Schweizer KMU
Ex-Skirennfahrer Urs Lehmann will als Geschäftsführer nochmals Gold

Der frühere Skifahrer Urs Lehmann hat als Chef von Similasan mit seinen Globuli grosse Ziele.

Annika Bangerter
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Von den Ski zur Homöopathie: Ex-Profisportler Urs Lehmann

Von den Ski zur Homöopathie: Ex-Profisportler Urs Lehmann

Alex Spichale

Urs Lehmann ist schnell unterwegs. Sehr schnell. Steigt er eine Treppe hoch, nimmt der Chef von Similasan – trotz Massanzug und Lederschuhen – stets zwei Stufen auf einmal. Seine Schritte verlangsamt er nur, um einen Mitarbeiter zu grüssen oder im Pausenraum «E Guete» zu wünschen. Die Gänge in der Produktion des homöopathischen Arzneimittelherstellers sind lang und verwinkelt.

Wer mit dem Tempo von Urs Lehmann mithalten will, muss sich beeilen. «Ich bin sehr effizient und strukturiert organisiert», sagt er. Auch an diesem Freitagmorgen ist sein Zeitplan eng getaktet. Die Assistentin erinnert: Um neun Uhr hat er eine interne Sitzung, um halb zehn Uhr muss er zu einem auswärtigen Termin. Lehmann nickt, legt seine Mappe auf den Tisch, schiebt die Wasserflasche zur Seite. «Ich mag es nicht, über Hindernisse hinweg zu sprechen.»

Drei Fragen an Urs Lehmann

1. Wo waren Sie am 15. Januar um 10.30 Uhr?
«An diesem Tag war ich unterwegs, zuerst an einer Verbandssitzung der OTC-Vereinigung (OTC sind rezeptfreie Medikamente, Anmerkung der Red.), dann unterwegs nach Wengen. Unser Finanzchef rief mich an, fragte, was nun zu tun sei.»

2. Welches ist Ihr liebstes Produkt?
«Unsere Augentropfen, weil ich viele Stunden vor dem Computer arbeite und deshalb oft müde Augen habe.»

3. Gehen Sie privat ins Ausland einkaufen?
«Nein, wir müssen die Schweizer Wirtschaft stärken. Gerade als Geschäftsführer eines KMU muss man dies vorleben, sonst ist man nicht glaubwürdig.»

Der ehemalige Profi-Skifahrer ist seit sechs Jahren Geschäftsführer von Similasan. Drei Drogisten gründeten 1980 die Firma. Seit 2007 gehört sie der Familie Jüstrich, die als Herstellerin für Nahrungsergänzungsmittel auch im Besitz der Firma Nahrin ist. Weltweit setzt Similasan mit seinen rund 150 homöopathischen Präparaten um die 60 Millionen Franken um. Gegen 80 Prozent der Produktion werden im Ausland abgesetzt. Musste der Chef einer exportierenden Firma ein Beruhigungsglobuli schlucken, als die Nationalbank den Mindestkurs aufhob? Urs Lehmann schüttelt den Kopf. «Nein. Bei solchen Ereignissen lohnt es sich, zwei, drei Mal tief durchzuatmen und abzuwarten. Inzwischen wissen wir, dass wir in diesem Jahr den Währungsverlust mit Wachstum kompensieren können.»

Dennoch hat der Geschäftsführer ein Effizienzprogramm aufgegleist: Beispielsweise die Taktzahl in der Produktion erhöht oder die Arbeitszeiten der Mitarbeiter so angepasst, dass sich die Schweizer und US-amerikanischen Angestellten besser erreichen können. Entlassen musste der Geschäftsleiter in diesem Jahr niemand: Weltweit beschäftigt Similasan rund 130 Angestellte, davon 100 in der Schweiz.

