FINANZPLATZ: Neuer Präsident muss anpacken können

Die Bankiers wollen bescheidener auftreten. Dabei setzen sie auf Bodenständigkeit, wie die Suche nach dem neuen Verbandspräsidenten zeigt. Die Favoriten trennen die Lager trotzdem.

Daniel Zulauf
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Der gelernte Landwirt, Barend Fruithof, leitet heute das Schweizer Geschäft der Bank Julius Bär (links). Der frühere CEO der Raiffeisen-Gruppe, Pierin Vincenz, hat Ambitionen auf das Präsidium der Bankiervereinigung (rechts). (Bild: Keystone/Gaetan Bally/Mario Heller)

Der gelernte Landwirt, Barend Fruithof, leitet heute das Schweizer Geschäft der Bank Julius Bär (links). Der frühere CEO der Raiffeisen-Gruppe, Pierin Vincenz, hat Ambitionen auf das Präsidium der Bankiervereinigung (rechts). (Bild: Keystone/Gaetan Bally/Mario Heller)

Daniel Zulauf

Pierin Vincenz ist zwar kein Bauer, aber ein ausgefuchster Banker. Als langjähriger Chef der Raiffeisen-Gruppe hat der Bündner gelernt, der Öffentlichkeit stets seine charmant bodenständige Seite zu zeigen. Barend Fruithof ist dagegen ein gelernter Bauer, der den Weg in die Kreditwirtschaft erst später gefunden hat. Auf der Karriereleiter waren die ersten Berufsjahre in der Landwirtschaft für den hochrangigen Julius-Bär-Manager kein offensichtlicher Vorteil. Das hat sich aber längst geändert. Fruit­hof und Vincenz werden die laufende Ausmarchung um das Präsidium der Bankiervereinigung unter sich ausmachen, und das ist kein Zufall.

Nach Jahren interner Querelen unternimmt der heterogene Branchenverband den voraussichtlich letzten Versuch, die Reihen zu schliessen. Mit diesem Ziel hatte im Herbst 2009 schon der Genfer Privatbankier Patrick Odier das Ehrenamt in Angriff genommen. Sein Vorgänger Pierre Mirabaud, ebenfalls ein Vertreter einer altehrwürdigen Bankiersfamilie aus der Rhonestadt, war ein streitbarer Lobbyist, der den Zusammenhalt seiner Herde über den Angriff auf ihre äusseren Feinde – insbesondere auf den ehemaligen deutschen Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück – zu erreichen suchte. Mirabaud war glorios gescheitert. Am Ende seiner Ära lagen sich alle in den Haaren: Privatbanken gegen Grossbanken, Raiff­eisenbanken gegen Kantonalbanken, Privatbanken gegen Kantonalbanken usw.

Kampf um Bankgeheimnis

Patrick Odier versuchte zu schlichten. Er ist ein intelligenter, geduldiger Debattierer und Verhandler, dem es letztlich immer «um die Sache» geht, wie er glaubwürdig zu betonen pflegt. Schon ein Jahr nach seiner Wahl verkündete er am Bankiertag: «Die Reihen haben sich wieder geschlossen.» Doch der Vater jenes Gedankens war ganz allein Odiers Wunsch. Die brancheninternen Streitereien wurden immer giftiger. Im Zentrum aber stand stets das Bankgeheimnis, das für die Privatbanken eine ungleich grössere Bedeutung hatte als für die inlandorientierten Kreditbanken. Auch die Grossbanken hätten das Bankgeheimnis gerne am Leben erhalten, wenn sie es mit ihren Geschäftspraktiken vor allem in den USA nicht selber beerdigt hätten.

Im August 2013 erreichte die Krise im Branchenverband ihren Höhepunkt. Die US-Justizbehörden hatten den Schweizer Banken soeben ein Programm angeboten, unter dem sie für ihre mutmass­lichen Sünden bei der Betreuung unversteuerter Vermögen Abbitte leisten konnten. Die ganze Branche fand sich in amerikanischer Sippenhaft wieder, und weder der Bundesrat noch die Bankiervereinigung markierten Widerstand.

