Euroraum

EZB-Chef Draghi verliert die Märkte aus den Augen

Kein voller Einsatz der EZB. Der Franken gibt nach, die SNB könnte mit dem Schrecken davonkommen.

Tommaso Manzin
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Können diese Augen lügen? Die Börsen meinen Ja. Zum ersten Mal hat ihnen Mario Draghi weniger Liquidität geliefert, als er aus ihrer Sicht versprochen hatte. Keystone

Können diese Augen lügen? Die Börsen meinen Ja. Zum ersten Mal hat ihnen Mario Draghi weniger Liquidität geliefert, als er aus ihrer Sicht versprochen hatte. Keystone

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Die Europäische Zentralbank (EZB) hat geliefert, allerdings nicht alles, was die Märkte von der Sitzung des EZB-Rats am Donnerstag erwartet hatten. Zunächst verlief alles nach Drehbuch: Der Einlagensatz sank von –0,2 auf –0,3 Prozent. Für Geschäftsbanken wird es damit noch teurer, Geld bei der EZB zu parken. Den Leitzins für die Versorgung der Geschäftsbanken mit Zentralbankgeld beliess sie bei 0,05 Prozent.

An der Pressekonferenz nach dem Zinsentscheid kündigte EZB-Präsident Mario Draghi zudem an, die Laufzeit des seit März laufenden Wertschriftenkaufprogramms von September 2016 auf März 2017 auszudehnen. An der Kaufsumme von 60 Milliarden Euro pro Monat änderte sie aber wider Erwarten nichts. Auch wenn das Programm dadurch schwerer als die ursprünglich geplanten 1140 Milliarden Euro sein und sich die Bilanz weiter aufblähen wird – die Märkte sahen sich getäuscht.

«Von Draghi enttäuscht»

Keinen Trost fanden sie offenbar darin, dass die Rückzahlungen fällig werdender Anleihen am Ende der Laufzeit neu reinvestiert werden – diese Liquidität verbleibt nun also im Finanzsystem. Ebenso wenig darin, dass nicht mehr nur Schulden von Staaten, sondern auch von Regionen und Gemeinden gekauft werden. Die Märkte hatten sich unter dem Strich mehr billiges Geld erhofft. Der deutsche Aktienindex DAX fiel um 3, der SMI um 1,2 Prozent.

Draghi meinte dazu lakonisch, die Märkte müssten die Neuigkeiten zuerst verarbeiten. Die EZB dehne das Programm aus, weil es funktioniere, nicht weil es versagt habe. Nicht nur die Kreditbedingungen für Haushalte und Unternehmen hätten sich deutlich verbessert, auch die Inflation habe sich bewegt – nur zu wenig: Die neusten Schätzungen für November seien mit 0,1 Prozent enttäuschend. Die EZB sieht sich gezwungen, die Inflationsprognosen mit 1 Prozent für 2016 und 1,6 Prozent für 2017 zu senken. Zudem wies Draghi auf gestiegene geopolitische Risiken hin. Diese sollen durch mehr Liquidität abgefedert werden.

Bruno Gisler, Chefökonom des Vermögensverwalters Aquila, erklärt dazu auf Anfrage: «Nachdem Draghi im Ruf stand, die Erwartungen zu übertreffen, hat er sie diesmal enttäuscht.» Marktteilnehmer im Obligationen-, Devisen- und Aktienmarkt, die auf eine starke geldpolitische Lockerung spekuliert hatten, seien auf dem falschen Fuss erwischt worden.

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hüllte sich in Schweigen und kommentierte das Geschehen in Frankfurt nicht. Am 15. Januar hatte sie das Fallenlassen des Euromindestkurses noch mit der erwarteten Lockerung der EZB-Geldpolitik begründet. Sie hätte womöglich noch mehr Euros kaufen müssen, um die Gemeinschaftswährung im Verhältnis zum Franken zu stützen und diesen vor einer weiteren Aufwertung zu bewahren. Auf die daraus entstehenden Risiken künftiger Verluste auf den Eurobeständen in ihrer Bilanz wollte sie nicht eingehen.

Zinsdifferenz unberührt

Insgesamt könnte die SNB glimpflich davonkommen. Die als sicher geltenden deutschen Staatsanleihen rentieren klar höher als die Pendants der Eidgenossenschaft. Schrumpft diese Differenz, werden Investitionen in Franken-Anlagen relativ zum Euroraum rentabler als bisher. Im Vorfeld der EZB-Sitzung galt es als fast sicher, dass die SNB den bereits tieferen Einlagensatz von –0,75 Prozent womöglich weiter würde senken müssen, um eine Frankenaufwertung zu verhindern. Valentin Bissat von Mirabaud Asset Management sieht dazu nun weniger Dringlichkeit. Die EZB habe offenbar weniger grosses Geschütz aufgefahren als vom Markt befürchtet, insbesondere in Form höherer monatlicher Käufe. Nicht nur habe der Franken nach dem Entscheid 1 Prozent auf Fr. 1.09/Euro abgewertet. Die Zinsdifferenz zwischen den Währungsräumen habe sich nicht verringert, sondern gar eher leicht erhöht. Bleibe der Wechselkurs auf diesem Niveau, könnte die SNB am 10. Dezember um noch negativere Einlagensätze herumkommen. Ähnlich sieht das Gisler, nicht aber die Credit Suisse. Senke die SNB die Zinsen nicht, verliere sie Glaubwürdigkeit im Kampf gegen den harten Franken. Der Markt rechnet bereits mit diesem Schritt.