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FINANZPLATZ: Bankenskandal mit Langzeitwirkung

Vor 40 Jahren ist bei der Schweizerischen Kreditanstalt (SKA) ein Skandal aufgeflogen, der zum Fanal für den Finanzplatz wurde.
Balz Bruppacher
Die Hauptangeklagten am SKA-Texon-Prozess in Chiasso (v. l.): Elbio Gada, Ernst Kuhrmeier, Claudio Laffranchi und Alfredo Noseda sitzen in der ersten Reihe im Gemeinderatssaal von Chiasso, der als Gerichtssaal diente. (Bild: Karl Mathis/Keystone (28. Mai 1979))

Die Hauptangeklagten am SKA-Texon-Prozess in Chiasso (v. l.): Elbio Gada, Ernst Kuhrmeier, Claudio Laffranchi und Alfredo Noseda sitzen in der ersten Reihe im Gemeinderatssaal von Chiasso, der als Gerichtssaal diente. (Bild: Karl Mathis/Keystone (28. Mai 1979))

Balz Bruppacher

Es war am 14. April 1977, am Donnerstagabend nach Ostern, als die Schweizerische Kreditanstalt (die heutige Credit Suisse) mitteilte, ihr werde voraussichtlich ein «erheblicher Verlust erwachsen». Hinter einer verklausulierten Formulierung über dubiose Machenschaften in der Filiale Chiasso verbarg sich der bis anhin grösste Verlustfall einer Schweizer Bank. Er sollte als Zäsur auf dem Finanzplatz in Erinnerung bleiben. Es folgten Kritik an den überdimensionierten Grossbanken, eine Polemik über Geschäft und Moral und im Jahre 1984 erstmals eine Volksabstimmung über das Bankgeheimnis (siehe auch Kasten). Der Chiasso-Skandal löste aber auch das wichtigste Selbstregulierungswerk der Banken aus, inspirierte neue PR-Strategien auf dem Finanzplatz und war am Rande zentrales Thema einer Episode in der Schweizer Pressegeschichte.

Hatte die Kreditanstalt den maximalen Verlust zunächst auf 250 Millionen Franken beziffert, musste die SKA wegen der Verfehlungen in der Filiale Chiasso schliesslich rund 1,4 Milliarden Franken ans Bein streichen. Kunden kamen nicht zu Schaden. Zur Aufrechterhaltung der Dividende löste die Bank stille Reserven auf.

Was war passiert? Die Direktion der SKA in der schweizerisch-italienischen Grenzstadt hatte während 15 Jahren Kundengelder – vor allem Steuerfluchtgelder aus Italien – in der Höhe von 2,2 Milliarden Franken in eine Briefkastenfirma im Fürstentum Liechtenstein geschleust, die Texon-Finanzanstalt. Als «Bank in der Bank» gewährte die Texon Kredite und erwarb – vorwiegend in Italien – bankfremde Beteiligungen. Das liechtensteinische Vehikel war auch Auffangbecken für faule Kredite der Filiale Chiasso und für Verluste aus Wertschriftenspekulationen von deren leitenden Mitarbeitern.

Information im Tropfenzähler-Modus

Diese Zusammenhänge kamen nur scheibchenweise an die Öffentlichkeit. «Funkstille bei der SKA» überschrieb die NZZ einen Kommentar zur Informationspolitik der Bank. Gleichzeitig häuften sich die Hinweise, dass die Angelegenheit viel grössere Ausmasse hatte, als die SKA es wahrhaben wollte. Der Tessiner Staatsanwalt Paolo Bernasconi (siehe untenstehendes Interview) liess den Direktor der Filiale Chiasso und zwei Vizedirektoren verhaften und machte den Milliarden-Geldfluss zur ­Texon bekannt.

