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Faire Kleider kommen auch nach Brandkatastophe kaum in Mode

Nach der Brandkatastrophe in Bangladesch fordern viele fairere Produktionsbedingen bei der Kleiderproduktion. Eine Blick in die Ladenregale zeigt aber: Diei Brandkatastrophe gibt fair und sozialverträglich produzierter Kleidung keinen Schub.

Isabel Strassheim
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Faire Kleider sind Hosen und T-Shirts, bei denen die Näherinnen einen Lohn zum Leben verdienen und bei einem in den billigen Fabriken leicht ausbrechenden Brand die Chance haben, freie Fluchtwege zu finden. Die Brandkatastrophe vor vier Wochen in Bangladesch, dem zweitgrössten Textilexporteur der Welt, machte das schockartig klar. In Mode ist fair produzierte Kleidung in der Schweiz deswegen allerdings nicht gekommen.

Der Umsatz mit Coops Label Naturaline, das sich hohe soziale Standards auf die Fahnen geschrieben hat, steigt zwar stetig. Aber einen neuen Schub seit dem Tod von mehr als 1100 Menschen in Bangladesch gab es nicht, wie Sprecher Ramon Gander der «Nordwestschweiz» sagte. Auch bei der Fairtrade-Firma Switcher heisst es auf Anfrage, es gebe nicht mehr Zulauf.

In der Kleiderbranche selbst aber hat sich mittlerweile etwas bewegt: Letzte Woche haben einige der weltweit grössten Kleiderketten – H&M, Inditex (Zara) und C&A – ein Abkommen über Brandschutz und Gebäudesicherheit in Bangladesch unterzeichnet. Nach zwei Jahren Zögern. Die Vereinbarung sieht unabhängige Sicherheitsinspektionen und öffentliche Berichterstattung vor. Herzstück ist jedoch die Verpflichtung der Modeketten, die Investitionen in Mindeststandards für den Brandschutz zu tragen. Die Nichtregierungsorganisation Clean Clothes Campaign, die sich schon seit Jahren für bessere soziale Standards in der Kleiderindustrie einsetzt, begrüsste das Abkommen, als «richtungsweisende Entscheidung».

Auch Schweizer Firmen sind dabei

Auch Migros oder Chicorée sind dabei, nicht aber der US-Riese Walmart. Ihm passen die Bestimmungen für den Schlichtungsprozess in einem Streitfall nicht. Die entwicklungspolitische Organisation «Erklärung von Bern» (EvB) bleibt ohnehin kritisch: «Auch wenn das Abkommen ein Meilenstein ist, nun müssen wir sehr genau schauen, ob es auch tatsächlich umgesetzt wird», sagt EvB-Sprecher Oliver Classen. Was in Bangladeschs Kleiderbranche passiert, wirkt sich weltweit aus. Das Land ist für die internationalen Kleiderketten für die Herstellung das billigste überhaupt. Bekommt in China eine Näherin rund 250 Dollar im Monat, erhält sie in Bangladesch keine 40 Dollar. Das ist selbst in dem armen Land ein Lohn unter Existenzminimum.

McKinsey machte in einer Studie von 2011 für Bangladesch grosses Potenzial aus: Denn die Kleiderkarawane ist auf der Suche nach neuen Hotspots. Der Grund: China ist mittlerweile zu teuer geworden, wegen Arbeitskräftemangels steigen die Löhne an der Ostküste. Und die Branche steht wegen volatiler Rohmaterialpreise, etwa für Baumwolle, unter verstärktem Kostendruck.

«Galt China einmal als der beste Ort für die Kleiderproduktion, beginnt nun für Bangladesch das Licht noch heller zu leuchten», schreiben die McKinsey-Berater. Fast alle Modeeinkäufer nannten Bangladesch als ihre potenzielle neue Bezugsquelle – noch vor Vietnam, Indonesien und Kambodscha. Der von ihnen genannte häufigste und wichtigste Grund sind die geringen Kosten. Dabei gingen die meisten Einkäufer der internationalen Modeketten davon aus, dass die Löhne in den nächsten drei Jahren um rund 30 Prozent steigen werden. Denn die Mindestlöhne liegen unter dem Existenzminimum und sind trotz hoher Inflation in den letzten Jahren nicht angehoben worden. In Subkontrakt-Firmen liegen die Löhne sogar noch tiefer.

Switcher geht zurück nach Europa

Einen Mutterschutz für die zum grössten Teil jungen Näherinnen gibt es selten, wie Studien von der Clean Clothes Campaign zeigen. Überstunden sind an der Tagesordnung, werden jedoch zum Teil nicht entlohnt. Deshalb ist Bangladesch, das zu den am wenigsten entwickelten Staaten der Welt zählt, für die Kleiderindustrie nicht zu toppen.

Auch Switcher und Coop lassen in Bangladesch nähen. Die Schweizer Unternehmen zahlen allerdings Existenz- und keine Mindestlöhne. Der Trend geht bei Switcher jedoch zurück nach Europa, nach Portugal und Rumänien. Hier gibt es Spielraum, um erst mal zu testen, welche Farben und Grössen gut laufen, um anschliessend nachzubestellen.