Fleischersatz
Milch aus Schweizer Hafer – Burger aus brasilianischem Soja: Warum Schweizer Bauern dem Vegi-Boom hinterherhinken

Konsumenten greifen zunehmend zu pflanzenbasiertem Fleischersatz. Dafür notwendige Rohstoffe wie Soja oder Erbsen werden hierzulande aber selten angepflanzt. Doch das Interesse steigt.

Gabriela Jordan
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Vegi-Produkte aus Soja, Erbsen oder Kichererbsen sind stark gefragt: Seit 2016 wurden jedes Jahr im Schnitt über 18 Prozent mehr von diesen Produkten verkauft.

Vegi-Produkte aus Soja, Erbsen oder Kichererbsen sind stark gefragt: Seit 2016 wurden jedes Jahr im Schnitt über 18 Prozent mehr von diesen Produkten verkauft.

OAS

Schweizweit preist Musikerin Stefanie Heinzmann in Werbespots und Plakatkampagnen aktuell die Hafermilchmarke Beleaf von Emmi an. Hafermilch hat im Eiltempo die Supermarktregale und Kühlschränke in der Schweiz erobert und ist inzwischen zu einer ernsthaften Konkurrenz für weniger ökologische Produkte wie Soja-, Mandel- oder Kuhmilch geworden. Der Hafer stammt dabei immer häufiger aus der Schweiz, so auch bei der Marke vom Milchverarbeiter Emmi.

Anders ist das bei Ersatzprodukten für Fleisch: Nahezu alle pflanzlichen Proteine für vegane Burger, Schnitzel, Würste oder Tofu werden importiert, teils aus Europa, teils aus weiter gelegenen Kontinenten. Erst geringe Mengen von beispielsweise Soja werden im Inland produziert. Von dem boomenden Geschäft mit Vegi-Burgern und Co. profitiert die Schweizer Landwirtschaft also noch nicht. Dies geht aus einem am Montag publizierten Report des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW) hervor.

Hat die Branche den Trend verschlafen? Das Geschäft mit Fleischersatz ist zwar immer noch eine Nische, der Markt wächst jedoch rasant: Seit 2016 beträgt das jährliche Umsatzwachstum in der Schweiz über 18 Prozent. Marken wie V-Love (Migros), Green Mountain (Coop-Tocher Bell), Garden Gourmet (Nestlé) oder Planted beteuern, den Anteil an Schweizer Rohstoffen erhöhen zu wollen. Dafür seien sie mit ihren Produzenten und mit Verbänden in engem Kontakt.

Bauern wollen mehr Grenzschutz – Naturschützer weniger Fleischförderung

Mehr anbauen liessen sich Soja, Erbsen, Bohnen oder Linsen hierzulande durchaus. Seit 2014 geht es beim Pflanzenbau generell aber sogar in die andere Richtung: Nach Angaben des Schweizer Bauernverbandes (SBV) ist der Anteil am Selbstversorgungsgrad in diesem Bereich rückläufig – und mit 37 Prozent ohnehin schon tief. «Das Interesse und das Potenzial für Fleischersatz sind da. Die Bereitschaft der Bauern ist vorhanden, in diesen Anbau einzusteigen», versichert nun Verbandssprecherin Sandra Helfenstein. Beispielsweise liefen erste Versuche mit Kichererbsen.

Im gleichen Atemzug weist sie auf mehrere Hürden hin, die teilweise auch im BLW-Report Erwähnung finden: Damit Schweizer Rohstoffe verarbeitet werden können, brauche es eine inländische Verarbeitungsindustrie. Auch das BLW betonte:

«Nur die Eiweissproduktion hochzufahren, reicht nicht. Eine Zusammenarbeit über die ganze Wertschöpfungskette wäre notwendig».

Weiter sei die Sensibilität für die Herkunft bei pflanzlichen Rohstoffen geringer als bei Fleisch. Grösster Bremsklotz ist aus Sicht des Bauernverbandes jedoch der fehlende Grenzschutz. Weil der Import der pflanzlichen Rohstoffe oder sogar der fertigen Produkte aktuell so günstig sei, lohne sich ein inländischer Anbau kaum.

Soll der Staat also einfach die Zölle hochfahren? Wäre der Herstellung von Fleischersatz und einem letztlich tieferen Fleischkonsum so gedient? Die Naturschutzorganisation Pro Natura widerspricht. Zunächst müsse der Fokus weg vom Fleisch verschoben werden: «Am wichtigsten wäre eine Anpassung der Direktzahlungen. Rund 80 Prozent der Gelder fliessen heute in die Produktion von tierischen Produkten, nur 20 Prozent in die von pflanzlichen», sagt Marcel Liner, Leiter Landwirtschaftspolitik bei Pro Natura. Je nach Berechnungsgrundlage variieren diese Zahlen jedoch: Das BLW spricht bei den Direktzahlungen von einem Verhältnis von 43 Prozent (in Bezug auf Tierbestand) und 57 Prozent (pflanzliche Produkte).

Fleischlobby dürfte einen neuen Verteilungskampf gewinnen

So oder so wundert sich Marcel Liner, dass der BLW-Fleischersatz-Report auf eine Gegenüberstellung der staatlichen Fördermassnahmen für Fleisch und Fleischersatz respektive für pflanzliche Rohstoffe verzichtet. Nebst den Direktzahlungen und dem Grenzschutz – welchen es beim Fleisch gibt – kann der Staat noch bei den Strukturverbesserungen und der Absatzförderung steuern: So wurden 2019 über Proviande 5,7 Millionen Franken für Fleischwerbung ausgegeben. Ins Marketing für pflanzliche Produkte flossen über verschiedene Verbände 5 Millionen (ohne Wein), für Käse, Milch und Butter 31 Millionen.

«Die Landwirtschaft und der Staat haben den Zug für eine nachhaltige Lebensmittelproduktion bisher verpasst», sagt Liner. Ob sich das in nächster Zeit ändert, bleibt trotz des zunehmenden Bewusstseins für Nachhaltigkeit in der Bevölkerung zu bezweifeln. Denn würde eine stärkere Förderung von pflanzlichen Rohstoffen bedeuten, den Verteilungskampf um Staatsgelder neu zu lancieren, dürfte ihn die starke Fleischlobby im Moment wohl noch für sich gewinnen. Die politische Diskussion bewegt sich deswegen nur in Kleinstschritten vorwärts. Auch das BLW scheint vor diesem Hintergrund mit seinem Report keine Widerstände provoziert haben zu wollen.

Wie hoch der Fleischkonsum bleibt, hängt letztlich aber auch von den Konsumenten ab. Sie können schon jetzt zu den – momentan meist noch teureren – Ersatzprodukten greifen. Oder einfach häufiger Kartoffeln, Getreide, Linsen oder Gemüse kochen. Das würde das Klima noch weniger belasten. Auch die Verarbeitungsindustrie benötigt für die Herstellung von Vegi-Plätzchen und Tofu-Burgern schliesslich Energie.