Abneigung gegen Odier

Kantonal- und Regionalbanken sowie den Raiffeisenbanken, die grossmehrheitlich kaum US-Kunden hatten, aber einen grossen Aufwand betreiben mussten, um dies der US-Justiz zu beweisen, ist Patrick Odier seither ein rotes Tuch. Statt frühzeitig auf eine echte Weissgeldstrategie einzuschwenken, habe er mitgeholfen, das Leben des Bankgeheimnisses künstlich zu verlängern, lautet ein Vorwurf. Ideen wie die Abgeltungssteuer, welche die Privatbanken dem Verband sowie dem Bundesrat als zukunftsträchtige Strategie für die Fortsetzung des Bankgeheimnisses für ausländische Kunden zu verkaufen verstanden hatten, erwiesen sich als Zeit raubende Rohrkrepierer. Die hohe Glaubwürdigkeit, welche die Bankiervereinigung einst in der Politik genossen hatte und die es ihr erlaubte, aktiv an der Gestaltung der Rahmenbedingungen mitzuwirken, war fast gänzlich verloren. Schon vor drei Jahren stimmten viele Banken nur zähneknirschend Odiers Wahl für eine weitere Amtsperiode zu. An einen Gegenkandidaten war mit Blick auf den damals noch offenen Ausgang des US-Steuerstreits nicht zu denken.

Das ist inzwischen anders. Die grössten politischen Krisen der Bankiers gehören der Vergangenheit an. Noch gibt es zwar Reibereien wie zum Beispiel jene um ein neues EU-kompatibles Finanzdienstleistungsgesetz. An dem haben die Privatbanken mit ihrer internationalen Kundschaft ein grosses Interesse, die vorwiegend für die heimische Kundschaft tätigen Banken hingegen gar nicht. Doch das sind Gegensätze, die sich überwinden lassen, Streitpunkte, an denen der Branchenverband und dessen Präsident als Integratoren sogar wieder wachsen könnten.

Wahl am 20. Juni?

Jetzt ist es Zeit, nach vorne zu schauen und wieder die gemeinsamen Interessen zu pflegen, heisst es in der Branche. Seit zwei Jahren sitzen mit Axel Weber und Urs Rohner die Präsidenten der beiden Grossbanken UBS und Credit Suisse höchstpersönlich im Verwaltungsrat der Bankiervereinigung. Sie haben damit ein Bekenntnis abgegeben, mehr Verantwortung für den heimischen Finanzplatz zu übernehmen und sich auch politisch stärker zu exponieren.

CS-Präsident Rohner leitet die Findungskommission, die sich die Suche nach Odiers Nachfolger zur Aufgabe gemacht hat. Die Wahl wird voraussichtlich an der Verwaltungsratssitzung vom 20. Juni erfolgen und am Bankiertag im September bestätigt werden. Informationen aus mehreren voneinander unabhängigen Quellen deuten darauf hin, dass nur nur noch Fruithof und Vincenz ernsthaft im Rennen sind. Beide Kandidaten haben genügend Rückhalt in der Branche, um eine Mehrheit des Verwaltungsrates auf sich vereinigen zu können. Beide stossen an unterschiedlichen Stellen aber auch auf Ablehnung.

«Kompatibler» Fruithof

Pierin Vincenz hat bei den Privatbankiers einen schweren Stand. Diese würden fast jedem seiner Mitbewerber den Vorzug geben. Vor allem die Vertreter der altehrwürdigen Häuser aus Genf werden dem ehemalige Raiffeisen-Chef nie ganz verzeihen, wie er vor einigen Jahren das Tabu gebrochen hatte und den Bankenverband mit einem öffentlichen Bekenntnis gegen die Abgeltungssteuer desavouiert hatte. Damals war die Abgeltungssteuer noch offizielle Strategie der Bankiervereinigung und des Bundesrates.

