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SpaceX statt Ariane: Europas Raumfahrt unter Erfolgszwang

Die europäische Trägerrakete Ariane hat ihren hundertsten Flug absolviert. Grund zum Feiern hat sie aber kaum mehr: Der US-Konkurrent SpaceX hat die jahrzehntelange Marktführung der Europäer abrupt beendet.
Stefan Brändle, Paris
Der hundertste Start einer Ariane-5-Rakete. (Bild: Keystone, Kourou, 25. September 2018)

Der hundertste Start einer Ariane-5-Rakete. (Bild: Keystone, Kourou, 25. September 2018)

Auch der hundertste Start bleibt ein Nervenkitzel. 94 Sekunden vor dem Start der Ariane-5-Rakete in der französischen Abschussstation Kourou (Überseegebiet Guyane) leuchtete das rote Licht auf: Der Countdown musste wegen Wolkenbildung in der südamerikanischen Äquatorzone neu angesetzt werden. Wenige Minuten vor dem Totalabbruch gelang der Start doch noch. Die europäischen Ingenieure schlugen sich bald gegenseitig in die Handflächen: Der neuste Flug von Ariane 5 war geglückt, ein japanischer neben einem Luxemburger Satelliten im geostationären Orbit ausgesetzt.

Ariane 5 war jahrelang Garantin für die europäische Führung im Geschäft mit den Satellitenabschüssen gewesen. Seit ihrer Inbetriebnahme im Jahr 1996 hat sie 95 Flüge erfolgreich beendet. Damit ist sie bedeutend zuverlässiger als die traditionellen Rivalen in den USA (Atlas, Delta) und Russland (Proton). Ariane, das war so etwas wie der Mercedes der Trägerraketen. Bis der südafrikanische Jungunternehmer Elon Musk eine Idee hatte. Bei einer Raumfahrttagung 2006 verkündete der CEO des Elektroautoherstellers Tesla den Bau der ersten wiederverwertbaren Trägerrakete unter dem Firmennamen SpaceX – und das Ende seiner Konkurrenten wie Ariane oder Atlas.

Ein Jahrzehnt später hat ­SpaceX schon die Nase vorn: Im abgelaufenen Jahr absolvierte das US-Unternehmen mit der Falcon 9, die vertikal zu landen vermag, 18 Flüge. Der bisherige Markt­leader Arianespace kam nur auf 11 Abschüsse, und das auch nur dank kleinerer Raketen wie Vega oder Sojus. Ein Wendepunkt in der kommerziellen Raumfahrt. Der Vorsteher von Arianespace, der Franzose Stéphane Israël, musste einräumen, dass der Markt der Satellitenaussetzungen nicht mehr durch die Europäer allein, sondern durch einen «Duopol» – SpaceX und Ariane – beherrscht werde. Ariane Group, eine Tochter des europäischen Luftfahrtkonzerns Airbus und des französischen Motorenhersteller Safran, hatte auf Musks Ankündigung immerhin prompt reagiert: Ab 2020 soll die bewährte Ariane 5 durch die neue Raketengeneration Ariane 6 abgelöst werden.

SpaceX-Start kostet halb so viel

Dieses 70 Meter hohe Ungetüm – 20 Meter höher als ihre Vorgängerin – kann eine bisher unerreichte Nutzlast von bis zu 11 Tonnen mitführen. Es ist aber auch modulierbar, um auf einmal 70 Minisatelliten von je 150 Kilo auszusetzen. Doch ist die Ariane 6 nicht bereits überholt? Das Pariser Institut Montaigne hat vor Monaten schon in einem Bericht festgehalten, Ariane 6 scheine «bedeutend teurer als ihre Konkurrenten», was zu «reduzierten Aufträgen» führen könnte. Elon Musks Falcon 9 sei günstiger, weil wiederverwertbar. Ariane leide hingegen unter der dezentralen Herstellung: Die Franzosen bauen die erste Raketenstufe und die Motoren, die Deutschen und die Spanier die höheren Stufen und die Treibstofftanks, die Italiener die Booster und die Schweizer (Ruag) die Hitzeschilder. Einmal gefertigt, müssen diese Raketenteile von Le Havre über den Atlantik nach Kourou zur Endmontage transportiert werden. Dazu kommt, dass SpaceX vor allem von den Aufträgen der amerikanischen Raumfahrtagentur Nasa lebt und ihr Maximalpreise berechnet; dafür kann Musks Unternehmen die Tarife für kommerzielle Starts senken. Während ein ­SpaceX-Start gut 40 Millionen Euro kostet, kommt Ariane 6 auf 80 Millionen, also fast das Doppelte. Allerdings ist auch die Nutzlast höher. Der französische Ariane-Group-Vorsteher Alain Charmeau hat deshalb «keinerlei Zweifel in Bezug auf die Wettbewerbsfähigkeit von Ariane 6».

Markt soll stark wachsen

Raumfahrtexperten glauben, das Rennen im All werde letztlich durch die Zuverlässigkeit der Ariane- und der Falcon-Raketen entschieden: Misserfolge gehen trotz der Versicherungen ins Geld, zumal sie viel Zeit kosten. In Paris wird auch Kritik an der deutschen Bundeswehr laut: Sie lassen zwei Spionagesatelliten durch SpaceX befördern, während die Nasa voll auf «America first» setze und nie bei Ariane anklopfen würde.

Bis auf weiteres bietet das Weltall ohnehin genug Platz für mehrere Transportanbieter. Laut einer Studie von Morgan Stanley dürfte sich der Umsatz der Satellitenabschüsse bis 2040 von 300 auf 935 Milliarden Euro verdreifachen. Zu verdanken sei dies den zunehmenden Internetverbindungen und den verbundenen Objekten wie etwa selbstfahrenden Autos. Arianespace hat derzeit noch Aufträge für über 50 Raketenstarts mit einem Volumen von 5 Milliarden Euro. Auch tragen sich die Europäer nun ebenfalls mit Plänen für den Bau einer wiederverwertbaren Rakete. Etwas spät, aber immerhin.

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