Evergrande
Was nicht sein darf, das kann auch nicht sein: Die Riesenpleite ist ein Tabu

Die Finanzwelt erwartet, dass Peking den Immobilienriesen Evergrande schmerzfrei aus der Schuldenfalle holt.

Daniel Zulauf
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Hoch hinaus: Das wollte Evergrande mit seinen Wohntürmen, wie etwa in Peking.

Hoch hinaus: Das wollte Evergrande mit seinen Wohntürmen, wie etwa in Peking.

Keystone

Der taumelnde chinesische Immobilienriese Evergrande dürfte am Donnerstag erstmals den Termin für eine fällig werdende Zinszahlung verpassen. Während die Chinesen am Dienstag ein langes Wochenende ausklingen liessen, bekamen die Investoren in unseren Breitengraden kalte Füsse. Vordergründig geht es bei der anstehenden Zahlung um die relativ kleine Summe von 84 Millionen Dollar. Doch Evergrande schiebt Schulden von umgerechnet über 300 Milliarden Dollar vor sich her.

Den mit Abstand grössten Teil dieses Risiko tragen chinesische Banken. Aber der schlingernde Immobilienentwickler hat in Hongkong auch Dollar-Anleihen aufgelegt und ausländische Investoren mit hohen Zinsversprechen angelockt. Die Papiere haben in den vergangenen Monaten um die zwei Drittel ihres Wertes verloren, was auch einigen Kunden von Schweizer Banken Verluste beschert haben dürfte.

Dies alles vermag die heftige Reaktion der westlichen Finanzmärkte aber nicht zu erklären. Grund für die Sorgen sind die mögliche Weiterungseffekte.

Die bange Frage nach dem Lehman-Momentum

Blüht China das Lehman-Moment? Die bange Frage der globalen Investorengemeinde kommt nicht von ungefähr. Auf dem chinesischen Immobiliensektor lasten Schulden von insgesamt fast 5000 Milliarden Dollar. Die Sorge, dass Evergrande als zweitgrösster Akteur in dem Markt, die ganze Branche und mit ihr noch viele andere Bereiche der Wirtschaft in Mitleidenschaft ziehen könnte liegt auf der Hand.

Doch auf den Finanzmärkten gilt zumal in diesen Zeiten nur allzu oft die Devisen: Was nicht sein darf, das kann auch nicht sein. Das düstere Lehman-Szenario ist ein Tabu-Thema. Dies suggeriert auch die rasche Entspannung der Börsen nach dem ersten Schock. Kreditspezialisten von Standard & Poor’s (S&P) sagten am Mittwoch auf einer Investorenkonferenz: «Ein Lehman-Moment wird es nicht geben, nicht im Moment und nicht, solange die Regierung in Peking die Situation unter Kontrolle behält.»

Davon scheinen zurzeit alle namhaften Finanzmarktteilnehmer auszugehen. Peking strebe seit geraumer Zeit einen Politikwechsel im Immobilienmarkt an. Im Wissen darum käme bei den Investoren keine Panik auf, sagen die S&P-Experten. Im Vergleich zum unerwarteten Lehman-Crash ist dies in der Tat ein wichtiger Unterschied.

Den Kommentar zum Thema lesen Sie hier:

Immobilien sollen erst dann verkauft werden, wenn sie gebaut sind

Die chinesische Regierung will die Spekulation im Immobilienmarkt dämpfen und dafür sorgen, dass Immobilien künftig erst dann verkauft werden, wenn sie gebaut sind. Das Geschäftsmodell von Evergrande und allen anderen Immobilienentwicklern des Landes funktioniert exakt umgekehrt. Mit diesem Ziel vor Augen hat die Regierung den Immobilienfirmen den Zugang zu Krediten der staatlich kontrollierten Banken erschwert und die Liquiditätskrise von Evergrande quasi mit Absicht heraufbeschworen. Die meisten Beobachter gehen davon aus, dass dieser Politikwechsel ohne grosse Kollateralschäden für die chinesische Wirtschaft gelingen wird.

So optimistisch tönt auch ein Brief des Evergrande-Präsidenten Hui Ka Yuan an seine Mitarbeitenden: Es sei sicher, dass das Unternehmen «seine dunkelste Stunde» hinter sich lassen werde, zitiert die Agentur Reuters aus dem am Mittwoch in lokalen chinesischen Medien verbreiteten Schreiben. Und Hui versprach, dass seine Firma alle Immobilienprojekte wie versprochen beenden und all ihren Verpflichtungen gegenüber Käufern, Investoren und Banken nachkommen werde. Mit gutem Grund gehen die meisten Beobachter davon aus, dass dieser Brief in enger Abstimmung mit der Regierung in Peking publik gemacht wurde.

Aber was, wenn der Masterplan misslingt? Dem Szenario eines Konkurses widmet immerhin UBS-Analyst John Lam ein paar Gedanken. Mit einer Liquidation der Riesenfirma würden nicht nur zahllose Bauunternehmen und Zulieferbetriebe ihre Existenz verlieren, auch viele Gläubiger müssten hohe Verluste hinnehmen und vor allem verlören die Investoren das Vertrauen in den chinesischen Finanzmarkt. Von einer solchen Entwicklung geht aber selbstredend auch die UBS nicht aus.

Ein UBS-Analyst mit Weitsicht

Doch John Lam hat schon einmal ein bisschen weiter gedacht als der Rest des Marktes. Das war im Januar dieses Jahres, als er die Evergrande-Aktien als einer der ersten seines Fachs zum Verkauf empfohlen hatte und den Papieren einen Kurseinbruch um 50 Prozent prophezeite. Inzwischen notieren die Titel sogar 90 Prozent unter ihrem damaligen Wert.

Klar scheint, dass der angestrebte Politikwechsel den chinesischen Immobilienmarkt zunächst stark bremsen wird. Weil der Sektor ein Viertel zur Wirtschaftsleistung des Landes beiträgt, wird dies kaum ohne Folgen für das Wachstum bleiben. Diese Perspektive mag erklären, weshalb in der Schweiz die Aktien der grössten Banken aber auch die Titel der beiden Uhrenhersteller am Dienstag besonders gelitten haben. Für beide Branchen ist China ein Schlüsselmarkt für das Wachstum.

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