FINANZPLATZ: «Es kann schnell wieder brenzlig werden»

Wirtschaftsprofessor und Bankenregulierer Aymo Brunetti spricht über die historisch tiefen Zinsen und das Risiko der Banken, wenn diese sich von einem plötzlichen Politikwechsel der Noteninstitute unvorbereitet erwischen lassen.

Daniel Zulauf
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Aymo Brunetti in seinem Büro an der Universität Bern. (Bild: Pius Amrein (Bern, 15. August 2016))

Aymo Brunetti in seinem Büro an der Universität Bern. (Bild: Pius Amrein (Bern, 15. August 2016))

Interview: Daniel Zulauf

daniel.zulauf@luzernerzeitung.ch

Aymo Brunetti, bald sind zwei Jahre vergangen, seit die Nationalbank den Euro-Mindestkurs aufgehoben hat. Wo steht die Schweiz wirtschaftlich?

Die Schweizer Wirtschaft zeigt sich erstaunlich widerstandsfähig gegenüber diesem sehr starken Schock. Es ist bemerkenswert, dass das Land nicht in eine Rezession geriet und die Exporte nicht deutlicher einbrachen. Inzwischen wachsen sie wieder mit der durchschnittlichen Rate der letzten Jahrzehnte. Ein entscheidender Punkt war wohl, dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) auch ohne deklarierte Untergrenze weiterhin entschieden gegen eine übermässige Aufwertung des Frankens ankämpfte.

Es gibt Anzeichen, dass der äusserst erfolgreiche Pharmasektor die Aufwertung des Frankens beschleunigt und damit grosse Teile der übrigen Wirtschaft in Schwierigkeiten bringt. Stimmt diese Diagnose?

Meines Erachtens nicht. Der Schweizer Franken hat sich offensichtlich durch die Kapitalzuflüsse aus dem Ausland übermässig aufgewertet. Diese sind primär wegen der Unsicherheit nach der Finanzkrise, insbesondere im Euroraum, entstanden. Ausserdem ist die Schweizer Wirtschaft zu stark diversifiziert, als dass eine einzelne Exportbranche die anderen über Wechselkurseffekte so unter Druck bringen könnte. Die Exportstärke der Pharmaindustrie dürfte vielmehr substanziell dazu beigetragen haben, dass sich die Schweizer Wirtschaft nach der Finanzkrise stabilisierte.

Die Masseneinwanderungsinitiative soll mittels Inländervorrang light umgesetzt werden. Ist dies eine pragmatische Lösung?

Die grosse Herausforderung der Masseneinwanderungsinitiative ist die Dreijahresfrist. Sie erzeugt Zeitdruck und zwingt die Schweiz, in den Verhandlungen mit der EU vorzupreschen. Dabei ist derzeit in der EU einiges in Bewegung, vor allem wegen des Brexit und der Flüchtlingsströme. Für mich ist klar, dass die Personenfreizügigkeit der EU in ihrer heutigen Form die nächsten fünf bis zehn Jahre nicht überleben wird. Die Schweiz sollte in dieser Situation abwarten und nachziehen, sobald in anderen EU-Ländern die Personenfreizügigkeit aufgeweicht wird. Der Inländervorrang light scheint mir deshalb vernünftig. Natürlich wird die Masseneinwanderungsinitiative damit nicht wirklich umgesetzt. Aber es ist ein erster Schritt, um die starke Zuwanderung einzudämmen. Sollte dies nicht reichen, kann man später immer noch nachziehen, zu einem Zeitpunkt, wo die EU auch schon weiter ist.

Reden wir noch über eines Ihrer Steckenpferde – die Bankenregulierung: Sechs Jahre nach Ihrem ersten Entwurf für ein Too-big-to-fail-Gesetz heisst es nun, die Notfallplanung der Grossbanken sei ein Papiertiger. Stehen wir wieder am Anfang?

Nein, das sicher nicht; wir sind viel weiter als vor wenigen Jahren. Aber was die Stellungnahme des Wirtschaftsbeirates der deutschen Regierung anbelangt, den Sie ja meinen, ist die grundsätzliche Kritik trotzdem nicht falsch. Das Problem ist, dass sich die Banken in Deutschland und in anderen europäischen Ländern dagegen wehren, die im neuen Basel-III-Standard vorgesehenen verschärften Kapitalanforderungen vollständig umzusetzen. Es gibt Differenzen um die Frage, wie die Risiken einzelner Bilanzpositionen zu gewichten und entsprechend mit Eigenkapital zu unterlegen sind. Zur Bestimmung dieser Risikogewichtung gibt es eine international anerkannte Standardmethode, und es gibt Modelle, welche manche Banken selber entwickeln und anwenden. Die Frage ist nun, wie gross die Differenz der Ergebnisse der beiden Rechenmodelle werden darf.

Rechnen die Banken ihre Risiken klein?

