FINANZBRANCHE: Wenn Macho-Banker die Muttermilch der Kollegin trinken

Maureen Sherry war Investmentbankerin. Was sie dort als Frau und Mutter erlebte, ist völlig unglaublich. Inzwischen hat sie die Wall Street verlassen und den Irrsinn in einem neuen Roman verarbeitet.

Tina Kaiser, New York
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Ähnlich absurd wie in dieser Szene aus dem Film «The Wolf of Wall Street» soll es vor der Finanzkrise in gewissen Investmentbanken zu und her gegangen sein. (Bild: Keystone/Mary Cybulski)

Ähnlich absurd wie in dieser Szene aus dem Film «The Wolf of Wall Street» soll es vor der Finanzkrise in gewissen Investmentbanken zu und her gegangen sein. (Bild: Keystone/Mary Cybulski)

Als Maureen Sherry nach der Geburt ihres ersten Kindes aus dem Mutterschaftsurlaub zurückkam, sass auf ihrem Platz ein Fremder. Sie hatte zweieinhalb Monate Auszeit genommen, ihrem Arbeitgeber Bear Stearns war das offenbar zu lang. Die New Yorker Investmentbank hatte einen neuen Mitarbeiter eingestellt, der sich die Kunden von Sherry unter den Nagel gerissen hatte.

Sie musste nicht nur den üblichen Wahnsinn einer jungen, berufstätigen Mutter bewältigen, sondern auch noch mühsam ihre Kunden zurückerobern. Von ihren Kollegen konnte sie keine Unterstützung erwarten. Jedes Mal, wenn sie mit der Stillpumpe auf der Toilette verschwand, feuerte der Trading-Floor sie mit «Muh»-Rufen an. Und ein Kollege trank unter lautem Gegröle der anderen ihre abgepumpte Muttermilch aus, die sie im Kühlschrank gelagert hatte.

Vermögen und Job verloren

20 Jahre später sitzt Sherry in ihrem Büro im 48. Stock eines New Yorker Wolkenkratzers. Sie lacht herzlich. Ihre 50 Lebensjahre sieht man Sherry nicht an. Ihre kräftigen, blonden Haare trägt sie offen, sie ist schlank, gross, ein weiter, lilafarbener Wollpullover hängt lässig über schwarzen Leggings.

«Top-Bankerinnen haben mir die unglaublichsten Geschichten erzählt.» Maureen Sherry, Ex-Investmentbankerin (Bild: pd)

«Top-Bankerinnen haben mir die unglaublichsten Geschichten erzählt.» Maureen Sherry, Ex-Investmentbankerin (Bild: pd)

Sherry würde vermutlich anders aussehen, hätte sie nach der Geburt ihres zweiten Kindes ihren Job als Managing Director bei Bear Stearns nicht hingeworfen. Sie wäre heute viel reicher, hätte vermutlich aber auch mehr Falten. «Ich war damals an einem Punkt meiner Karriere angelangt, an dem ich als Frau nicht mehr weiter aufsteigen konnte», sagt Sherry. Seit sie die Wall Street verlassen hat, arbeitet sie als Schriftstellerin. Ihr erstes Buch war ein Kinderbuch, in ihrem neuen Roman setzt sie sich mit ihrer Vergangenheit auseinander.

«Opening Belle» ist eine tragische Komödie, die zu Beginn der jüngsten Finanzkrise spielt. Sie handelt von Isabelle «Belle» McElroy, einer fiktiven Investmentbankerin einer ebenso erdachten Wall-Street-Bank, die mit dem Handel von Hypotheken-Derivaten erst zu einer der besten Verkäuferinnen der Bank aufsteigt und dann mit zu deren Untergang beiträgt. Gleichzeitig kämpft sie einen fruchtlosen Kampf gegen die frauenfeindliche Kultur in der Bank und ihren Mann zu Hause, der finanziell von ihr abhängig ist, aber nicht einsieht, deswegen die Aufgaben eines Hausmanns zu übernehmen. Das Buch ist keine grosse Literatur. Es ist aber unterhaltsam und erklärt mit einfachen Worten und absurden Anekdoten den Wahnwitz, der zur Finanzkrise führte. Es geht um Lug, Betrug und McElroys Scheitern, tagsüber an der Wall Street mit Milliarden zu jonglieren, abends zu Hause aber trotzdem den Haushalt am Laufen zu halten, weil ihr Mann lieber Tantra-Yoga praktiziert, als den Abwasch zu machen.

Erstklassiger Hollywood-Stoff, findet die Schauspielerin Reese Witherspoon, die sich die Filmrechte an dem Buch im vergangenen Jahr gesichert hat. Die Dreharbeiten sollen 2017 beginnen.

