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FERIEN: Reisen ohne Hindernisse

Behinderte Menschen haben es schwer, wenn die touristische Infrastruktur nicht ihren speziellen Bedürfnissen entspricht. Hiesige Hotels und Ferienregionen bereiten sich auf barrierefreies Reisen vor.
Andreas Lorenz-Meyer
Ueli Bütikofer ist MS-Patient. In professioneller Begleitung genoss er am gestrigen Sonnentag den rollstuhlgängigen Wanderweg auf der Rigi. (Bild Nadia Schärli)

Ueli Bütikofer ist MS-Patient. In professioneller Begleitung genoss er am gestrigen Sonnentag den rollstuhlgängigen Wanderweg auf der Rigi. (Bild Nadia Schärli)

Vom Dorfplatz Rigi-Kaltbad verläuft ein Pfad in Richtung «Chänzeli», der Aussichtsplattform auf gut 1460 Metern Höhe. Sie bietet einen schönen Fernblick auf Berge und Seen. Auch Rollstuhlfahrer können ihn geniessen. Denn der Rigi-Chänzeli-Weg gehört zu den 67 barrierefreien Wanderwegen in der Schweiz. Die Route führt langsam aufwärts, nur kurz vor der Plattform gibt es eine schwierigere Passage. Steigung: 12 Prozent. Unterwegs sind einige Regenrinnen zu bewältigen, die Spaltenbreiten von 6 Zentimetern oder etwas mehr aufweisen. Für Rollstuhlfahrer wichtige Details. Auch die Anfahrt mit der Seilbahn hoch nach Rigi-Kaltbad ist für sie machbar. Bei der Talstation Weggis befindet sich der rollstuhlgerechte Eingang hinten links.

Gesetzliche Vorschriften

In der Schweiz leben zirka 1,4 Millionen Menschen mit Behinderung. Eine grosse touristische Gruppe. Marcus Rocca von Mobility International Schweiz, der Fachstelle für barrierefreies Reisen: «Die Schweiz hat eine etwas ungünstige Topografie. Die meisten Tourismusorte liegen in den Bergen. Was aber keine Entschuldigung sein darf.» Das Thema barrierefreies Reisen nimmt man mittlerweile stärker wahr. Auch wegen der Gesetze, die bei Hotelum- oder -neubau rollstuhlgerechte Zimmer vorschreiben. Bis Ende 2023 müssen zudem alle öffentlichen Transportmittel barrierefrei sein. Urlauber mit Handicap haben einen grösseren Beratungsbedarf, erklärt Rocca. Individuelle Bedürfnisse sind vor der Reise genau abzuklären. Rollstuhlfahrer ist zum Beispiel nicht gleich Rollstuhlfahrer. Manche kommen allein zurecht, andere brauchen in jedem Fall eine Begleitperson.

Vorabklärungen notwendig

Procap, Verband von und für Menschen mit Behinderung, hat im Katalog eine Menge barrierefreie Reisen, viele ins Ausland. Das Cala Millor Garden auf Mallorca verfügt über 11 rollstuhlgängige Zimmer mit befahrbaren Duschen und behindertengerechten Toiletten. Einige Hotels besitzen auch Rampen am Pool, etwa das Sentido Apollo Blue auf Rhodos. Procap verzeichnet jährlich über 1000 Reisebuchungen. Wobei man eher die aufwendigen Anfragen erhält. Der Organisationsaufwand ist entsprechend gross. Helena Bigler von Procap Reisen: «Wir als Spezialist wissen, was im Vorfeld zu klären ist, damit die Reise klappt.»

Bei Flugreisen müssen Rollstuhlfahrer am Flughafen angemeldet werden. Schweizer Flughäfen sind verpflichtet, Menschen mit eingeschränkter Mobilität bis ans Gate zu begleiten – was aber trotz ordnungsgemässer Anmeldung manchmal nicht reibungslos abläuft. Vorab muss auch klar sein, ob die Person allein reisen darf. Bei einzelnen Rollstuhlfahrern, die nicht selbstständig zur Toilette können, verlangen die Airlines, dass eine Begleitperson mitfliegt, so Bigler. Wichtig sei dabei, dass die Begleitung im Flugzeug neben dem Kunden sitzen kann. Die Sitzplatzreservierung dürfe zudem nicht dem behinderten Passagier angerechnet werden.

