WEF 2017

Fernduell der Wirtschaftskonzepte in Davos: China wirbt, Amerika warnt

Der chinesische Präsident erhält in Davos viel Applaus – Donald Trumps Vertreter stellt seinen Chef ins rechte Licht.

Patrik Müller, Davos
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Eine Welt, zwei Ansichten: Der neue US-Präsident Donald Trump und Chinas Staatschef Xi Jinping dominieren am WEF in Davos – aus der Distanz und persönlich vor Ort.

Eine Welt, zwei Ansichten: Der neue US-Präsident Donald Trump und Chinas Staatschef Xi Jinping dominieren am WEF in Davos – aus der Distanz und persönlich vor Ort.

Keystone

Der Name liegt während der ganzen Rede des chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping in der Luft, doch in den Mund nimmt er ihn nicht. Jeder in der überfüllten Kongresshalle in Davos weiss, wen Xi Jinping meint, wenn er vor einem Handelskrieg warnt und betont, ein solcher würde nur Verlierer nach sich ziehen: Es ist Donald Trump, der wie ein Gespenst über Davos schwebt. In zwei Tagen wird er als US-Präsident vereidigt. WEF-Gründer Klaus Schwab hat den Unternehmer in New York getroffen, aber es war unmöglich, ihn in dieser Woche in die Bündner Berge einzufliegen.

Der Präsident des 1,3-Milliarden-Volkes China aber ist da, zum ersten Mal, wie Schwab mit Stolz erwähnt. Vor mehr als einem Jahr habe er ihn eingeladen. Schwab lobt die chinesische Führung: «Sie hat es fertig gebracht, eine immer aktivere Rolle in globalen Angelegenheiten zu spielen, sei es in der Wirtschaft oder in der Klimapolitik.» Bei Schwabs Worten kommt den Zuhörern wiederum Trump in den Sinn, der das Klima-Abkommen von Paris bekämpfen will. Auch Bundespräsidentin Doris Leuthard würdigt in ihrer Begrüssung die Bemühungen Chinas in der Klimapolitik.

Und so erscheint der chinesische Präsident den WEF-Teilnehmern als vernunftgetriebener Gegenentwurf zum künftigen US-Präsidenten. Etwa, wenn er erklärt, dass viele Probleme der Welt nichts mit der wirtschaftlichen Globalisierung zu tun hätten. Als Beispiel nennt er die Flüchtlingskrise: Daran seien Krieg und Konflikte schuld. «Auch die Finanzkrise ist keine unvermeidbare Folge der Globalisierung an sich, sondern Ausfluss von übermässiger Deregulierung und übertriebenen Gewinnstrebens in der Finanzindustrie», doziert Xi Jinping, ein Mann mit sanftem Gesichtsausdruck und ebensolcher Stimme.

Zweischneidiges Schwert

Die Globalisierung, fährt der Präsident fort, sei jedoch ein zweischneidiges Schwert. Entscheidend sei, dass alle davon profitierten, namentlich auch die Schwellen- und Entwicklungsländer. Xi Jinping lobt sich und sein Land: «China hat sich den globalen Märkten gestellt. Wir verfolgen das Ziel des allgemeinen Wohlstands und haben mehr als 700 Millionen Menschen aus der Armut herausgeführt.» Wohl wieder an die Adresse Trumps gerichtet, ergänzt er: «Die Weltwirtschaft ist ein grosser Ozean, dem man nicht entgehen kann. Jeder Versuch, den Handel und den Austausch zu blockieren, wird fehlschlagen. So wie man einen Ozean nicht in kleine Bäche und Flüsse zurückstauen kann.» Xi Jinping appelliert an die Verantwortungsträger: «Die Menschen rund um die Welt erwarten von den globalen Leitfiguren, dass sie die Wirtschaft so organisieren, dass alle einen Nutzen haben.»

Auch wenn das von den Zuhörern als indirekte Kritik an Trump aufgefasst wird – zumindest seine letzte Aussage wird eine Stunde später in Davos von einem Berater Trumps fast wörtlich wiederholt. Es ist Anthony Scaramucci, ein enger Vertrauter des gewählten US-Präsidenten, der in einem kleineren WEF-Saal erklärt, was sein Chef genau meint, wenn er von «fairer» Globalisierung und «symmetrischem» Freihandel spreche. Es gehe darum, dass alle Seiten profitieren würden, und das sei mit Blick auf die US-Wirtschaft immer weniger der Fall: «Die Freihandelsabkommen, wie wir sie heute haben, sind asymmetrisch zuungunsten der USA ausgestaltet und tragen dazu bei, dass der Mittelstand ausblutet.» Darum müssten diese Abkommen neu ausgehandelt werden, allerdings «ohne Handelskriege».

Scaramucci erzählt, er sei in einer einfachen Familie aufgewachsen, sein Vater sei Arbeiter gewesen, sein Grossvater habe in einer Kohlenmine gearbeitet. Trotzdem habe er es geschafft, in Harvard zu studieren und bei der Investmentbank Goldman Sachs einen Top-Job zu bekommen. Solche Aufstiege seien der Mittelschicht heutzutage kaum mehr möglich. Dies sei der Hauptgrund für Trumps Wahl.

Innensicht auf Trumps Psyche

Scaramucci nutzt die Gelegenheit, vor der versammelten Davoser Elite «Missverständnisse» über die Persönlichkeit Donald Trumps auszuräumen. «Donald Trump liebt die Menschen, und darum wird er ein phänomenales Verhältnis aufbauen können – zu Ländern wie China und zu politischen Gegnern wie Barack Obama.» Trump sei keiner, der «einfach zuschlägt», er könne aber «hart zurückschlagen», wenn er oder sein Land unfair angegriffen würden.

Dann kommt Anthony Scaramuccis Charme-Offensive in Fahrt: Er vergleicht Trump mit dem früheren republikanischen Präsidenten Ronald Reagan. «Auch bei ihm herrschten in Europa und anderswo anfänglich grosse Skepsis und Besorgnis. Aber letztlich erwies er sich als ehrlicher, aufrechter Präsident, der dazu beigetragen hat, dass die Welt friedlicher geworden ist.» Scaramucci erfindet dazu sogar ein Adjektiv für seinen Chef: Trump werde «reaganesk» sein und eine ähnlich historische Rolle einnehmen wie der Republikaner in den 1980er-Jahren. «Das werdet Ihr sehen, sobald er im Amt ist.»