Berufungsprozess
Fall Erb: Staranwalt Erni soll Pleitier Rolf Erb raushauen

Am Montag beginnt der Berufungsprozess gegen den Ex-Chef der Erb-Gruppe. Verteidigen soll ihn dabei Staranwalt Lorenz Erni. Man darf gespannt sein, welche Strategie Rolf Erbs neuer Verteidiger einschlagen wird.

Roman Seiler
Drucken
23. Januar 2012: Ex-Konzernchef Rolf Erb verlässt nach dem Prozessauftakt das Bezirksgericht Winterthur.

23. Januar 2012: Ex-Konzernchef Rolf Erb verlässt nach dem Prozessauftakt das Bezirksgericht Winterthur.

Er verteidigte den einstigen Swissair-Chef Philippe Bruggisser, den russischen Milliardär Viktor Vekselberg und den Regisseur Roman Polanski: Lorenz Erni gilt als Staranwalt, den Angeklagte spätestens dann engagieren, wenn alles verloren scheint. Jetzt soll er Rolf Erb (62) vor einer hohen Haftstrafe bewahren. Ab nächstem Montag findet der Berufungsprozess gegen den Pleitier vor dem Zürcher Obergericht statt.

Einst war Rolf Erb Präsident der Konzernleitung der Winterthurer Erb-Gruppe. Damit war er operativ für das 2003 kollabierte Firmenkonglomerat zuständig, das 4,5 Milliarden Franken umgesetzt hatte. Für Rolf Erb geht es bei diesem Prozess um sehr viel. In erster Instanz hatte ihn das Bezirksgericht Winterthur im März 2012 zu acht Jahren Haft verurteilt.

Die Richter kamen zum Schluss, dass sich Erb des gewerbsmässigen Betrugs und der Urkundenfälschung schuldig gemacht hat. Obendrein habe er mit der 2002 und 2003 erfolgten Übertragung von Vermögenswerten an seine heute elfjährigen Zwillinge sowie seine Lebensgefährtin seine Gläubiger geschädigt. Bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung gilt die Unschuldsvermutung. Rolf Erb bestritt die Vorwürfe stets und stellte sich als «Weisungsempfänger» dar. Sein im Juli 2003 verstorbener Vater Hugo habe bis zuletzt das Sagen gehabt.

Erbs Possenspiel mit den Anwälten

Staranwalt Lorenz Erni wollte gegenüber der «Nordwestschweiz» keinen Kommentar dazu abgeben, ob er Rolf Erb verteidigt. Das passt zu Erbs Possenspiel mit seinen Anwälten. Vor Erni liess sich der einstige Autohändler von Star-Strafverteidiger Bernhard Gehrig vertreten. Nach dessen Pensionierung übernahmen Gehrigs Büropartner Adrian Klemm und Petar Hrovath die amtliche Verteidigung. Die beiden wollte Erb dann kurz vor Beginn des Prozesses vor dem Bezirksgericht Winterthur durch zwei neue Anwälte auswechseln.

Gleichzeitig verlangte Erb eine Verschiebung des Prozesses, damit sich die zwei in die komplexe Materie einarbeiten könnten. Diese Anträge lehnten die Richter ab. Dafür durfte sich Erb gleich von vier Anwälten verteidigen lassen.

Das Mandat der zwei erbetenen Anwälte ist mittlerweile erloschen. Finanziert worden war es von Familienangehörigen der Lebenspartnerin. Die vom Staat bestallten Verteidiger Klemm und Hrovath dürften weiterhin für Rolf Erb tätig sein. Dazu äussern wollte sich Klemm nicht. Und auch Erb war für die «Nordwestschweiz» nicht zu sprechen.

Offenbar hat Erb erneut Sponsoren gefunden, die das Gehalt des Staranwalts finanzieren. Jetzt warten Gläubigervertreter wie Prozessbeobachter gespannt darauf, welche Strategie Erbs neuer Verteidiger einschlagen wird. Gemäss der Sprecherin des Zürcher Obergerichts, Andrea Schmidheiny, liegen bis heute keine Anträge auf eine Verschiebung des Berufungsprozesses vor: «Eingeplant sind auch keine Zeugenbefragungen. Vorgesehen ist, dass nach der Befragung von Rolf Erb durch die Richter die Plädoyers der Staatsanwaltschaft, der Privatkläger sowie der Verteidigung stattfinden.»

Erni wird wohl Zweifel säen

Erni wird wohl versuchen, bei den Richtern Zweifel an der Version der Staatsanwälte zu säen. Der Zeitschrift «NZZ Folio» sagte er einst, er habe bisher noch keinen Fall gehabt, bei dem es keine Zweifel gegeben habe: «Das Herausarbeiten dieser Zweifel treibt mich an.»

Ob es Erni gelingen wird, den Inhalt mehrerer Gutachten zur Buchführung der Erb-Gruppe in Zweifel zu ziehen, weiss die Öffentlichkeit frühestens in einer Woche. Diese Gutachten kamen alle zum gleichen Schluss: Die Jahresabschlüsse der Erb-Firmen seien «massiv beschönigt» gewesen, so die Anklage. Damit wurde verschleiert, dass einzelne Erb-Firmen ab 1998 überschuldet waren. Mit der Präsentation dieser «nicht ordnungsgemässen Bilanzen» habe es Rolf Erb geschafft, dass Banken weiter Kredite gewährten.

Nach der zweitgrössten Firmenpleite der Schweiz gingen bei den Liquidatoren der Erb-Firmen Forderungen von über fünf Milliarden Franken ein. Der eigentliche Verlust dürfte sich auf gegen drei Milliarden belaufen. Den Gläubigern bleiben 400 Millionen. Darin nicht eingerechnet sind von Rolf Erb an seine Angehörigen übertragene Vermögenswerte.

Aktuelle Nachrichten