sollte Griechenland aus der Gemeinschaftswährung austreten? Der Schweizer Ökonom Thomas Straubhaar sieht Vorteile darin.
Interview Christoph Reichmuth, Berlin
Ein Mann läuft in Athen an einem Pfandhaus vorbei. Diese geniessen in Griechenland in den letzten Jahren grosse Beliebtheit. (Bild: AP/Petros Giannakouris)

Ein Mann läuft in Athen an einem Pfandhaus vorbei. Diese geniessen in Griechenland in den letzten Jahren grosse Beliebtheit. (Bild: AP/Petros Giannakouris)

Thomas Straubhaar, Alexis Tsipras und sein griechischer Finanzminister Yanis Varoufakis tourten diese Woche im lässigen Sakko und mit offenen Hemdknöpfen durch die Hauptstädte Europas. Wie hat Ihnen der Auftritt der neuen griechischen Regierung gefallen?

Thomas Straubhaar*: Das Auftreten der beiden war eine konsequente Fortsetzung des Provokationskurses, den Syriza im Wahlkampf verfolgt hatte. Was die beiden den europäischen Staatschefs damit sagen wollten, war: Schaut her, wir sind anders, und wir handeln auch anders als unsere Vorgängerregierung. Wir stellen alles auf den Kopf.

Tsipras und Varoufakis wurden in Brüssel, Paris oder Berlin jedenfalls mit viel Freundlichkeit empfangen. Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble mahnte in schon fast väterlicher Manier die Griechen zur Einhaltung getroffener Vereinbarungen.

Straubhaar: Die Reaktionen waren angemessen und ein Ausdruck davon, dass man sich als die stärkere Seite in dem Konflikt nicht auf die Muster der Gegenseite – die Konfrontationshaltung – einlassen will. Die Botschaft Europas ist klar: Wir sind anständig und hören euch zu. Wichtig ist aber, dass Europa in der Sache hart bleibt und den Griechen deutlich macht: Es gibt nichts Neues zu verhandeln.

Läuft denn nicht alles auf einen Kompromiss hinaus, sodass beide Seiten ihr Gesicht wahren können?

Straubhaar: Leider ja. Politik strebt immer nach einem Kompromiss. Aber dieser Kompromiss darf auf keinen Fall so aussehen, dass den Griechen zu stark entgegengekommen wird. Das hätte fatale Folgen.

Welche?

Straubhaar: Erstens würde Europa das Signal aussenden, dass Länder, die völlig überrissene, provokative und kollisionsorientierte Forderungen aufstellen, am Ende dafür noch belohnt werden. Griechenland fährt mit grobem Geschütz auf, mit unrealistischen Maximalforderungen. Die neue Regierung in Athen will das Reformprogramm am liebsten zu 100 Prozent rückgängig machen. Wenn Europa am Ende auf 10 Prozent dieser Forderungen eintritt, können sich die Griechen schon als Sieger fühlen. Das ist fatal, weil es eine Einladung wäre für andere Schuldnerstaaten, ähnlich aggressiv wie die Griechen vorzugehen. Dann würde es populistischen Parteien leicht fallen, in Madrid, Paris, Rom oder Lissabon die Massen mit überrissenen Forderungen zu mobilisieren, und ebenfalls unrealistische Maximalforderungen zu stellen. Dann ist Schluss mit dem Konsens, dass man in Europa versucht, für alle Seiten einigermassen akzeptable Lösungen zu finden.

Varoufakis hat bei seinem Berlin-Besuch ja zurückbuchstabiert: Zwei Drittel des Reformprogramms wolle man umsetzen, aber bei einem Drittel brauche es Korrekturen.

Straubhaar: Ein Drittel einer getroffenen Vereinbarung einfach über Bord zu werfen, ist inakzeptabel. Varoufakis ist eben ein gewiefter Mann, ein Spieltheoretiker und Ökonomieprofessor. Er hat in einem seiner Lehrbücher aufgezeigt, wie man Forderungen maximieren muss, um minimale Erfolge zu erzielen, die aber immer noch weit besser sind als gar nichts. Das versucht er nun in Europa in die Tat umzusetzen. Europa tut gut daran, darauf nicht einzusteigen. In dem Moment, wo man Hand zu weitreichenden Eingeständnissen reicht, befindet man sich auf der schiefen Ebene. Von dort gibt es kaum mehr eine Rückkehr auf sicheren Boden.

Müsste die EU nicht konsequenter sein und sagen: Irgendwann muss Schluss sein, wenn es euch nicht passt, müsst ihr die Gemeinschaftswährung verlassen?

Straubhaar: Bei einer derartigen Oppositionshaltung, bei einem solchen Konfliktkurs, wie ihn die Griechen an den Tag legen, muss klar gesagt werden: Wenn die Politik Athens wirklich auf Obstruktion und Ablehnung der Vereinbarung hinausläuft, dann wäre es besser, Griechenland verlässt den Euro. Eine griechische Extrawurst wäre den Menschen in Italien, Spanien, Portugal oder Frankreich nicht zu erklären – in Deutschland erst recht nicht. Die Wut in Krisenstaaten, die heute ihre Hausaufgaben gegen die Interessen ihrer Bevölkerung erledigen müssen, würde steigen. Reformparteien würden reihenweise abgewählt. Protestbewegungen und eine zunehmende Polarisierung der Politik wären die Folgen. Es wäre der Anfang vom Ende der rechtsstaatlichen Währungsunion.

