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EUROKRISE: «Ohne Euro ginge es ganz Europa besser»

Konzeptlos verschleuderten die «Euroretter» Billionen von Euro, sagt Wilhelm Hankel. In Luzern wird der Professor und Eurokritiker demnächst seine eigenen Rettungsvorschläge präsentieren.
Interview Kari Kälin Interview Kari Kälin
Ob in Deutschland, Frankreich, Irland, Griechenland oder anderen EU-Mitgliedsstaaten wie etwa Spanien und Portugal: Die Teuerung ist seit der Einführung des Euros markant gestiegen. (Bild: Keystone/Laurent Gillieron)

Ob in Deutschland, Frankreich, Irland, Griechenland oder anderen EU-Mitgliedsstaaten wie etwa Spanien und Portugal: Die Teuerung ist seit der Einführung des Euros markant gestiegen. (Bild: Keystone/Laurent Gillieron)

Wilhelm Hankel, wie ginge es Deutschland und den Euroländern heute ohne Euro?

Wilhelm Hankel: Glänzend. Deutschland stünde wirtschaftlich besser da als die Schweiz. Die meisten Euroländer befänden sich heute nicht in einer Krisen-?situation.

Weshalb?

Hankel: Wir hätten eine Reihe von Wechselkursbereinigungen und Währungsaufwertungen in Staaten wie Deutschland, Österreich oder den nördlichen Ländern erlebt. Wir hätten die Inflationsgefahr im Griff. Die südlichen Krisenstaaten befänden sich dank Abwertung der eigenen Währung auf dem Weg zur Genesung. Die griechische Drachme hätte an Wert verloren. Heute gilt die Unsinnsgleichung, dass ein Euro in Griechenland so viel wert ist wie in Deutschland. Doch die Kaufkraft liegt in Griechenland gemäss der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) um 40 Prozent tiefer als in Deutschland. Mein Fazit lautet also: Ohne Euro ginge es ganz Europa besser. Die Gemeinschaftswährung hat die heutige katastrophale Lage heraufbeschworen.

Ist der Euro denn noch zu retten?

Hankel: Wahnsinn kann man nur eine gewisse Zeit lang betreiben. Was die Schweizerische Nationalbank mit den Eurokäufen macht, betreibt die EU auf monströse Weise im Grossen. Während die Schweizerische Nationalbank «nur» den Wechselkurs stabilisieren will, «rettet» die EU auf noch monströsere Weise ganze Volkswirtschaften und hält sie künstlich auf einem Stand, den sie längst nicht mehr haben. Aus währungs- und finanzpolitischer Sicht sind Staaten wie Griechenland, Spanien, Portugal bankrott.?Die Euroretter vollführen eine Bankrottverschleppungspolitik, die sich nicht auf alle Ewigkeit aufrechterhalten lässt. Sie ist nicht zu bezahlen. Die Summen, die im Spiel sind, sind viel zu gross. Die Gesamtverschuldung in der südlichen Eurozone beläuft sich auf rund 13 Billionen Euro. Das entspricht viermal der jährlichen Wirtschaftsleistung Deutschlands.

Sind die Sparprogramme, welche die Troika Griechenland aufzwingt, nicht zielführend?

Hankel: Nein. Hier wird ein Patient quasi ohne Betäubung operiert. Die Euroretter erwarten auch noch, dass die Menschen die Einbussen bei den Einkommen, Renten und Sozialleistungen klaglos hinnehmen. Man kann aber gerade jungen Menschen nicht eine Zukunft ohne Perspektiven, ohne Aussicht auf eine Arbeit, zumuten. Wäre Griechenland nicht in der Eurozone, hätte es seine Währung schon vor Jahren abwerten und eine vernünftige nationale Wirtschaftspolitik mit eigenen Wechselkursen und eigenen Zinsen verfolgen können. Die heutige Situation führt zum Beispiel dazu, dass Griechenland im eminent wichtigen Tourismussektor aus Kostengründen viele Kunden an die Türkei verloren hat. Athen wird von Brüssel fremdbestimmt.

