Firmen
Firmen schicken ihre «Bürogummis» in die Natur

Für die Teambildung setzen Grossfirmen auf körperliche Arbeit statt auf Abenteuer-Events. Und die Arbeitseinsätze im Wald oder auf der Alp liegen nicht nur bei Firmen im Trend: Auch immer mehr Freiwillige melden sich.

Merken
Drucken
Teilen
Firmen schicken «Bürogummis» in die Natur

Firmen schicken «Bürogummis» in die Natur

Karen Schärer

Mit gutem Schuhwerk, Handschuhen und Werkzeug ausgerüstet entfernen Migros-Angestellte auf der Alpwiese Büsche und Sträucher. CS-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter pflanzen im Bergwald Bäume und errichten Zäune. Grossfirmen entdecken eine neue Art der Aktivität für ihre Mitarbeitenden: die körperliche Arbeit in der Natur.

«Wir verzeichnen akut viele Anfragen von Grossfirmen», sagt Marianne Hassenstein, Geschäftsführerin der Stiftung Umwelt-Einsatz Schweiz. Ähnlich tönt es beim Bergwaldprojekt, welches Arbeitseinsätze für Freiwillige im Bergwald durchführt: «Es besteht ein grosses Inte-
resse an unseren Corporate Volunteering Days. Die Anmeldungen sind dieses Jahr deutlich höher als im Vorjahr», sagt der Medienverantwortliche Markus Ruoss.

Der WWF bietet Firmen nach zwei Aufbaujahren dieses Jahr zum ersten Mal im Normalbetrieb seine so genannten NaturAktiv-Tage an. Mit grossem Erfolg: «Wir haben noch fast gar nicht für das Angebot geworben und haben trotzdem viele Anfragen», sagt Kurt Eichenberger. Dieses Jahr wird die Umweltorganisation im Unterengadin und Zentralwallis je 15 Einsätze anbieten. Das Endziel sei, sagt Eichenberger, das Angebot gezielt auszubauen, aber vor allem auf Qualität zu setzen, um die Teilnehmenden nachhaltig für Natur und Kultur zu sensibilisieren.

Firmen wie Swisscom, Migros und Credit Suisse schicken Mitarbeitende mit dem WWF in den Natur-Einsatz, wo sie beispielsweise Magerwiesen von Büschen und Sträuchern befreien, um die auf diesen Wiesen besonders reichhaltige Artenvielfalt zu bewahren. Die Stiftung Umwelt-Einsatz organisiert für Versicherungs- oder Bankangestellte beispielsweise eintägige Pflegeeinsätze in einem Naturschutzgebiet. Beim Bergwaldprojekt pflegen unter anderem CS-Mitarbeitende den Bergwald, bauen Wege und Zäune, pflanzen und fällen Bäume.

Vor wenigen Jahren noch seilten sich Arbeitskollegen gemeinsam von einer Klippe ab; Kaderangestellte bezwangen mit ihren Untergebenen Wildwasserflüsse. Solche Tätigkeiten sollten der Teambildung dienen. «Firmen kommen weg von den Abenteuer-Events», beobachtet Kurt Eichenberger vom WWF.

Markus Ruoss vom Bergwaldprojekt hebt den Vorteil des Arbeitseinsatzes hervor: «Die Teambildung entsteht wohl fast noch besser, wenn man miteinander etwas macht, als wenn man miteinander etwas erlebt.» Angenehmer Nebeneffekt: Die Firma zeigt, dass sie sich für die Umwelt einsetzt. «Nachhaltiges Engagement ist in der heutigen Zeit ein Konkurrenzvorteil», weiss Eichenberger. Damit heisst die neue Losung: Hacke statt Kletterseil; Bergschuhe statt Paddel.

Trend auch bei Einzelpersonen

Doch Arbeitseinsätze in der Natur liegen nicht nur bei Firmen im Trend. Organisatoren verzeichnen eine steigende Nachfrage auch von Gruppen (etwa Schulklassen) und Einzelpersonen. «Seit 2006 steigt die Nachfrage deutlich», sagt Ruoss vom Bergwaldprojekt. Konkret: 2008 haben in den Projektwochen 1627 Personen 8135 Arbeitstage geleistet, 2009 waren es rund 400 mehr, nämlich 2097 Personen, was 10485 Arbeitstage für den Bergwald ergab. 2008 leisteten Firmenangehörige darüber hinaus 690 Einsatztage, 2009 bereits 1048 Einsatztage im Bergwald.

Einen stetigen Anstieg registriert man auch bei der Stiftung Umwelt-Einsatz Schweiz. Konnten 1994 erst 2767 Personen für einen Arbeitseinsatz vermittelt werden, waren es 15 Jahre später, im Jahr 2009, bereits 3422. Die Freiwilligen kämen aus allen Schichten, Alters- und Berufsgruppen, heisst es bei Organisatoren unisono.

Einen Höhenflug erlebt auch der ehemalige Landdienst, der heute Agriviva heisst: Im Jahr 2009 stieg die Zahl der vorwiegend Jugendlichen, die auf einem Bauernhof einen Einsatz leisteten, um zehn Prozent. «Dieses Jahr sieht es ähnlich aus; wir werden das Niveau voraussichtlich halten können», sagt Jolanda Dietiker von Agriviva.

Organisatoren von Arbeitseinsätzen berichten von begeisterten Rückmeldungen – und dies unabhängig davon, ob sich die Leute aus eigenem Antrieb gemeldet hatten oder ob sie vom Arbeitgeber angemeldet worden waren.