Am 26. April, kurz nach Mitternacht, gab die Schweizerische Nationalbank bekannt, sie werde die SKA zusammen mit den beiden Grossbanken Bankverein und Bankgesellschaft notfalls mit bis zu 3 Milliarden Franken stützen. Diese höchst ungewöhnliche Kreditzusage, die nie beansprucht wurde, sorgte auch im Ausland für grosses Aufsehen. Als Beruhigungspille für die Märkte gedacht, schürte das Angebot zusätzliche Befürchtungen. Die SKA-Aktie vollführte in der letzten Aprilwoche einen Kurssturz von 19 Prozent. Der befürchtete Bank-Run, bei dem Kunden massenweise Geld abziehen, blieb aus. Vorsorglich hatte die SKA Geldtransporte ins Tessin organisiert.

SNB-Präsident: Eine Zeitbombe ist explodiert

Der Bundesrat sah sich am Morgen des 4. Mai vor beiden Kammern des Parlaments zu einer Erklärung veranlasst. Sechs Tage später folgten die ersten Rücktritte am Hauptsitz in Zürich. Betroffen waren der Präsident der Generaldirektion, Heinz R. Wuffli, und der für Chiasso zuständige stellvertretende Generaldirektor, Sergio Demiéville. F. W. Schulthess verzichtete auf das ihm eben erst verliehene Amt des Ehrenpräsidenten.

Dass man nicht zur Tagesordnung übergehen konnte, erkannte auf Behördenseite vor allem Nationalbankpräsident Fritz Leutwiler. «Eine Zeitbombe, die an den Grenzen schon vor 1977 zu ticken begonnen hatte, war explodiert», erklärte er Jahre später und erinnerte an die Kritik am Finanzplatz als Fluchtgeldhafen. «Es musste gehandelt werden», so Leutwiler.

Innerhalb von wenigen Wochen schusterten die Nationalbank und die Bankiervereinigung – dort führte der spätere Nationalbankpräsident Markus Lusser die Geschäfte – einen Kodex zur Rettung des guten Rufs des Finanzplatzes zusammen. Mitte 1977 trat die «Vereinbarung über die Sorgfaltspflicht bei der Entgegennahme von Geldern und die Handhabung des Bankgeheimnisses (VSB)» in Kraft – die Mutter aller Selbstregulierungen auf dem Finanzplatz.

Derweil war die SKA kommunikativ anfänglich heillos überfordert. «Die Bank war nicht verankert im Vertrauen, sondern in mangelnder Kontrolle, in fehlender Sorgfalt und in Überheblichkeit», stellte der ehemalige SKA-Generaldirektor und Ökonomieprofessor Hans Geiger später fest. Für zusätzliche Nervosität sorgte die neu als Boulevardblatt lancierte Migros-Zeitung «Die Tat». Chefredaktor Roger Schawinski und sein eingeschworenes Team produzierten unter der Marke «SKAndal» täglich neue Schlagzeilen. Erst nach der Neubesetzung der Generaldirektion mit Rainer Gut als Wuffli-Nachfolger und der Einrichtung einer separaten Pressestelle Texon/Chiasso unter dem ehemaligen NZZ-Redaktor Jörg Neef fasste die Grossbank wieder Fuss.

Neue Methoden der PR-Strategen

Während «Die Tat» im Herbst 1978 eingestellt wurde, sorgte die SKA mit einer Charme-Offensive – so der Kommunikationsexperte Kaspar Silberschmidt – für positivere Schlagzeilen. «Schlüpft aus dem faulen Ei ein goldenes Huhn?» fragte die «Schweizer Illustrierte» mit Blick auf die Verkaufsaussichten der Texon-Beteiligten. 1978 übernahm die SKA das Patronat der Tour de Suisse. Die legendäre SKA-Skimütze war hingegen kein PR-Produkt der Chiasso-Affäre. Sie war schon im Winter zuvor lanciert worden, erwies sich bei der Bewältigung des Skandals aber als glückliche Fügung – so Silberschmidt.

Strafrechtlich ging die Affäre mit der Verurteilung der ehemaligen SKA-Direktoren in Chiasso, Ernst Kuhrmeier und Claudio Laffranchi, zu je viereinhalb Jahren Zuchthaus sowie mit bedingten Strafen für drei Tessiner Wirtschaftsanwälte zu Ende. Der 59-jährige Kuhr­meier erlag nur eine Woche nach der Urteilsverkündung am 10. Juli 1979 in Lugano einem Herzinfarkt.

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