CEO und Swiss-Ski-Präsident

In Jonen, einem kleinen Dorf im Kanton Aargau, liegt der Hauptsitz des Arzneimittelherstellers. Das Hauptgebäude mit Holzfassade erinnert an ein grosses Bergchalet. Es wurde gebaut, bevor Urs Lehmann zu Similasan stiess. Dennoch steht es sinnbildlich für seine frühere Karriere: Als einziger Aargauer holte Lehmann für das Schweizer Skiteam Gold an einer Weltmeisterschaft. Der Sport bestimmt auch heute noch einen grossen Teil seines Lebens: Seit 2008 ist Lehmann Präsident des Verbands Swiss-Ski und moderiert immer wieder Skirennen für den Fernsehsender Eurosport.

Sieben Tage die Woche arbeiten

Von November bis April arbeitet er sieben Tage die Woche. Nicht selten beginnt sein Arbeitstag um fünf Uhr morgens und endet nach zehn Uhr abends. Davon sieht man ihm an diesem Freitagmorgen nichts an: brauner Teint, die Haare mit Gel zurückgekämmt, ein perfekt sitzender blauer Anzug. Urs Lehmann überlässt nichts dem Zufall – auch nicht seine Erscheinung. Vielleicht zieht er deshalb nur widerwillig das obligatorische Stoffhäubchen an, wenn er die Produktion betritt.

KMU-Serie

In einer mehrteiligen Serie beleuchtet die «Nordwestschweiz» die Sorgen und Nöte der Schweizer KMU. Die kleineren und mittleren Unternehmen beschäftigen rund zwei Drittel der Menschen in der Schweiz. Die grosse Frage ist, wie sie mit der Frankenstärke umgehen. Im dritten Teil der Serie geht es um die Firma Similasan, die homöopathische Arzneimittel wie Globuli herstellt. (ASC)

Globuli rund um den Globus

Der Geschäftsführer von Similasan reist nicht nur planierten Skipisten hinterher. Auch für Similasan steigt er regelmässig ins Flugzeug. Diesen September besuchte er Indien. Das sei der weltweit grösste Markt für Homöopathie, sagt Lehmann. Davon möchte man auch im aargauischen Jonen profitieren.

Im Gegensatz zu südamerikanischen Ländern wie Brasilien, Kolumbien oder Peru stehen die Globuli oder Tinkturen aus dem Aargau noch nicht in den Regalen der asiatischen Apotheken. Eine weitere Expansion also trotz des starken Frankens? «Die Währungen sind ein Thema, sie sollen uns aber nicht von unserer Strategie abhalten. Wir müssen das Vorgehen einfach anpassen», sagt Lehmann.

Mit den Distributoren hat er ein Modell entwickelt, wobei die Partner vor Ort wie das Unternehmen Similasan, gewisse Währungsschwankungen gemeinsam tragen. Bislang funktioniere das gut, sagt Lehmann. Zudem würden die Produkte von Similasan überall ähnlich viel kosten. Das sei entscheidend: «Wer im Ausland seine Produkte verkauft, darf nicht lokal denken und beispielsweise in Deutschland die Produkte viel günstiger als in der Schweiz anbieten», sagt Lehmann.

Promovierter Ökonom

Mit den homöopathischen Produkten von Similasan will er «die Welt erobern», wie es der ehemalige Profisportler ausdrückt. Noch einmal auf dem obersten Podestplatz stehen, noch einmal die beste Leistung gegenüber allen Konkurrenten zeigen: Dafür hat der Skifahrer Urs Lehmann vor und nach seinen Rennen für die Matura gelernt, Wirtschaft an der Uni St. Gallen studiert und berufsbegleitend doktoriert.

Im Alter von 40 Jahren übernahm er Similasan. Heute, sechs Jahre später, jongliert er die Globuli durch den Weltmarkt und hält die Fäden der Schweizer Skiathleten zusammen. Kein Wunder geht Urs Lehmann schnell. Und nimmt zwei Treppenstufen auf einmal.