Vincenz gehörte auch zu den Ersten, die vor drei Jahren hinter dem Vorhang für eine Absetzung Patrick Odiers lobbyiert hatten. Renaud de Planta, Partner des führenden Genfer Vermögensverwalters Pictet, machte aus seiner ablehnenden Haltung zu einer Kandidatur von Vincenz keinen Hehl, als er der «Finanz und Wirtschaft» unlängst erklärte: Bei der Wahl des Präsidenten gehe es vor allem um die internationale Dimension des Finanzplatzes. Die Position dürfe nicht von einem inlandorientierten Exponenten der Branche besetzt werden.

Pierin Vincenz ist selbstredend erste Wahl für alle Kantonal- und Regionalbanken wie auch für die Raiffeisen-Gruppe. Aber auch auf der Geschäftsstelle der Bankiervereinigung in Basel hat man ein Herz für den wohl populärsten und bekanntesten Banker im Land. Vincenz hat es mit seinen gezielten Tabubrüchen in der Kommunikation verstanden, Lösungen möglich zu machen, zu denen der mutlose Präsident kaum fähig war. Zudem verfügt Vincenz auch in der nationalen Politik über genügend Profil, um den Branchenverband in Bern wieder ins Geschäft zu bringen.

Der Hauptvorteil seines Widersachers Barend Fruithof ist, dass er keine Gruppierung unter den Mitgliedsbanken gegen sich hat. Nicht zufällig wählten die Banken den 49-jährigen Zürcher mit dem Namen seiner holländischen Vorfahren zum Präsidenten von Esisuisse, ihrem Selbsthilfeverein für eine gemeinsame Einlagensicherung. Fruithof zeigt als Präsident von Arbeitgeber Banken und als Vorstandsmitglied im Schweizerischen Arbeitgeberverband auch anderweitig Bereitschaft, in der politischen Verbandsarbeit wirklich Hand anzulegen. Barend Fruithof sagt von sich selber, dass ihn die Schnittstellen zwischen Politik und Wirtschaft besonders interessierten.

Nach Berufslehre und Weiterbildung in der Landwirtschaft avancierte Fruithof im Alter von nur 24 Jahren zum kaufmännischen Leiter des Zürcher Bauernverbandes. Dort lernte er auch den heutigen Finanzminister Ueli Mauer kennen. Die beiden sind bis heute Duzfreunde. Fruithof bildete sich zum Betriebsökonomen, Marketingleiter und schliesslich zum Master of Business Administration an der Universität St. Gallen weiter. Gleichzeitig schlug er eine Karriere im Bankensektor ein. Diese führte ihn von der Zürcher Kantonalbank über die Raiffeisen-Gruppe bis zur CS – und zuletzt in die Geschäftsleitung von Julius Bär.

Präsidentenjob ist wenig lukrativ

Barend Fruithof ist in der breiten Öffentlichkeit noch ein unbeschriebenes Blatt. Deshalb ist er in der Basler Geschäftsstelle der Bankiervereinigung auch nicht der Wunschkandidat. Doch branchenintern geniesst der Quereinsteiger einen ausgezeichneten Ruf, und vor allem wäre er offenbar bereit, trotz seines noch jungen Alters den aufwendigen und finanziell wenig lukrativen Präsidentenjob anzunehmen.

Rohner und seine Findungskommission werden mit ihrer Wahl aber nolens volens eine Partei enttäuschen müssen. Ob am Ende der echte oder der falsche Bauer den Job erhält, ist allerdings kaum entscheidend. Wichtiger ist der Wille der Bankiers und ihrer Vereinigung, den Finanzplatz als «Allmend» wieder gemeinsam zu bewirtschaften. Gelingen kann das Vorhaben allerdings nur dann, wenn sie sich für die Verrichtung der Feldarbeit nicht zu schade sind. «Meh Dräck» würde der Ratschlag des Rockmusikers Chris von Rohr an die Banker lauten.