Finanzforum
Ex-Nationalbankchef Philipp Hildebrand: «Bankerlöhne werden weiter sinken»

Ex-Nationalbankchef Philipp Hildebrand prophezeit auch dem Nachfolger seines eigenen Chefs einen Gehaltsrückgang.

Daniel Zulauf
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Ex-Nationalbankchef Philipp Hildebrand rät den Banken einen konsequenten Rückbau des amerikanischen Investmentbankings.

Ex-Nationalbankchef Philipp Hildebrand rät den Banken einen konsequenten Rückbau des amerikanischen Investmentbankings.

EPA/Keystone

Allen Technologiesprüngen und Krisen zum Trotz wird es auch in zehn Jahren noch Banken geben. «Wir unterschätzen immer wieder die Anpassungsfähigkeit der Finanzbranche.» Philipp Hildebrand, der frühere Chef der Schweizerischen Nationalbank und aktuelle Vizepräsident des weltgrössten Vermögensverwalters Blackrock, rief auf einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion die Teilnehmer des Swiss International Finance Forum in Bern zu weniger Pessimismus auf.

Beispielhaft unterlegte der einflussreiche Geldmanager seine These der Anpassungsfähigkeit mit dem Schweizer Bankgeheimnis, das in der Vergangenheit vielen ausländischen Steuerflüchtlingen geholfen hatte, Vermögen und Einkünfte vor dem heimischen Fiskus zu verstecken. «Dieses Problem ist mindestens in Europa ad acta gelegt», sagte Hildebrand mit Verweis, dass die Banken den Verlust dieser Einnahmen gut wegstecken konnten.

Lohn von 25,5 Millionen Dollar

Dessen ungeachtet, sagte Hildebrand voraus, dass die Margen und mit ihnen auch die Löhne in der sich stark verändernden internationalen Finanz- und Kreditwirtschaft in den nächsten Jahren weiter sinken werden. Davon werde auch der Nachfolger von Blackrock-Chairman Larry Fink nicht verschont bleiben, meinte der Schweizer mit einem scherzhaften Unterton. Fink hatte 2016 einen Lohn von 25,5 Millionen Dollar eingestrichen – davon rund einen Drittel in Bar und zwei Drittel in Aktien.

Hauptaufgabe der europäischen Banken sei es, ihre Geschäftsmodelle weiter zu fokussieren. Damit meinte er nicht zuletzt die Notwendigkeit, den bei manchen Grossbanken in Europa noch zu wenig konsequenten Rückbau des amerikanischen Investmentbankings weiter zu forcieren. Hildebrand empfahl, dass sich Europa in manchen Bereichen des Finanzmarktes von der amerikanischen Dominanz lösen sollte. Der Schweizer erwähnte ausdrücklich die Dominanz amerikanischer Kreditbewertungsagenturen und Stimmrechtsberater sowie die Bedeutung von US-Anbietern im Zahlungsverkehr.

Seine Empfehlungen sind freilich kaum frei von eigennützigen Überlegungen. So kommt Blackrock als grosser internationaler Verwalter von gesetzlich angespartem Vorsorgekapital zunehmend in Konflikt mit den Bestrebungen in vielen Ländern, die Pensionskassen einem Zwang zur Ausübung der Aktienstimmen zu unterwerfen. Blackrock legt diese Vermögen möglichst kostengünstig an und hat deshalb ein grosses Interesse daran, die Wahrnehmung der Aktionärsrechte an Stimmrechtsberater zu übertragen.

Weil die Berater ihrerseits aus Kostengründen versuchen, die Stimmrechtsausübung nach bestimmten globalen Governance-Prinzipien zu standardisieren, drohen in dem Prozess nationale Unterschiede in der Unternehmenskultur unterzugehen. Ähnliches lässt sich auch über die Ratingagenturen sagen, die ihre teilweise allzu amerikanisch geprägte Sicht auf die Bilanzen und Haushalte europäischer Firmen und Länder anwenden.

Das Vertrauen der Kunden

Die in der Runde vertretenen Bankiers selber gaben sich ihrerseits überzeugt, den Wandel der Branche erfolgreich bewältigen zu können. Angesprochen auf die zunehmende Konkurrenz aus branchenfremden Wirtschaftszweigen, sagte UBS-Verwaltungsratspräsident Axel Weber: «Ich glaube nicht, dass Banken verdrängt werden.» Banken genössen das Vertrauen der Kunden und sie passten sich dem Wandel ständig an. Credit-Suisse-Präsident Urs Rohner verwies auf den Überfluss an Information, der die Banken und ihre Kunden vor neue Herausforderungen stelle.

In der Versicherungswirtschaft werde man sich die Informationsflut zunutze machen, um effizient gute Risiken zu identifizieren, um deren Deckung zu weit günstigeren Preisen als bisher ermöglichen zu können, meinte Swiss-Re-Präsident Walter Kielholz. Mit Blick auf den Euro zeigte er sich vom bisherigen Jahresverlauf «ziemlich angetan» – vor allem wenn man sich die trüben Prognosen der vielen Skeptiker im vergangenen Jahr vor Augen halte. Auch Weber anerkannte, dass sich die politische Mitte in Europa bislang gehalten habe. Mit dem Wahlsieg von En Marche in Frankreich komme «Zugkraft» in den Euro rein.

Nationalbank: Jordans Kritik an Draghi

Der Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik sei in Europa zwar noch nicht in Sicht, aber immerhin könne man inzwischen auch hier schon offen über dieses Thema reden. Nationalbankchef Thomas Jordan bekräftigte gestern auf einer Podiumsdiskussion mit dem ehemaligen EZB-Chefökonomen Jürgen Stark und Huw van Steenis, Chefstratege von Schroders, den den Kurs des Noteninstituts. Er liess aber auch kritische Töne an der Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) anklingen. Die Notenbanken hätten weltweit sehr wenig Erfahrung mit Kurswechseln in extremen geldpolitischen Situationen. Klar sei, dass ein falsch gewählter Ausstiegszeitpunkt hohe Kosten verursachen könne. Ein vorschnelles Handeln der Notenbanken kann den noch zarten Konjunkturaufschwung abwürgen, ein verspätetes Handeln gefährliche Preisblasen am Finanz- und Immobilienmarkt befeuern.

Auf diesem schmalen Grat sollten die Notenbanken ihren Auftrag zur Sicherung der Preisstabilität möglichst pragmatisch ausführen, gab Jordan zu verstehen. «Die Inflation darf nicht als Punktziel betrachtet werden.» Genau das aber tue die EZB, kritisierte Jürgen Stark. Für den Ökonomen war das 2014 aufgesetzte Anleihenkaufprogramm, mit dem die EZB eine massive Bilanzausweitung gestartet hat, ein grosser Fehler, weil es in der Eurozone nie Anzeichen einer bösartigen Deflation gegeben habe. Stark betonte auf dem Podium die divergierende ökonomische Entwicklung zwischen den Euroländern: «Die deutsche Wirtschaft boomt und Italien kommt auf tiefem Niveau nur ganz langsam voran.» Jordan widerstand indessen jeder mutmasslichen Versuchung, die von Stark zugespielten Bälle für weitere Schüsse nach Frankfurt zu verwenden.