Sie haben den Euro schon als «lebenden Leichnam» und Missgeburt bezeichnet. Dramatisieren Sie? Momentan herrscht an den Märkten ja eine relative Ruhe.

Hankel: Die Ruhe an den Märkten ist vergleichbar mit der Selbstberuhigung eines Selbstmörders, der von einem Turm springt und sich während des freien Falls sagt: «Es ist ja noch nichts passiert.» Das ist reiner Selbstbetrug.

Sehen Sie einen Ausweg aus der Eurokrise?

Hankel: Ich verrate meine konkreten Vorschläge, die ich an meinem Vortrag vom nächsten Samstag in Luzern präsentieren werde, noch nicht en détail. Die Ironie ist: Man könnte den Euro retten, indem man ihn in Kombination mit nationalen Währungen in einem Verbundsystem mit den von ihm verdrängten alten Währungen weiterführte. Der Euro wäre dann wie im alten Goldstandard das «Gold Europas» – wenn auch nur aus Papier oder elektronischer Materie und nicht aus dem gelben Metall. Der Euro konnte niemals nationale Währungen ersetzen, er konnte nur als Alternativwährung fungieren, eben wie früher das Gold im Goldstandard. Kehrte man dahin zurück, hätte das mehrere Vorteile. In der EU verschwände der Graben zwischen Ländern mit und ohne Euro. EU und Eurozone wären identisch. In Kombination mit der nationalen Währung könnten sogar Länder wie die Schweiz, England, Russland oder Norwegen zu Euroländern werden.

Was ist Ihrer Ansicht nach das Grundübel am Euro?

Hankel: Der unverantwortliche Leichtsinn, mit dem Politiker zwingende ökonomische Gesetze ignoriert haben. Ökonomisch ist es widersinnig, dass sich Staaten mit unterschiedlichen Volkswirtschaften eine Währung teilen. Staat und Währung gehören zusammen. Was versteht denn eine «staatenlose» Zentralbank wie die EZB von den Problemen der ihr anvertrauten 17 Länder? Die sind doch in Griechenland anders als in Deutschland oder der Schweiz. Und: Was bei 17 Euroländern nicht funktioniert, wie soll denn das, wie vorgesehen, bei 28 EU-Ländern klappen?

Sie haben 1998 vor dem deutschen Bundesverfassungsgericht gegen die Einführung des Euro geklagt. Danach hatten Sie Paria-Status. Der «Spiegel» bezeichnet Sie als «renitenten Professor». Wie haben Sie das erlebt?

Hankel: Der Kreis meiner Fans hat sich verändert. Die Politiker meiden mich. Aber wenn ich irgendwo im Café sitze, setzen sich Menschen spontan zu mir. Ich bin mit diesem Tausch zufrieden. Politiker und Medien schneiden mich, das Volk schätzt mich. Meine Homepage wird tausendfach angeklickt. Die Menschen honorieren meinen Einsatz für sie, Deutschland und Europa. Das tut mir gut.

Die europäischen Staatschefs eilen von Krisengipfel zu Krisengipfel und sprechen Abermilliarden zur Rettung von Pleitestaaten wie Griechenland. Was bewirkt dieser Aktivismus?

Hankel: Die deutsche Gesellschaft für Sprachwissenschaft hat das Wort «Krisenroutine» zum Unwort des Jahres gekürt. Das Skandalöse ist, dass die Politiker nicht schlecht von ihrer Krisenroutine leben. Die Spesen sind gewaltig. Nur wofür? Die Krisenroutiniers zeigen mit jedem ihrer Gipfel einmal mehr, dass sie gar kein Konzept zur Lösung der Eurokrise haben. Sie verschleudern Billionen Euro, ohne eine Bilanz vorzulegen, aus der klar ersichtlich wäre, wofür. Seit Ausbruch der Eurokrise hat allein die Europäische Zentralbank rund 5 Billionen Euro gedruckt oder elektronisch in Umlauf gebracht.