Oft geht es bei der Planung der Reise ums Finanzielle. Es kommt auch vor, dass der Transfer vom Flughafen zum Hotel nicht rollstuhlgängig ist. Dann stellt sich die Frage, wer die zusätzlichen Kosten für den Spezialtransfer übernimmt. Bigler: «Es geht nicht, dass jemand für den Transfer zum Hotel noch mal fast so viel zahlen muss wie für die Pauschalreise selbst. Wir müssen da für die Rechte unserer Kunden kämpfen.»

Persönliche Ferienassistenzen

Immer mehr Behinderte wollen individuell reisen. Procap vermittelt persönliche Ferienassistenzen, die man alle geschult hat. Die Kosten der Begleitung: 130 bis 170 Franken pro Tag. Das Potenzial für barrierefreie Reisen beurteilt Bigler als begrenzt. Längst nicht alle Destinationen bieten einen barrierefreien Zugang. Zudem verlangt hindernisfreies Reisen eine Menge Aufwand und Know-how, die Sache kann kostspielig werden. Im Tourismus geht der Trend aber eher zu billigeren Reisen, so Bigler. Es gebe nur wenig Fachkräfte, die im Umgang mit Behinderten gut ausgebildet sind. Bei Procap buchen auch Menschen ohne Handicap – ein Zeichen der Solidarität. Mit den Einnahmen werden die teuren Ferienangebote in der Schweiz quersubventioniert.

Pionierhotel am Bodensee

Im Ferienhotel Bodensee in Berlingen, 2015 als erstes komplett barrierefreies Hotel der Schweiz eröffnet, ist der ganze Grundriss darauf ausgerichtet, die üblichen Hindernisse zu vermeiden. Türen und Flure haben Überbreite. Die Zimmer sind so geschnitten, dass man sich im Rollstuhl gut darin bewegen und wenden kann. Die Schiebetüren zur Nasszelle lassen sich auch im Sitzen bedienen. Draussen, im Hotelgarten, gibt es ebenso wenig Hindernisse. «Privatsphäre und Autonomie der Gäste stehen an erster Stelle», sagt Direktor Stefan Steiner. Das Hotel arbeitet vor allem mit Schweizer Behindertenorganisationen zusammen. Drei Viertel der Gäste sind Rollstuhlfahrer.

Das Hotel ist jedoch für alle da, man beherbergt auch Menschen ohne Handicap. Dadurch entsteht gegenseitiger Respekt, so Steiner. Das Thema Barrierefreiheit gewinne an Wichtigkeit. Letztes Jahr ist das Hotel mit zwei Gruppenbuchungen in die erste Saison gestartet. In diesem Jahr kamen bereits 20 Gruppen. Aus Steiners Sicht gibt es zu wenig Hotels, die konsequent die Barrierefreiheit umsetzen.

Stadtführung für Sehbehinderte

Seit 2011 gibt es in Luzern zweistündige Stadtführungen für Blinde und Sehbehinderte. Sie können dabei gotische Spitzbogenfenster ertasten. Die Stadtführer wurden durch die Fachstelle Sehbehinderung Zentralschweiz ausgebildet. «Auch für Sehende sind die Rundgänge zur Sensibilisierung geeignet», sagt Sibylle Gerardi von Luzern Tourismus.

Als Orientierungshilfe für gehbehinderte Touristen ist eine Broschüre gedacht. Dort steht unter anderem, welche Bergbahnen in der Umgebung über Rampen verfügen. In der Tourist-Information kann man gegen 25 Franken Depot einen Eurokey-Schlüssel ausleihen, der für behindertengerechte Parkplätze oder Toiletten benötigt wird. Auch bei den Luzerner Wahrzeichen braucht man den Schlüssel. Die Treppenlifte an beiden Brückenköpfen von Kapell- und Spreuerbrücke lassen sich damit bedienen.

Studien zu den Marktchancen barrierefreier Reisen gibt es hierzulande nicht. Aber Marcus Rocca verweist auf eine Erhebung aus Deutschland. Danach treten 54 Prozent der Menschen mit Behinderung mindestens einmal im Jahr eine Reise an, die länger als fünf Tage dauert. Der Rest verreist nicht, weil die Hindernisse zu hoch erscheinen. 48 Prozent der Befragten geben aber an, dass sie häufiger verreisen würden, wenn es mehr barrierefreie Angebote gäbe. Laut Studie liegt hier ein enormes Potenzial. Über 5 Milliarden Franken im Jahr könnte die Tourismusbranche zusätzlich erwirtschaften, wenn sie die Bedürfnisse von behinderten und älteren Menschen optimal berücksichtigen würde. Rocca: «Dieses Ergebnis lässt sich durchaus auf die Schweiz übertragen.»

Andreas Lorenz-Meyer

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