Tritt Griechenland aus dem Euro aus, wäre das nicht ohnehin der Anfang vom Ende der Gemeinschaftswährung?

Straubhaar: Ganz und gar nicht. Wird das schwächste Glied aus einer Kette herausgenommen, wird die Kette gestärkt. Wenn Griechenland den Euro verlässt, sehen die Regierungen und Menschen in den anderen Krisenstaaten, wie selbstzerstörerisch eine solche Provokationspolitik ist. Das würde gemässigte und reformbereite Kräfte in den Krisenstaaten stärken. Denn Griechenland würde mit dem Austritt sich selber schaden, nicht aber der Währungsunion.

Griechenland wünscht sich einen Hegemon Deutschland, der zur Krisenbewältigung in Europa quasi einen «Merkel-Plan» vorlegt, analog dem Marshall-Plan der USA nach dem Zweiten Weltkrieg.

Straubhaar: Ich rate Deutschland dringend davon ab, sich auf solche Debatten einzulassen. Wer auf den Marshall-Plan anspielt, der meint in erster Linie einen Schuldenschnitt, so wie das die USA mit Deutschland getan haben. Zudem ist es kompletter Unsinn, ausgerechnet einen «Merkel-Plan» vorzulegen. In Griechenland wurde Deutschland im Wahlkampf der Syriza ja hasserfüllt attackiert. Deutschland wäre schlecht beraten, in Europa eine Art Führungsrolle zu übernehmen – nicht zuletzt aus historischen Gründen. Damit wäre ja auch eine nicht erfüllbare Verantwortung verbunden.

Wie dem auch sei: Syriza macht die Entlassungen der konservativen Vorgänger-Regierung rückgängig. Hilfskräfte, Putzfrauen, einfaches Personal werden wieder eingestellt, teure, reiche Berater hingegen verlieren ihre Verträge. Das klingt doch nicht nur sympathisch, sondern auch vernünftig.

Straubhaar: Syriza hat durchaus kluge Punkte in ihrem Programm. Hätten die Konservativen in der Vergangenheit die Chance zur Modernisierung und zu Reformen genutzt, stünde Hellas heute besser da. Griechenland hat ein Problem mit Korruption und Vetternwirtschaft, im Wirtschaftsbereich herrscht im Land eher eine Aristokratie denn eine Demokratie. Wenn Syriza hier korrigierend eingreift, dann unterstütze ich das sehr.

Ohne den Teufel an die Wand malen zu wollen: Die Eurozone ist seit Jahren in Schwierigkeiten, die Einheitswährung hat Negativzinsen nötig, um überhaupt zu bestehen. Ist der Euro vielleicht doch gescheitert?

Straubhaar: Das ist blanker Unsinn. Es ist was anderes, ob das schwächste Land – Griechenland – die Währung verlässt oder ob Deutschland aus dem Euro ausscheidet. Ein Ausscheiden Deutschlands oder Frankreichs wäre fatal. Der Zerfall der Währung wäre verheerend für die Wirtschaft in ganz Europa.

Das heisst aber auch, dass die Schweiz mit ihrem hoch bewerteten Franken noch eine Weile zu «beissen» haben wird?

Straubhaar: Es sieht ganz danach aus. Eine Aufwertung des Euro ist nicht absehbar, in Europa stehen noch harte Zeiten an, die Arbeitslosigkeit bleibt in der Eurozone viel zu hoch. Der Aufwertungsdruck auf den Schweizer Franken wird noch lange bestehen bleiben. Trotzdem würde ich der Nationalbank (SNB) davon abraten, wieder in die Wechselkurs-Politik einzugreifen. Man hat ja gesehen, wohin das führt: Am Ende kam der grosse Schock. Wechselkurspolitik ist eben immer Protektionismus-Politik, und die schafft am Ende mehr Probleme, als sie löst.

Das heisst: Die Schweizer Wirtschaft muss einmal mehr findig werden, um wettbewerbsfähig zu bleiben – oder die Schweiz geht halt doch in den Euroraum.

Straubhaar: In den Euro? Kein Thema. Dann müsste die Schweiz schlagartig alle Probleme übernehmen, die in der Gemeinschaftswährung vorhanden sind. Und die Schweiz wäre einer der grössten Kreditgeber in Europa. Die Risiken wären immens und unkalkulierbar. Lieber also aussen vor bleiben und weiter mit der Aufwertung so umgehen, wie das in der Vergangenheit gut gelungen ist. Die Schweiz hat immer wieder gezeigt, dass sie trotz starkem Franken äusserst wettbewerbsfähig ist.

Hinweis

* Der Berner Ökonom Thomas Straubhaar (57) ist Dozent an der Wirtschaftsfakultät der Universität Hamburg. Bis August 2014 war er Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI).

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