Die Banken haben sicher einen Anreiz, die Risiken eher kleinzurechnen. In der aktuellen Diskussion geht es vor allem um die Hypothekarkredite, die in den internen Modellen der Banken offensichtlich deutlich weniger Risiken aufweisen als im internationalen Standardmodell. Dass diese Differenz gefährlich sein könnte, zeigt nur schon der Blick zurück auf die letzte Finanzkrise, die ja durch den Einbruch von Immobilienpreisen ausgelöst wurde. Die Stossrichtung des Wirtschaftsbeirates ist deshalb völlig richtig. Aber sie betrifft die Schweiz weniger. Die Schweiz hat das Kapitalproblem der Banken schon 2012 durch die Inkraftsetzung des revidierten Bankengesetzes adressiert. 2016 wurden die Anforderungen zusätzlich verschärft, sodass die Schweiz nun zu den Ländern mit den schärfsten Kapitalvorschriften zählt, und zwar sowohl für den Fall einer fortgesetzten Geschäftstätigkeit wie auch für den Fall einer allfälligen Liquidierung eines Instituts.

Es braucht also auch strenge Kapitalanforderungen, damit Banken pleitegehen können.

So kann man es sagen. Um das Problem der impliziten Staatsgarantie überwinden zu können, braucht es ein glaubwürdiges System, unter dem Banken in Konkurs gehen können. In einem solchen System tragen idealerweise ganz allein die Gläubiger und die Aktionäre den Schaden, und die Allgemeinheit wird verschont. Nur so kann sich die Politik wirklich aus der ungeschriebenen Haftung gegenüber den Banken befreien.

Warum kommt die aktuelle Kritik eigentlich gerade aus Deutschland?

Der Vater der aktuellen Kritik an der Haltung der Banken, Martin Hellwig, hat das Kapitalproblem schon vor drei Jahren zusammen mit Anat Admati im Buch «Des Bankers neue Kleider» sehr deutlich formuliert. Die kritischen Stimmen finden Gehör, weil die Situation im Hypothekarbereich eben gefährlich sein könnte.

Von welcher Gefahr sprechen Sie?

Vom sogenannten Zinsänderungsrisiko. Wenn die Zinsen rasch steigen, kann es für die Banken schnell brenzlig werden. Auf der einen Seite vergeben sie sehr langfristige Hypotheken zu ungewöhnlich tiefen Zinsen. Auf der anderen Seite refinanzieren sie sich eher kurzfristig mit extrem billigem Geld. Dieses Geschäftsmodell kann kippen, wenn die Notenbanken in kurzer Abfolge die Leitzinsen erhöhen. Eine Bank, die sich von einer solchen Politikänderung unvorbereitet erwischen lässt, hat kaum mehr eine Überlebenschance. Ihr Zinsgeschäft läuft hoffnungslos aus dem Ruder. Das war das Problem der US-Sparkassenkrise in den Neunzigerjahren. Sie hatte die Sparer und den Staat eine Menge Geld gekostet.

Die Bankenlobby sagt, die verschärften Kapitalanforderungen würden das Wachstum abwürgen. Wie lautet Ihre Entgegnung?

Mit diesem Argument verlangt die Bankenlobby etwas überspitzt dargestellt die Möglichkeit, auch völlig unvernünftige Kredite vergeben zu dürfen. Schliesslich stimuliere jeder Kredit die Wirtschaft und erzeuge Wachstum. Es stimmt zwar, dass man mit tieferen Kreditvergabestandards das Wachstum beschleunigen kann, aber später erwachsen der Allgemeinheit deutlich höhere Kosten daraus.

Dann wird Ihnen auch die Idee von Raiffeisen kaum gefallen, die Kreditvergabestandards für junge Schweizer Familien mit Eigenheimwunsch zu lockern.

Das halte ich für eine ganz schlechte Idee. Solche Ideen haben uns in die Finanzkrise geführt. Ich verstehe die Nationalbank, wenn sie aufbegehrt.

Sie sagen, es brauche nicht nur strenge Kapitalanforderungen, damit Banken überleben, sondern auch pleitegehen können. Aber immer, wenn eine Bank in Schwierigkeiten gerät, finden sich Argumente, weshalb sie vom Staat gerettet werden muss – siehe die italienische Monte dei Paschi di Siena.

Umso wichtiger ist es eben, dass die Kapitalanforderungen und Notfallpläne so ausgestaltet werden, dass die Politik wenigstens die Möglichkeit hat, eine Bank ohne grossen Schaden für die Allgemeinheit in Konkurs gehen zu lassen. Im Fall der UBS war eine Staatsrettung keine Option, sondern einfach unvermeidlich. Das ist der Zustand, den wir vermeiden müssen. Aber Italien ist weit entfernt von einem gut funktionierenden Too-big-to-fail-Regime.

Was wird die Schweiz in den nächsten zwölf Monaten am intensivsten beschäftigen?

Ich hoffe natürlich nicht, dass es der Franken bleibt, aber ich sehe doch ein Risiko, dass es in der Eurozone wieder unruhiger werden könnte. Das würde dem Franken wieder Auftrieb geben.

Wo sehen Sie mögliche Gefahren?

Die anstehenden Wahlen in verschiedenen europäischen Ländern haben schon das Potenzial, die schlummernden Zentrifugalkräfte im Eurosystem wieder zu entfesseln.

Hinweis
Aymo Brunetti (53) ist seit 2012 Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Bern. Davor war er während 13 Jahren im Staatssekretariat für Wirtschaft beim Bund tätig; zunächst als Leiter der Abteilung Wirtschaftspolitische Grundlagen und später als Chefökonom.