«Geplant war das alles ganz anders», sagt Sherry. Nachdem sie im Jahr 2000 ihren Job bei Bear Stearns gekündigt hatte, wollte sie eigentlich Finanzjournalistin werden. Sie machte an der Columbia University ihren Master of Fine Arts, Fachrichtung: nicht-fiktionales Schreiben. Dem Plan mit dem Finanzjournalismus kamen zwei weitere Kinder in die Quere. Stattdessen arbeitete sie an einem Sachbuch über Mobbing, sexuelle Nötigung und ungerechte Bezahlung von Frauen an der Wall Street. «Ich wollte meine eigene Erfahrung einbringen und habe rund zwei Dutzend Top-Bankerinnen interviewt, die mir die unglaublichsten Geschichten erzählt haben.» Das Problem: Die meisten wollten nur unter der Bedingung mitmachen, dass ihr Name anonym bleibt. Dann brach der Hypothekenmarkt zusammen. Wenige Monate später ging die Investmentbank Lehman Brothers pleite und stürzte die weltweiten Finanzmärkte in die schwerste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Um Sherry herum zerbrachen Existenzen. Die meisten ihrer Freunde arbeiteten noch immer an der Wall Street. «Ich kenne kaum jemanden, der in dieser Zeit nicht ein Vermögen, seinen Job oder beides verloren hat.» Sherry legte damals ihr Manuskript in die Schublade und begann von vorn. Aus dem Sachbuch wurde ein Roman, der sich nicht mehr nur um die frauenfeindliche Kultur, sondern auch um die Finanzkrise drehen sollte. Wobei, das hängt nach Sherrys Ansicht letztlich alles miteinander zusammen. «Hätte es mehr Frauen in den Risiko-Ausschüssen der grossen Banken gegeben, wäre das nicht passiert.» Sie ist überzeugt, dass die testosterongesteuerte Machokultur die Ursache für die Misere gewesen sei.

Sherrys Romanheldin McElroy verdient im Vorkrisenjahr 2007 rund drei Millionen Dollar. Das sei in jener wilden Zeit eine realistische Summe als Managing Director in einer Bank gewesen, sagt Sherry. Als sie in den 1990ern bei Bear Stearns war, habe sie zwar auch sehr viel Geld gemacht – aber nicht so viel.

Ein Haufen Schrott

Um immer mehr Geld zu verdienen, hätten sich die Banken diese aberwitzigen Hypotheken-Derivate ausgedacht: Mortgage Backed Securities, Collateralized Mortgage Obligation, Collateralized Debt Obligation – im Endeffekt ein Haufen Schrott, der so kompliziert in Pakete verpackt und dann in Scheiben verkauft wurde, dass niemand mehr wusste, was überhaupt drinsteckt. «Ich bin mir sicher, die Herren in den Risiko-Ausschüssen kapierten es auch nicht, aber keiner hat sich getraut, das zuzugeben.»

Die Ex-Bankerin war längst raus aus dem Geschäft, als die Finanzkrise ausbrach. Weite Teile des Buches sind jedoch autobiografisch. Ebenso wie McElroy kommt sich Sherry nicht reich vor. Sie erzählt freimütig, dass ihre Wohnung 8,5 Millionen Dollar gekostet hat und sie für ihre vier Kinder rund 200 000 Dollar Schulgeld pro Jahr bezahlt, behauptet dann aber: «Wir führen kein luxuriöses Leben.» Nicht? Sherry schaut, als fühle sie sich ertappt. Dann sagt sie: «Na ja, im Vergleich zu anderen Menschen an der Wall Street nicht: Wir haben keinen Chauffeur, keinen Privatjet, keine Polopferde oder so.»

Grapschereien waren nicht selten

Sherry gibt zu, dass auch sie des Geldes wegen viel akzeptiert habe, das eigentlich inakzeptabel sei. Einige Erniedrigungen, die McElroy erlebt, sind auch Sherry passiert. Die Eröffnungsszene des Buches spielt auf der Weihnachtsfeier der Bank. McElroy hat vor der Feier eine Frisierpuppe für ihre Tochter gekauft. Die Kollegen klauen ihr die Puppe und spielen damit auf der Tanzfläche Fangen. «Wirklich passiert», sagt Sherry. In einer anderen Szene muss McElroy einen Kollegen aus einem Puff schleifen, der bei einem wichtigen Kunden erwartet wird. Sherry: «Sagen wir es so, ich hatte einen Kollegen, der unter mehreren Süchten litt, und es war sehr herausfordernd, mit ihm zu arbeiten.»

Ebenfalls nicht ausgedacht sei die Anekdote, in der ein Trader Pflaster an die Frauen in dem stets sehr kühlen Handelssaal der Bank verteilt. Er wolle nicht durch die steifen Brustwarzen der Frauen abgelenkt werden. Sherry behauptet, sexuelle Anzüglichkeiten hätten zum Arbeitsalltag gehört, Grapschereien seien keine Seltenheit gewesen.

Beschwerden wurden als Hysterie abgetan, sagt sie. Frauen seien ausserdem systematisch bei Beförderungen übergangen und schlechter bezahlt worden als Männer. An der Wall Street landen Beschwerden wegen ungerechter Bezahlung, Mobbing oder sexueller Nötigung selten vor Gericht, stattdessen werden Mitarbeiter mit viel Geld und einer Verschwiegenheitsklausel abgefunden.

Was ihre Romanheldin Belle McElroy erlebt, erleiden Frauen an der Wall Street jeden Tag, glaubt Sherry. Man liest nur wegen der Verschwiegenheitsklauseln selten darüber. Daher also ihr Buch – «das war ich den Mädels schuldig».
 

Tina Kaiser, New York

 

Hinweis

Das Buch «Opening Belle» ist seit Anfang Februar in englischer Sprache im Handel. Auf Deutsch ist es noch nicht erhältlich. Die englische Ausgabe (ISBN 978-1-5011-1062-7) kostet rund 30 Franken.