Autohandel
Fiat-Leasingfirma Fidis Finance geht gegen Betrugsopfer vor

Die Fiat-Tochter Fidis Finance fordert Raten auf Fahrzeuge, die Kunden längst nicht mehr besitzen. Die Besitzer sind ob dem Vorgehen mehr als nur erstaunt und wappnen sich nun mit Anwälten gegen die Leasingfirma.

Sven Millischer
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Aargauer Zeitung

Artikel vom 24. Juni 2011:

Über 300 Stundenkilometer Spitze, mehrere Hundert PS unter der Haube und ein Chassis, das Autofans den Atem stocken lässt. Peter G. (Name der Redaktion bekannt) fuhr einen Sportwagen der Extraklasse. Anfang Jahr hatte er genug und gab das Fahrzeug zurück, das er sich über die Fiat-Tochter Fidis Finance finanzieren liess. Gut ein Jahr, nach dem G. den Leasingwagen beim Promi-Garagisten Riccardo Santoro in Dintikon AG abgeholt hatte.

Die «besondere Vereinbarung» zwischen Peter G. und Santoros SAR premium cars sieht denn auch vor, dass der Leasingnehmer frühestens nach 12 Monaten das Fahrzeug gegen ein Anderes eintauschen kann, «wobei sich die Parteien über die Konditionen vorgängig zu einigen haben und Fidis Finance einen weiteren Leasingvertrag mit Ihnen akzeptiert.»

AZ-Recherche-Serie zu Fidis Finance und SAR

Die az Aargauer Zeitung und Tele M1 haben bereits mehrere Artikel zur Leasing-Pleite der SAR Premium Cars veröffentlicht. Weitere Recherchen werden folgen.

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Nur. Fidis Finance will von der «Ergänzung der allgemeinen Vertragsbedingungen» (Ausriss) nichts gewusst haben. Mehr noch: Der Leasing-Vertrag mit der Fiat-Tochter und die Sondervereinbarung mit SAR widersprechen sich in entscheidenden Punkten. Beide Schriftstücke liegen der az vor. So schreibt Fidis eine Fahrleistung von maximal 10 000 Kilometern im Jahr vor. Santoro aber sicherte G. und anderen SAR-Kunden vertraglich zwischen 20 000 und 25 000 Kilometern zu, was jährlichen Abschreibern in der Höhe von 3000 bis 5000 Franken entspricht. Auch sieht der Fidis-Vertrag mit Peter G. keine vorzeitige Rückgabe des Fahrzeugs vor, sondern ist auf 36 Monate ausgestellt. Soweit die vertraglichen Ungereimtheiten.

Keine Kenntnis und Ermächtigung

Ohne Murren nahm der Dintiker Autohändler im Januar schliesslich den geleasten Flitzer wieder zurück. «Es war keine Rede davon, dass ich die Raten an Fidis weiterzahlen müsse», erinnert sich Peter G. Die Sache schien erledigt. Der Sportwagen in guten Händen. «Santoro hat mir gegenüber seine vertraglichen Verpflichtungen vollumfänglich erfüllt.» Er sei aus allen Wolken gefallen, als ihm Fidis Mitte Mai per eingeschriebenem Brief mitteilte, dass «der Leasingwagen in Eigentum der Fidis ist und Sie als Leasingnehmer für den Wagen verantwortlich sind.» Ein Fahrzeug wohlgemerkt, das seit über 4 Monaten gar nicht mehr im Besitz von G. war.

Weil die Fiat-Tochter scheinbar selbst nicht weiss, wer welchen Schlitten über Santoro geleast hat, forderte Fidis im Serienbrief die SAR-Kunden auf, ihre Fahrzeugdaten zu überprüfen. Erst letzte Woche dämmert es der Fiat-Tochter. Sie informiert die Kundschaft abermals per eingeschriebenem Brief, «dass Fidis vor kurzem erfahren hat, dass SAR premium cars ohne Kenntnis und Ermächtigung von Fidis mit diversen Fidis-Leasingkunden so genannte besondere Vereinbarungen abgeschlossen hat.» Sogleich setzt die Fiat-Tochter dem Leasingnehmer das Messer auf die Brust: «Sie als unser Kunde haften für das in unserem Eigentum stehende, Ihnen anvertraute Leasingfahrzeug. Eine Rückgabe an SAR würde Sie von diesbezüglichen Pflichten nicht entbinden.» Gerne hätte die az mit Kurt Meier, General Manager bei Fidis, gesprochen. Er reagierte aber nicht auf die Kontaktversuche.

Peter G. holt sich jetzt juristischen Rat und steht damit nicht alleine da. Offenbar haben zahlreiche der 1200 SAR-Kunden ihre Rechtschutzversicherungen eingeschaltet, die den Fall nun einem bekannten Berner Anwalt übertragen haben. Es bleibt abzuwarten, ob die Fiat-Tochter tatsächlich gegen die Betrugsopfer vor Gericht zieht. Oder ob sich die Parteien auf einen Vergleich einigen können.

Sperre für Halterwechsel

Dem letzten Fidis-Schreiben an Peter G. war jedenfalls eine Mahnung für eine Monatsrate samt Verzugszinsen beigelegt. Dies erstaunt. Hat G. doch bereits seit Anfang Jahr keine Leasingraten mehr bezahlt. Wer dann?

Wie die az aus gesicherter Quelle weiss, wurde das Auto kurz nach Rückgabe durch G. im Januar ausser Verkehr und gleichentags wieder in Verkehr gesetzt - samt Vollzug eines Halterwechsels: Das Fahrzeug lautet nun auf eine Firma in der Südschweiz. Es handelt sich wohl ebenfalls um einen Leasingnehmer. Garagist Santoro hat den Wagen wohl einfach weiter verleast. Doch der Sportflitzer von Peter G. war - wie bei Leasinggeschäften üblich - mit einem Code 178 im Fahrzeugausweis belegt. Das heisst: Ein Halterwechsel ist verboten. Das Fahrzeug darf erst umgeschrieben werden, wenn die Leasingfirma die Zustimmung gibt. Wie SAR ohne Wissen der Fidis zum nötigen Löschungsblatt kam, bleibt im Dunkeln. Entweder hatte der Dintiker Autokönig einen Vertrauensmann bei der Fiat-Tochter oder beim Strassenverkehrsamt.