Und ein materieller Gegenwert dafür ist nirgends zu erkennen?

Hankel: Im Gegenteil: Die Wirtschaftsleistung der Eurozone geht zurück. Es handelt sich also um Geldschöpfung ohne Wertschöpfung. Tatsächlich sind die 5 Billionen in den Bankenapparat der Eurozone geflossen. Die Banken haben das Geld mangels ausreichender Kreditnachfrage an der Börse angelegt. Die Frage, die sich jeder stellen muss, lautet: Wann kommt der nächste schwarze Freitag? Es gibt genügend Parallelen zu den 1920er-Jahren. Auch damals wurde die Geldmenge bei mässigem Wachstum zu stark ausgeweitet. Irgendwann platzte die Blase, weil jemand zu viele Posten auf einmal verkaufte und die Kurse einbrachen, an jenem ominösen Freitag teilweise um bis zu 90 Prozent. Das kann sich wiederholen.

Die Schweizerische Nationalbank kauft grosse Mengen an Euro – Ende November sass sie auf einem Devisenbestand von 174 Milliarden Euro – um den Wechselkurs von 1.20 zu verteidigen. Können Sie das nachvollziehen?

Hankel: Ich liebe die Schweiz, aber verstehe die panische Furcht der Schweizer Behörden vor der Aufwertung des Frankens nicht. Sie ist völlig unberechtigt. Die D-Mark hat in ihren letzten 25 Lebensjahren ständig aufgewertet. Deutschland wurde in dieser Zeit nicht ärmer, sondern immer reicher. Das würde auch in der Schweiz passieren. Wer exportiert, muss auch importieren. Die Importe werden bei einer starken Währung ständig billiger, auch für Wirtschaft und Industrie. Sie gewinnt an Wettbewerbsfähigkeit. Mein früherer Chef, Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller von der SPD, sagte damals: «Jede DM-Aufwertung ist eine Ausschüttung einer ‹Sozialdividende an das deutsche Volk›.» Man kann sich mehr im Supermarkt kaufen und reist günstiger ins Ausland. Das gilt auch für die Schweiz. Die Schweizerische Nationalbank verschwendet Volksvermögen, wenn sie Geld in einer Währung anlegt, die es wahrscheinlich schon bald nicht mehr gibt. Wo bleibt da der gesunde Menschenverstand? Der Schweizer Sinn fürs Reale?

Mehr Inhalt: Eine noch ausführlichere Version des Interviews mit Wilhelm Hankel finden Sie auf: www.luzernerzeitung.ch/bonus

Eurokritiker der ersten Stunde

Wirtschaftsprofessor Wilhelm Hankel (83) war einer der vier Professoren, die im Januar 1998 beim deutschen Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe gegen die Einführung des Euro klagten. Öffentlichen Applaus dafür erntete er nicht, im Gegenteil. «Wir waren die Antichristen», wurde Hankel im «Spiegel» zitiert. Hankel, der jüngst auch gegen den Euro-Rettungsfonds (EFSF) und den dauerhaften Rettungsschirm (ESM) klagte, hat eine eindrückliche Karriere hinter sich. «In den 1960er-Jahren prägte er im Bonner Wirtschaftsministerium die deutsche Währungs-, Banken- und Kreditpolitik», so die Zeitung «Finanz- und Wirtschaft». Als Gastprofessor lehrte er unter anderem in Harvard und Georgetown. An der Universität Frankfurt am Main wirkte Hankel als Professor für Währungs- und Entwicklungspolitik.

Vortrag in Luzern

Am nächsten Samstag, 12. Januar, hält Hankel im Hotel Montana in Luzern einen Vortrag zum Thema «Der Euro am Abgrund?». Dabei wird er Rettungsvorschläge für den Euro präsentieren. Die Veranstaltung ist öffentlich und beginnt um 16.30 Uhr. Organisatoren sind die europakritischen Online-Plattformen info8.ch sowie young4fun.ch. kä

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